Hallo Welt – wir kommen!

■ »Ich habe meiner Klasse von dem Artikel in der visAvie erzählt und die Schüler gefragt, ob sie wissen, warum man über ihre Klasse etwas schreiben will«, sagt Annerose Kauderer. Die Sonderschullehrerin des Sprachheilzentrums Ravensburg unterrichtet gemeinsam mit einer Grundschullehrerin 21 Kinder in einer Außen- und Inklusionsklasse an der Neuwiesenschule Ravensburg. Besonderheit dieser Klasse: Vier Zweitklässler, die sprachlich und sonderpädagogisch gefördert werden, drücken zusammen mit zehn Erstklässlern und neun Zweitklässlern der allgemeinen Grundschule die Schulbank, und das seit dem Schuljahr 2010/2011.
warum nun soll man über diese Klasse, die Ü2, schreiben? Alle Schülerinnen und Schüler waren sich einig, erzählt Annerose Kauderer. Einig, dass man wohl deshalb über sie berichten wolle, weil die Ü2 zwei Klassenzimmer habe und die 1. und 2. Klasse zusammen unterrichtet wird. Aussagen ihrer Schützlinge, dass die Ü2 aus Kindern mit und ohne sprachlichem Förderbedarf bestehe, hat sie nicht vernommen.

In der gemeinsamen Klasse soll jede Schülerin und jeder Schüler in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen und akzeptiert werden. Begriffe wie »Behinderung« und »Nichtbehinderung« werden im Unterricht nicht verwendet, denn beide Schülergruppen sollen sich als eine zusammengehörende Klasse erfahren. Aus diesem Grund praktizieren die Lehrer in der Ü2 flexiblen und offenen Unterricht, was außerdem dem unterschiedlichen Alter der Kinder entgegenkommt. Zwei Klassenräume, die jeweils für alle Schüler der Klasse bestuhlt sind, unterstützen diesen individuellen Ansatz. So wird beispielsweise wöchentlich entschieden, ob mit leistungsschwächeren Erstklässlern in einem Klassenzimmer nochmals Unterrichtsstoff wiederholt und mit den anderen Schülern das Thema im zweiten Klassenzimmer fortgeführt wird.

Dezentralisierungsvorhaben in der Behindertenhilfe, Stand: März 2012.
  Zu Hause in der Stadt: Peter* in seinem Zimmer mitten in Ravensburg.  Ist Dezentralisierung ein Allheilmittel? Geschützte Räume – wie hier in der Haslachmühle – bieten Menschen mit Behinderung auch Sicherheit und das Gefühl von Heimat. Viele leben gern hier und fühlen sich zu Hause.
Bilderstrecke: Dezentralisierung in den Zieglerschen (3 Bilder).

»Es ist schön, den Schülern mit erhöhtem Förderbedarf diesen schulischen Rahmen bieten zu können: wohnortnahe Beschulung, ein normales Schulerleben als Grundschulkind und vor allem für diese Kinder angemessen Zeit zu haben, sie einzeln und in der Gruppe sprachlich zu fördern«, sagt Annerose Kauderer. »Noch immer bin ich froh, die Möglichkeit genutzt zu haben, in der Klasse Ü2 in der Neuwiesenschule arbeiten zu können.« Sie genießt die guten Rahmenbedingungen und die dadurch mögliche Arbeit mit den Kindern der ganzen Grundschulklasse.

Insgesamt 30 Schülerinnen und Schüler des Hör-Sprachzentrums werden in diesem Schuljahr in verschiedenen Grundschulen in Oberschwaben inklusiv beschult. In der Neuwiesenschule in Ravensburg wurde bereits die zweite Außen-/ Inklusionsklasse installiert. Geplant ist, dieses gemeinsame Schulangebot für Kinder mit und ohne Sprachbehinderung für die Klassen eins bis vier einzurichten. »Solche Modellprojekte hängen stark von der Bereitschaft der Beteiligten ab, sich auf Neues einzulassen sowie von der guten Zusammenarbeit zwischen den beiden Schulen – hier der Neuwiesenschule und dem Sprachheilzentrum«, sagt Ursula Belli-Schillinger, Fachliche Geschäftsführerin des Hör-Sprachzentrums. »Wir begeben uns hier auf neue Wege und sammeln wertvolle Erfahrungen. Das heißt aber auch, dass Raum da sein muss, um Dinge auszuprobieren«.

Auf neue Wege begibt sich auch die Behindertenhilfe. Bereits vor Jahren hat man hier das Projekt »Dezentralisierung in der Behindertenhilfe« gestartet, kurz: »DeziBel«. Mit Förderung von »Aktion Mensch« werden an verschiedenen Orten der Region neue Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen aller Altersgruppen entstehen, damit sie tatsächlich wählen können, ob sie lieber in der Stadt oder auf dem Land leben und arbeiten wollen. Damit sie also Wahlmöglichkeiten haben – ganz im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention.

Nach langem Vorlauf ist es im Sommer soweit: Dann ziehen 18 Menschen mit Behinderungen nach Bad Saulgau. Die »Umsiedler« sind bereits gefunden, ebenso ein neues Team um Leiterin Silke Fischer. Ob die WG in Bad Saulgau funktioniert? Bestimmt. Der nächste neue Standort ist Aulendorf. Hier wurde bereits ein schönes Grundstück gegenüber der Schwaben-Therme gekauft, die Bauplanungen laufen. Entstehen wird ein neues Wohnhaus plus Förder- und Betreuungsbereich (FuB). Der Einzug ist für Frühjahr 2014 geplant.

in biberach wird der ungewöhnlichste neue Standort geplant. Mitten im dichtbesiedelten Stadtteil Mittelberg entsteht auf dem Gelände der Bonhoefferkirche das »neue Bonhoefferhaus« (siehe visAvie 4/2011). Es wird künftig von Kirchengemeinde, Behindertenhilfe und Altenhilfe gemeinsam genutzt. Für die Behindertenhilfe sind ein Wohnhaus für 14 Menschen, ein Förder- und Betreuungsbereich, betreute Wohnungen und ein Seniorenbereich geplant. Im Mai 2012 läutet ein großer Visionstag mit Anwohnern, Ladenbesitzern, Gemeindemitgliedern etc. die konkrete Arbeit ein und Ende 2012 beginnen die Bauarbeiten. 2014 ist die Inbetriebnahme geplant. Zu guter Letzt laufen Gespräche und Planungen auch im Bodenseekreis und im Landkreis Konstanz. 2015 bzw. 2016 / 2017 will die Behindertenhilfe hier zu finden sein.

daneben werden die bereits bestehenden Außenstandorte ausgebaut. Zum Beispiel Obereschach. Seit über zehn Jahren leben neun Menschen mit Behinderung in einem geräumig-gemütlichen Einfamilienhaus: »Haus Sara«. Sie werden von einem 10-köpfigen Team betreut. Eine der WG-Bewohner/innen ist Anna*. Wenn Ruth Häberle*, eine Dorfbewohnerin, die sich ehrenamtlich engagiert, zum gemeinsamen Spaziergang vorbeikommt, strahlen Annas Augen. »Das ist ihr Highlight der Woche«, berichtet eine Mitarbeiterin. Überhaupt, wer die Gruppe besucht, der sieht: Hier geht’s familiär zu – fast wie in einer echten Großfamilie. Im Laufe der Jahre sind zu Nachbarn und Ortsbewohnern nette Beziehungen entstanden. »Es braucht Jahre, bis so etwas wächst«, erklärt Heinke Scheerer, die Leiterin der Wohngruppe. In der Nähe von Haus Sara soll jetzt ein weiteres Wohnhaus mit neun Plätzen gebaut werden. Ein passendes Grundstück wurde schon ins Auge gefasst…

Ganz anders lebt peter*. Er ist vor drei Jahren nach Ravensburg gezogen. Hier fühlt er sich pudelwohl und schätzt die Freiheiten, die das Leben in einer belebten Innenstadt zu bieten hat. Besonders liebt er es, dienstags mit seinem Gruppenleiter Max Gwinn in den Boxverein zu gehen.

Peter und Anna sind in ihren Wohngruppen in der Stadt und auf dem Dorf gut aufgehoben. Sie und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schätzen das familiäre Miteinander, das kleinere Wohneinheiten oft bieten und die Kontakte zu Nachbarn und Freunden.

doch ist dezentralisierung gleich inklusion? Sind wir voll durchinkludiert, wenn erst alle Wohnplätze von den bisherigen Hauptstandorten Wilhelmsdorf und Haslachmühle verlagert sind? Oder wird Inklusion bereits in Wilhelmsdorf und der Haslachmühle gelebt, wo das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung sich im Straßenbild, im Vereinsleben, in zwanglosen Begegnungen, in tiefen Freundschaften und auch in den christlichen Gemeinden widerspiegelt? Wer definiert eigentlich, wann jemand inkludiert ist? Diesen Fragen geht jetzt eine Studie der Hochschule Weingarten nach, deren Ergebnisse Ende März mit Spannung erwartet werden.

Für Gisela Eberl ist die Antwort jetzt schon klar. Die Vorsitzende des Heimbeirates, selbst »Heim«-Bewohnerin, die die Interessen ihrer »Kollegen« vertritt, hat dazu eine klare Meinung: »Wilhelmsdorf ist für mich das beste Beispiel für Inklusion. Es gibt viele Bewohner, die sich hier zu Hause fühlen. Natürlich sollte man junge Leute in die Außenwohngruppen umziehen und machen lassen. Ich hätte das in meiner Jugend auch gerne gemacht.« Aber, so meint sie auch: »Das Wort des Bewohners sollte entscheidend sein. Ich zum Beispiel lebe seit 40 Jahren hier in Wilhelmsdorf und möchte nicht mehr umziehen. Ich fühle mich hier daheim.«

Aus eigener Erfahrung wissen auch die Mitarbeitenden der Behindertenhilfe, wie wichtig gerade für ihre Kunden – Menschen mit Hör-Sprach- und zusätzlicher geistiger Behinderung – geschützte (Sprach-)räume und Sonderschulen sind. Sie bieten Sicherheit und das Gefühl von Heimat – manchmal auch nur so lange, bis sich ein Kunde den Umzug in eine Außenwohngruppe selber zutraut. Sie bieten ein hohes Maß an Selbstständigkeit, persönlicher Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeit – wie etwa für nicht verkehrssichere Kunden, die sich auf dem autofreien Gelände der Haslachmühle frei bewegen können. Viele leben gerne in den geschützten barrierefreien Räumen. »Unsere geschützten Räume neben den Außenwohngruppen zu erhalten, ist unser Ziel. Nur so wird die Vielfalt der Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zugelassen und auch dem Wunsch- und Wahlrecht Genüge getan – denn wer wählen soll, dem müssen auch Alternativen geboten werden. Inklusion darf nicht zur Gleichmacherei führen. Jeder Mensch ist anders«, beschreibt es Sven Lange, Fachlicher Geschäftsführer in der Behindertenhilfe.

Szenenwechsel. gibt es inklusion eigentlich auch in der Jugendhilfe? Die Antwort ist ja. Schon länger, als man von »Inklusion« spricht. Regelschulen beraten, hilfesuchende Eltern betreuen, verhaltensauffällige junge Menschen in Familien zurückführen und in Regelschulen integrieren – für die Profis der Jugendhilfe ist das ein jahrelang erprobtes Feld.

zum Beispiel Fritz*. Er hats geschafft. Ein Jahr lang hat er im Martinshaus Kleintobel gebüffelt, nun kehrt er wieder zu seiner Familie und an eine »normale« Schule zurück. »Wir führten mit Fritz und seinen Eltern zu Beginn viele Gespräche – irgendwann war klar, dass Fritz‘ Probleme nicht schulisch bedingt sind, sondern von der Familie herrühren«, so Schulleiter Thomas Frick. Er freut sich über den Erfolg des 16-Jährigen, der wegen schulischer Auffälligkeiten in die Schule für Erziehungshilfe mit integrierter Realschule ans Martinshaus kam. Es folgten Gespräche mit Klassenlehrer, Bezugserzieher, Psychologe, Fachdienst und Vertretern des Jugendamtes, um gemeinsam die familiären Probleme lösen zu können. »Dabei sind sich Fritz und seine Eltern wieder näher gekommen«, erläutert Thomas Frick. Aus Erfahrung weiß er, dass bei vielen Jugendlichen Schulprobleme mit Konflikten im Elternhaus einhergehen. »Da führt das eine dann zum anderen.«

auch in der Suchthilfe wird inklusion schon immer gelebt. Selbst vor über 100 Jahren, als die Suchthilfe noch »Trinkerheilanstalt« hieß, war es das Ziel, Menschen den Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen. Und so ist es bis heute. Petra* steht kurz vor Ende ihrer Reha in der Tagesrehabilitation Bodensee-Oberschwaben in Ravensburg. Nach einem sehr schwierigen Jahr und einem Alkoholrückfall nach einer stationären Therapie macht sich bei der 32-Jährigen wieder Zuversicht breit. Ihre Entlassung steht kurz bevor. In einer langen, langsamen Therapie hat sie es geschafft, ihre »seelischen Pakete« loszuwerden. Konkret hieß dies, sich von der Familie zu lösen, ihre Beziehungen zu anderen neu zu gestalten und eine berufliche Perspektive zu entwickeln. Ihre berufliche Neuorientierung hat Petra fest im Blick. Nach Therapieende nimmt sie an einer vierwöchigen Orientierungsmaßnahme teil. Ihre Berufswünsche: biologisch-technische Assistentin oder Industriekauffrau. Den Kontakt zur Nachsorge hat sie bereits in die Wege geleitet. Zudem hat sie sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen und parallel ihre Wohnung renoviert. »Ich bin wieder aktiv geworden«, sagt sie. Auch Petra ist auf einem guten Weg. Zurück in die Gesellschaft.

Autorenteam: Sabine Batram, Annette Scherer, Katharina Stohr, Harald Dubyk