"Es wäre doch schade, unser Wissen brachliegen zu lassen."

Horst und Margret Brändle, zwei ehemalige Mitarbeiter, engagieren sich in der Höchsten-Klinik.
Horst und Margret, Ihr habt jahrelang mit Familie auf dem Gelände des Fachkrankenhauses Ringgenhofs gearbeitet und gewohnt. Hattet Ihr im Ruhestand nicht das Bedürfnis, alles mal abzuschließen und hinter Euch zu lassen? Stattdessen engagiert Ihr Euch in der Höchsten-Klinik und bietet den Frauen dort Seminare zur „Lebensorientierung“.

Margret: Ich habe mir für den Ruhestand vorgenommen, eine gute Mischung zu finden zwischen dem, was ich für mich alleine tun möchte, und dem, was ich zusammen mit meinem Mann machen will. Ich arbeite einfach gerne mit ihm zusammen. Wir ergänzen uns gut. Außerdem macht mir das ganzheitliche Arbeiten viel Spaß. Und so empfinde ich es als eine Bereicherung für uns beide.

Horst: Die Aufgabe im Fachkrankenhaus Höchsten ist sehr interessant. Dazu kommt, dass es doch schade wäre, wenn ich die Erkenntnisse einer langjährigen Berufserfahrung brachliegen lassen würde. Die Therapie mit suchtkranken Menschen ist einerseits eine große Herausforderung, andererseits sind gerade Suchtkranke sehr offen für grundlegende Fragen des Lebens und Lebensorientierung.

Warum gerade Lebensorientierung?

Horst: Die Auseinandersetzung mit der Frage nach Sinn, Ziel und Hoffnung des Lebens ist für jeden Menschen wichtig. Suchtkranke haben schmerzlich erkennen müssen, dass bisherige Lebenskonzepte nicht mehr gegriffen und Suchtmittel nur kurzfristig und vordergründig „geholfen“ haben. Als Bezugstherapeut und später als Leiter der Drogentherapie habe ich erlebt, dass Psychotherapie eine große Hilfe im Heilungsprozess darstellt. Sie hat allerdings auch Grenzen. Bei Themen wie zum Beispiel Schuld kann die spirituelle Dimension weiterhelfen. Aus meiner Sicht können sich Psychotherapie und Seelsorge gut ergänzen.

Margret: Mein Gottesbild hat sich während meines Lebens sehr verändert. Es ist mir ein Anliegen, daran andere teilhaben zu lassen. Ich kann weitergeben, was mir wichtig ist. Es gibt so viele verkorkste Gottesbilder, die von Angst geprägt sind. Ich erlebe Gott als einen, der aus der Enge in die Weite des Lebens führt. Es geht mir in der „Lebensorientierung“ nicht um Bekehrung, sondern um die Möglichkeit der  Auseinandersetzung in der Wertschätzung von ganz unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen.

Welches Echo bekommt Ihr von den Frauen?

Margret: Wenn wir uns zum ersten Abend treffen, begegnet uns zumeist erst eine gehörige Portion Skepsis. Es ist dann schön zu erleben, wie langsam Vertrauen wächst. Wie die Frauen beginnen Fragen zu stellen und sich zu öffnen. Oder wie sie sich auch trauen, neue Dinge  auszuprobieren – einen Tanz, ein Ritual oder eine Symbolhandlung.

Horst: Einige der Frauen waren nach den fünf Abenden, die wir angeboten hatten, tief berührt. Gerade von ihnen kommen dann am Ende natürlich auch Fragen, wie es weitergehen könnte. Wir weisen sie dann auf Gottesdienste und andere Angebote der Kirchengemeinden hin, um die Auseinandersetzung mit der Sinnfrage zu vertiefen und Gemeinschaft mit Christen zu erleben.

Interview: Katja Müller