»Ein Beweis für die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten«

Der 1. Jahrgang des Modellprojekts »FSJ Plus« geht erfolgreich zu Eunde / fünfzehn junge Menschen haben in der Diakonie geschafft, was sie selbst kaum für möglich hielten: Ihren Realschulabschluss.
■ Die Zahlen klingen zunächst nicht besonders spektakulär: fünfzehn Absolventinnen und Absolventen des bundesweit einmaligen Projekts „FSJ plus“ haben im Juli in Wilhelmsdorf ihre Realschulzeugnisse erhalten. Von 25 jungen Erwachsenen, die vor zwei Jahren im erstmals gestarteten Projekt „FSJ plus“ begannen, wurden 18 zur Prüfung zugelassen. Und fünfzehn – eben jene fünfzehn – haben sie bestanden.

Doch wirft man einen Blick hinter die nackten Zahlen, dann bekommen diese fünfzehn Abschlüsse einen ganz anderen Stellenwert. Zum Beispiel dann, wenn man die früheren „Schulkarrieren“ der Kandidaten betrachtet, von denen die meisten nur mit Schwierigkeiten ihren Hauptschulabschluss geschafft haben. Fast alle FSJ plus-ler haben oft jahrelang keine Schulbank mehr gedrückt und ihre Begeisterung für die Schule hielt sich wohl ohnehin in Grenzen. Hinzu kommt: kein Realschulabschluss ist schwerer zu erlangen als der, den man mit der „Schulfremdenprüfung“ erwirbt. Bei der Schulfremdenprüfung liegt die „Durchfallerquote“ normalerweise bei 70 Prozent. Die viel gelobte Wilhelmsdorfer Realschule hatte die Prüfung erstmals abgenommen.

Deshalb ist das Projekt „FSJ plus“, bei dem junge Erwachsene – natürlich in der Diakonie – nicht nur ein Freiwilliges Soziales Jahr machen, sondern auch einen weiterführenden Bildungsabschluss erlangen können, sehr erfolgreich zu Ende gegangen. Und deshalb wird das Projekt künftig zur Regeleinrichtung. Der schulische Teil des „FSJ plus“ wird in Zukunft als Abendrealschule geführt, Schulort bleibt die Gotthilf-Vöhringer-Schule in Wilhelmsdorf.

Die praktischen Teile ihres Freiwilligen Sozialen Jahres, das durch das schulische Zusatzangebot insgesamt zwei Jahre dauert, absolvieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch künftig in Einrichtungen der württembergischen Diakonie, insbesondere in der Behindertenhilfe und in der Altenhilfe.

Mit dem FSJ plus hat das Diakonische Werk gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen, wie Projektleiter Wolfgang Hinz-Rommel bei der Zeugnisübergabe sagte. Zum einen sei es gelungen, das erfolgreiche Angebot „Freiwilliges Soziales Jahr“ durch das „Plus“ noch erfolgreicher zu machen. Zum anderen löse das Angebot das Problem vieler ausbildungswilliger Hauptschulabsolventen, dass heutzutage fast alle sozialen Berufe einen Realschulabschluss forderten. Und schließlich, Wolfgang Hinz-Rommel, liege das FSJ plus in einem „topaktuellen bildungspolitischen Trend, indem es formales Lernen an der Schule und informelles Lernen an den Einsatzstellen“ zusammenbringe.

Von den fünfzehn Absolventen beginnen vierzehn im Anschluss an ihr FSJ plus eine Ausbildung, dreizehn von ihnen in einem sozialen Beruf, den sie während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres kennen gelernt hatten. Der neue Durchgang im FSJ plus beginnt in diesem September. Regierungsschuldirektor Heinz Schlumpberger vom Regierungspräsidium Tübingen, der zuständigen Schulaufsichtsbehörde, nutzte die Gelegenheit, um angesichts der aktuellen Diskussion um die Bildungslandschaft in Baden-Württemberg das von seiner Behörde begleitete Modell „FSJ plus“ als „Beweis für die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten des baden-württembergischen Schulsystems“ anzuführen. Das Regierungspräsidium hat es auch ermöglicht, dass künftig „FSJ plus“ als Abendrealschule geführt wird.

Finanziert wird das Projekt einerseits aus Eigenmitteln des Diakonischen Werkes Württemberg und aus Beiträgen der Einsatzstellen. Gefördert wird es aus Mitteln des Bundesfamilienministeriums und des Sozialministeriums Baden-Württemberg, außerdem aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.