Faszination des Alltags

Möglichkeit 2: Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) - warum entscheidet man sich dafür und was lernt man da? Gespräch mit Lena Aldinger und Jonathan Gauss
■ Nicht etwa, weil sie nach dem Abitur nichts anzufangen wussten, entschieden sich Lena Aldinger und Jonathan Gauss für ein „FSJ“. Im  Gegenteil. Lena fragte sich: „Komme ich mit Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung klar?“ Sie will Sonderpädagogik studieren und sich vergewissern, ob dies die richtige Entscheidung für ihre Zukunft ist. Derzeit arbeitet sie mit neun Kindern im Alter zwischen 6 und 15, die geistig behindert sind und eine Hörbehinderung haben. Aus Köngen im Landkreis Esslingen kommend, hatte sie sich im vergangenen Herbst beim Diakonischen Werk in Stuttgart, dem FSJ-Träger der Zieglerschen in Württemberg, um einen Platz beworben. Wenige Wochen später landete sie zur Hospitation in der ländlichen Idylle der Haslachmühle. Es hat ihr gleich gefallen.

Jonathan wusste eines ganz sicher: „Bundeswehr kommt nicht in Frage. Also: Zivildienst! Der hätte neun Monate gedauert“, meint er, „aber erst im Oktober beginnt das Studium. Dann kann ich eigentlich gleich zwölf Monate machen“. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass man statt des Zivildienstes auch ein FSJ absolvieren kann. Was bewegt einen jungen Menschen dazu, freiwillig drei Monate länger zu machen als er müsste? Jonathan haben die behinderten Menschen bei der Hospitation beeindruckt und er hat sofort verstanden, was „drei Monate mehr“ in der Betreuungsarbeit bedeuten: Die Gewährleistung des vertrauten Rhythmus’, des gewohnten Beziehungswechsels für die Menschen in der Fördergruppe. Außerdem interessiert ihn das Begleitprogramm des FSJ. Das sind 25 Tage, an denen man reflektiert und interessante Erlebnisse hat.

Manchmal würde Lena schon gerne wissen, was sich Addi eigentlich denkt! Er spielt, freut sich riesig, wenn er gewinnt, und ärgert sich, wenn er verliert. Addi sitzt im Rollstuhl und kann nicht hören und sprechen. Spastische Lähmungen machen es ihm schwer, „flüssig“ zu gebärden. Trotzdem kann Lena ihn gut verstehen. In sämtlichen Lebenslagen ist Addi auf ihre oder die Hilfe anderer angewiesen. Außer Addi gibt es noch acht andere Kinder in der Wohngruppe – und an manchen Tagen weiß Lena nicht, wohin sie sich zuerst wenden soll, wenn sie einem Kind die Windel wechseln soll, gleichzeitig ein anderes vor Wut kreischt, weil es sich den Pulli verkehrt herum angezogen hat, der Kollege in der Küche begonnen hat, einen Griesbrei zu kochen und ihr schnell zuruft: „Pass auf, dass die Milch nicht überkocht!“ bevor er ans Telefon verschwindet...

Jonathan ist fasziniert vom Alltag. Er beschäftigt sich mit Menschen, die anders sind als alle, denen er bislang begegnete. Beispielsweise mit einem Menschen, der wenig Lust an Farben und am Malen zeigt – dafür aber auf Zahlen steht. „Manche sagen, er sei Autist“ meint Jonathan, und es gelingt ihm, diesem Menschen zu vermitteln, wie man Zahlen mit Farben verbinden kann. Damit eröffnet er eine neue Beschäftigungsform, die das
Spektrum der Abwechslung für diesen Menschen vergrößert. „So etwas bewirken zu können, gibt einem ein sehr gutes Gefühl, vor allem dann, wenn es noch kein anderer vor einem geschafft hat“, meint Jonathan.

Vor dem FSJ hat Lena sechs Jahre Jungschar geleitet, sich engagiert bei Kinder- und Jugendfreizeiten und wird, wenn sie ihr FSJ beendet hat, zunächst eine Reise nach Äthiopien unternehmen. Sie wird dort als Freizeitteilnehmerin für vierzehn Tage in einer Mission mitarbeiten und dann noch eine Woche Urlaub im „Steppencamp“ anhängen. Danach wird sie sich einstellen aufs Studium und alles was dazugehört – Zimmer suchen, das neue Umfeld an einer PH kennenlernen und dann, so nach und nach, feststellen, dass das Jahr in der Haslachmühle sie für diese Aufgaben schon ganz schön stark gemacht hat. Sie hat gelernt, dass es nichts hilft, Mitleid zu haben mit Menschen die behindert sind, dass diese nicht wollen, dass man ihnen ein „schönes Leben“ bereitet. Zu begreifen, dass behinderte Menschen persönliche Vorstellungen von ihrem Leben haben, und sie darin zu unterstützen diese zu erfüllen, das macht den Sinn ihrer täglichen Arbeit aus. „Angst vor Berührung und Kontakt braucht keiner zu haben“ sagt Lena.

Jonathan war Schülersprecher im Gymnasium St. Johann in Blönried bei Altshausen. Er hat die Schülerzeitung mitgestaltet und im Liturgiekreis mitgearbeitet, um Gottesdienste vorzubereiten. „Da wusste ich immer, was auf mich wartet – zumindest ungefähr. In den ersten beiden Wochen in der Haslachmühle drehte sich alles um. Die Bewohner wussten mehr als ich, und es dauerte zwei Wochen, bis ich den ersten Überblick hatte. Zum Glück hatte ich eine gute Anleitung. Ich bin viel geduldiger geworden und habe bemerkt, dass ich nicht nur da bin, sondern dass ich etwas bewirken kann.“ Eine wertvolle Erfahrung. Jonathan hat sich entschlossen, Germanistik und Geschichte auf Lehramt zu studieren. Dazu möchte er an die Uni gehen. Zu erleben wie man „den richtigen Kanal“ zu einem anderen Menschen findet, wird ihm zum Vorteil werden, wenn er später als Lehrer weiß, wie es sich anfühlt, wenn man die Dinge „richtig gut rüberbringen“ kann und das Interesse anderer trifft.

Von Bettina Rahn