Frauen in den Zieglerschen

■ Die Reise führt zunächst ins Hör-Sprachzentrum nach Altshausen. Früher – so hatten wir im Vorfeld gehört – war der Sprachheillehrer oder der Gehörlosenlehrer im weißen Kittel ein typischer Männerberuf. Wir treffen den Schulleiter Joachim  Sindermann und fragen ihn: Wie hat sich das verändert?
»Früher waren der Lehrer, der Apotheker und der Pfarrer die drei Honoratioren mit dem höchsten Ansehen im Dorf. Das hat sich zwischenzeitlich doch erheblich verändert – vor allem, was das Ansehen des Lehrerberufs betrifft«, sagt Joachim Sindermann. Ein Blick in die Statistik des Hör-Sprachzentrums zeigt: Der gesamte Frauenanteil aller Mitarbeitenden liegt bei 83 Prozent, in den Schulkindergärten sogar bei 97 Prozent und im Grundschulbereich sind 82 Prozent aller Lehrkräfte weiblich. Wie hängt das mit dem heute geringeren Ansehen des Berufsbildes zusammen? »Reputation und Vergütung mögen eine Ursache sein; sie alleine erklären nicht, dass der Anteil männlicher Kollegen vom gymnasialen Bereich über die Realschule bis zur Grundschule kontinuierlich abnimmt und männliche Grundschullehrer kaum mehr zu finden sind«, sagt Sindermann und macht auf die Auswirkungen aufmerksam: »Fakt ist, dass daher zunehmend männliche Bezugs- und Orientierungspunkte in der Erziehung und der kindlichen Entwicklung in Kindergärten und Grundschulen fehlen. Ganz unterschiedliche Gutachten gibt es jedoch darüber, ob das nachteilige oder sogar fördernde Auswirkungen auf den schulischen Erfolg der Kinder hat.«

Wir blättern weiter in der Statistik des Hör-Sprachzentrums. Bei den Führungskräften mischt sich das Geschlechter-Verhältnis. Eine fachliche Geschäftsführerin, ein kaufmännischer Geschäftsführer, das macht 50:50. In der Schulleitungsebene finden sich ausschließlich Männer, und bei den Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleitern stoßen wir wieder auf jeweils 50 Prozent. Gibt es ein Patentrezept für die beste Mischung? »Auf jeden Fall meine ich, dass je bunter und in jeder Hinsicht vielfältiger sich ein Kollegium einer Schule zusammensetzt, desto besser«, sagt Joachim Sindermann.

37 von mehr als 2.300 Frauen in den Zieglerschen. Direkt vorm Hauptsitz der Zieglerschen in Wilhelmsdorf haben sich die 37 eigens für unser Titelfoto zusammengefunden und strahlen um die Wette. Ob sie Grund dazu haben? Lesen Sie selbst.  Frauenanteil ausgewählter Gruppen in Deutschland und in den Zieglerschen (in Prozent).  Frauenanteil bei den Beschäftigten der Zieglerschen nach Arbeitsbereichen (in Prozent).
Bilderstrecke: Frauen in den Zieglerschen (3 Bilder).

Weiterfahrt zur nächsten Station in die Haslachmühle, mit kleinem Seitenwechsel. Wir wollen wissen, was die von uns betreuten Menschen in der Behindertenhilfe denken und starten eine Blitzumfrage auf dem Pausenhof. Bernd Eisenhardt, Fachschuldirektor, fragt vier Schülerinnen und sieben Schüler, ob sie lieber eine Lehrerin oder einen Lehrer haben wollen. Das Ergebnis: Während fünf der Befragten mit ihrer aktuellen Bezugsperson und auch mit deren Geschlecht absolut zufrieden sind, wünschen sich die anderen Schüler nicht einen Lehrer statt einer Lehrerin oder andersherum, sondern haben ganz konkret eine Person im Auge, von der sie gerne unterrichtet werden wollen. »Natürlich gibt es bei uns auch Jungs, die sehr gern von Frauen betreut werden und andere, für die Männerfreundschaften alles sind«, sagt Pit Niermann, Direktor der Heimsonderschule. »Dennoch ist das Geschlecht der Bezugsperson in der Regel für unsere Betreuten völlig zweitrangig. Wichtig ist, dass die Beziehung stimmt«, ergänzt Eisenhardt.

Und wie sieht’s ein paar Kilometer weiter, am Standort Wilhelmsdorf bei den erwachsenen Klienten der Behindertenhilfe aus? »Klar gibt’s bei unseren Klienten Vorlieben für ein bestimmtes Geschlecht!« sagt Horst Anlauf, Wohngruppenleiter, und erzählt von seinen Erfahrungen aus dem Jahr 1981. Damals war er als junger Mann in einer reinen Frauenwohngruppe tätig. »Viele ›meiner‹ Damen rissen sich um meine Aufmerksamkeit und meine Nähe«, erinnert er sich und schmunzelt. Zwischenzeitlich ist er in einer reinen Männergruppe tätig. »Auch hier erlebe ich ganz konkrete Vorlieben unserer Bewohner: Wenn ich etwa unseren Männern einen tollen Ausflug zum Affenberg anbiete und meine Kollegin einen relativ unspektakulären Spaziergang im Dorf – dann entscheiden sich unsere Männer begeistert für den Spaziergang. Und zwar ganz einfach deshalb, damit sie mit einer Dame unterwegs sein können.«

Von Wilhelmsdorf aus zieht‘s uns Richtung Bodensee, wir brettern die B30 runter Richtung Friedrichshafen und klopfen bei der Gotthilf-Vöhringer-Schule an. Die dortige Fachschule für Logopädie wird aktuell von 35 Schülerinnen und einem einzigen Schüler besucht. Wie kommt es, dass der Beruf des Logopäden/der Logopädin bis heute fast ausschließlich von Frauen ergriffen wird?

»Diese Tatsache begründet sich zunächst historisch«, erklärt Nikola Determann, leitende Lehrlogopädin der Schule.
Der erste Berufsverband der Logopäden sei erst 1980 gegrün-
det worden. Ebenso sei erst 1980 ein Ausbildungsgesetz für diesen Beruf verabschiedet worden. »Die Frauen im Berufsverband zementierten die Sichtweise, dass Logopädie ein Heil-Hilfsberuf und eine Hochschulausbildung nicht notwendig sei. So kommt es, dass Logopädie bis vor wenigen Jahren ein Berufsbild war, in dem man schlecht Karriere machen konnte.« Damit ist ihrer Ansicht nach der Beruf bis heute für viele Männer unattraktiv. Allerdings gebe es heute in Deutschland die Möglichkeit, einen Bachelor und Master zu erwerben und zu promovieren. »Das könnte die Attraktivität des Berufsbildes auch für Männer erhöhen«, sagt Nikola Determann und fügt hinzu: »Für Frauen hat der Beruf der Logopädin auf jeden Fall Vorteile. Als Angestellte in Praxen ist es gut möglich, Beruf und Familie zu verbinden.«

Wo in der Logopädie die Attraktivität des Berufsbildes für Männer noch fehlt, scheint in der Jugendhilfe das Feld schon bestellt zu sein. Unser nächster Weg führt ins Martinshaus Kleintobel nach Berg und ins Ev. Kinder- und Jugenddorf Siloah in Isny. Beide Standorte der Jugendhilfe haben vorwiegend männliches Klientel. Uns interessiert, inwieweit das Auswirkungen auf die Geschlechterverteilung der Mitarbeiter hat – ist die Jugendhilfe männerdominiert?

Zunächst fällt auf, dass sich die Frauenquote sowohl bei der Mitarbeiterschaft als auch in den Führungspositionen an beiden Standorten deutlich unterscheidet. Liegt der Gesamtfrauenanteil im Martinshaus bei 46 Prozent, übersteigt er in Siloah die 70-Prozent-Marke. »Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass in Siloah viel mehr jüngere Kinder betreut werden und andere Traditionen vorliegen. Zum Beispiel wohnte früher die Hausmutter mit im Haus«, sagt Andreas Sauter, Leiter der stationären Hilfen am Standort Isny. »Zudem bewerben sich aktuell deutlich mehr Frauen als Männer auf freie Stellen.«

Im Martinshaus Kleintobel sticht heraus, dass lediglich zwei Stellen innerhalb der gesamten Leitungs- und Führungsebene von Frauen besetzt sind. Eine davon hat die staatlich geprüfte Hauswirtschaftsleiterin Klara Sprenge inne. Sie ist seit acht Jahren in dieser Funktion im Martinshaus tätig und war 1974 im Rahmen ihrer Ausbildung schon einmal in Kleintobel. Mit der Rolle der weiblichen »Einzelkämpferin« hat sie keine Probleme. »Die Zusammenarbeit in der männlich dominierten Führungsebene ist respektvoll, kollegial und so konstruktiv, dass unterschiedliche Geschlechter keine Rolle spielen«, sagt sie. Wichtig sei ihr die Abkehr vom Klischee »Hauswirtschaft = Putzkraft«. »Deshalb lasse ich meine Mitarbeiterinnen auch an Veränderungen in der Einrichtung und an Fortbildungen zu pädagogischen Themen aktiv teilhaben, was die Identifikation mit dem Arbeitsplatz und die gleichwertige Anerkennung der Arbeitskraft deutlich erhöht.«

Autorenteam: Sabine Batram, Markus Fritsche, Annette Scherer, Elke Schübert, Katharina Stohr, Jens Walther
Zahlenrecherche: Maike Bierwirth und Katharina Stohr