Freiheit oder Überforderung?

■ Ravensburg am Rutendienstag-Abend. Dichtes Gedränge herrscht in einem beliebten Cafe am Marienplatz. Stühle werden hin- und hergerückt, freie Sitzplätze langsam Mangelware. Gleich wird sich eine große Menschentraube Richtung Bärengarten bewegen, um das abschließende Feuerwerk des Rutenfestes zu bewundern. Ein paar Ecken weiter, in der Charlottenstraße der 50.000- Einwohner-Stadt, ist es auch eng. 14 Bewohner einer Wohngemeinschaft sitzen im 3. Stock eines ehemaligen Geschäftsgebäudes in der Runde und diskutieren. Der eine mit Händen, der andere mit Worten. In der Ecke steht ein Tischkicker, an der Wand hängen Dienstpläne. Klaus* etwa muss am Samstagmorgen Brötchen holen. Vor drei Jahren, als die »Außenwohngruppe für Menschen mit Hör- / Sprachbehinderung und zusätzlicher geistiger Behinderung« in der Charlottenstraße eröffnet wurde, ist er hierher gezogen.
Klaus steht mit Rosi, einer Mitbewohnerin, in seinem Zimmer. Viele kleine Fläschchen mit Männerdüften blitzen aus einem geöffneten Schrank hervor. Der sympathische junge Mann ist beliebt. Das stellt Rosi immer wieder fest, wenn er weiblichen Besuch von außerhalb bekommt. »Ich muss immer übersetzen, wenn Klaus’ Frauen da sind«, sagt sie, die im Gegensatz zu ihrem Mitbewohner hören und laut sprechen kann. Klaus verständigt sich mit Gebärdensprache. So wie manche seiner Mitbewohner auch, die in der wöchentlichen Teamsitzung mit Gruppenleiter Max Gwinn im Kreis sitzen. Auf dem Weg in den Gruppenraum, zwei Stockwerke weiter unten, sagt Rosi: »Hier zu wohnen ist echter Luxus.« Im Gruppenraum richten sich vierzehn Augenpaare aufmerksam auf Max Gwinn, der mit den Bewohnern die vergangene Woche bespricht und zusätzlich mit den Händen gebärdet, damit alle verstehen. Alltägliches steht zur Debatte, aber auch Zündstoff ist vorhanden. Wie in einer WG mit Menschen ohne Behinderung auch.

»Bei uns ist jeder willkommen. Wir freuen uns, dass zwei junge Männer aus der Charlottenstraße regelmäßig bei uns trainieren. Boxen fordert den Menschen als Ganzes – da ist es egal, ob man eine Behinderung hat oder nicht!«<br />
<strong>Jürgen Hauser</strong><br />
Mitbegründer und Trainer der Boxschule »Kings Gym« in Ravensburg  »Wir zeigen unseren Leuten Alternativen auf, so dass sie auch außerhalb der regulären Dienstzeiten das Leben kennenlernen. Wir gehen ins Kino oder in den Boxverein – dort spielt Behinderung eine untergeordnete Rolle.«<br />
<strong>Max Gwinn</strong><br />
Gruppenleiter der Außenwohngruppe Charlottenstraße in Ravensburg  »Wilhelmsdorf ist heute mein Zuhause. Aber trotzdem kann ich mir auch vorstellen, in eine andere Stadt zu ziehen. Ich lerne gerne neue Menschen kennen und hier in Wilhelmsdorf kenne ich ja schon wirklich viele.«<br />
<strong>Martin Bauer</strong><br />
Bewohner einer Wohngruppe für  Menschen mit geistiger Behinderung in Wilhelmsdorf
Bilderstrecke: Stimmen zur Außenwohngruppe (3 Bilder).

Otto, der »Fotograf« der WG beklagt sich mit lauter Stimme darüber, dass die Mitbewohner ihre benutzten Gläser überall stehen lassen und die Reste im Glas in der sommerlichen Hitze zu schimmeln beginnen. Max Gwinn übersetzt in Gebärden und ermahnt in eindrücklichen Handbewegungen dazu, dass jeder sein Glas spülen soll. »Ich werde das mal im Auge behalten«, sagt Otto von links außen, »das ist nicht mehr schön«

Rosi druckst ein paar Sekunden herum, bis sie loslegt: »Hier ist doch eigentlich Rauchverbot. Wieso raucht Hildegard in ihrem Zimmer? Die hat da einen Aschenbecher, in dem liegt eine Zigarettenschachtel drin.« Hildegard sitzt als einzige Bewohnerin nicht im Kreis, sondern lehnt schräg hinter Rosi an einer Anrichte, auf der ein Kaffeeautomat steht. Max Gwinn erklärt, dass Hildegard nicht in ihrem Zimmer raucht und die Zigaretten dort nur aufbewahrt.

Toni blinzelt seinen Nebensitzer Matthias an, beide können sich ausschließlich über Gebärden verständigen. Seit sie hier zusammenwohnen sind sie Freunde. Das waren sie früher, in Wilhelmsdorf nicht. Nun gehen sie sogar ab und zu zusammen in Ravensburg spazieren.

Eine Besucherin will von Markus wissen, was ihm in der Außenwohngruppe in Ravensburg gefällt. Er bewegt seine Hände vor sich in der Luft, Gwinn übersetzt: »Ich freue mich, dass ich täglich mit dem Bus nach Weingarten fahren und dort meine Kontoauszüge bei der Postbank holen kann.« Und wie läuft’s mit den Nachbarn? »Gemischt«, sagt Gwinn, »das ist wie in Wilhelmsdorf auch«. Danach weist er Toni und Matthias an, unter die Dusche zu gehen, da sie verschwitzt vom Boxtraining gekommen und sofort in der Runde gesessen sind. Die neigt sich dem Ende zu, der Abend noch lange nicht. Denn um halb elf Uhr wollen alle zum Feuerwerk. »Aber bitte um 24:00 Uhr wieder da sein, ihr müsst morgen arbeiten«, sagt Gwinn.

Max Gwinn, Gruppenleiter der Außenwohngruppe Charlottenstraße, ist spannende Diskussionen in den wöchentlichen Teamsitzungen gewohnt. Spannend war auch der Umzug vor drei Jahren von der ländlichen Idylle Wilhelmsdorfs in die Stadt Ravensburg. Etwas abseits vom Trubel sitzt er nun ebenfalls frisch geduscht am Tisch und blickt zurück:

»Nicht einer unserer Bewohner würde heute wieder zurückkehren wollen. Nichts von all dem, was im Vorfeld an Befürchtungen geäußert wurde, hat sich bewahrheitet«. Die Position von Heilpädagoge Max Gwinn, der vor etwa 3 Jahren mit seiner Gruppe nach Ravensburg gezogen ist, ist klar: überaus positiv. Und wenn er erzählt, spürt man seine Freude und Befriedigung darüber, dass alles so gut geklappt hat und klappt. Er berichtet von der großen Spannung und von einer »riesigen Vorfreude der Bewohner«, die dem Tag des Umzugs vorausgegangen seien. Zwischenzeitlich haben sich die jungen Männer und Frauen in Ravensburg sehr gut eingelebt und es sind schon sehr nette Kontakte zur direkt gegenüber beheimateten Feuerwehr entstanden. »Unsere Bewohner kleben an den Fenstern, wenn draußen ein Einsatz ist und die Fahrzeuge mit Blaulicht ausfahren«, berichtet Gwinn. Und weil einige Bewohner zu großen Feuerwehrfans geworden sind, haben sie sich bereit erklärt, einmal pro Monat die große Feuerwehrhalle zu kehren. Dafür wird anschließend dort in fröhlicher Runde Cola ausgeschenkt und im Advent werden die fleißigen Helfer zur Weihnachtsfeier eingeladen. Zu den gefragtesten Freizeitbeschäftigungen der »Neu-Ravensburger« zählen Boxen, der Besuch eines Internetcafes, das Volleyballspielen in der Haslachmühle und dienstags Kino. Weil ihre neue Heimat in der Nähe des Bahnhofs liegt, nutzen viele die Möglichkeit, relativ unkompliziert nach Lindau, Konstanz oder Ulm zu fahren. »Ravensburg fordert mehr, bietet aber auch mehr«, so Gwinns Resümee.

Küchen-Talk mit »WG-Oberhaupt« Max Gwinn...  ...Action am hauseigenen Tischkicker,...  ...Putzdienst und...
Bilderstrecke: Szenen aus der Ravensburger WG (4 Bilder).

Muss es unbedingt Ravensburg sein? So viele Vorteile die Stadt bietet – sie zeigt auch andere Seiten: Die höhere Kriminalität einer Stadt zum Beispiel, der auch geistig behinderte Menschen ausgesetzt sind. Oder die vielen Freunde  und Bekannten aus Wilhelmsdorf, die nicht nach Ravensburg zu Besuch kommen können. Und dann gibt’s da noch den fehlenden »Sprachraum« in der Stadt: In Wilhelmsdorf sind viele Menschen ohne Behinderung der Gebärdensprache mächtig, Menschen mit Behinderung führen dort schon lange ein integriertes Leben. Voraussetzungen, die in Ravensburg nicht von vorneherein gegeben sind. Ein Außengruppenbewohner, der sich ein Leben im Dorf und in der Stadt vorstellen kann, ist Martin.

»Wilhelmsdorf ist zwar heute mein Zuhause. Aber trotzdem kann ich mir auch vorstellen, in eine andere Stadt zu ziehen.« sagt Martin. Ein junger Mann mit geistiger Behinderung, der sich selbst mit der Frage auseinandersetzt, vom Hauptstandort der Behindertenhilfe der Zieglerschen wegzuziehen. Seit knapp sechs Jahren wohnt der 27-Jährige zusammen mit 13 weiteren erwachsenen Männern mit geistiger Behinderung dort in einer Wohngruppe. »Hier in Wilhelmsdorf fühle ich mich vor allem deshalb wohl, weil ich so viele Sportangebote nutzen kann.« erzählt er. Stolz zeigt er auf die vielen Medaillen in seinem Zimmer, die sich im Laufe der letzten Jahre angesammelt haben. Judo, Radfahren, Tischtennis, Schwimmen, Leichtathletik, Fußball, Volleyball – es gibt kaum eine Sportart die ihn
nicht interessiert. Genau deshalb ist es Martin wichtig, auch seine Zukunft sportlich aktiv gestalten zu können. »Wenn ich die Möglichkeit bekomme in eine andere Stadt zu ziehen, dann sollte unbedingt ein Sportverein in der Nähe sein« erzählt er. Insgesamt sei er offen für ein neues Umfeld, sagt Martin, denn »neue Menschen lerne ich immer gerne kennen und in Wilhelmsdorf kenne ich ja auch wirklich schon viele.«

von Martina Heidinger, Annette Scherer und Katharina Stohr

* Namen aller Bewohnerinnen und Bewohner geändert