Entdecke die Möglichkeiten

Gespräch mit Bettina Rahn, Referentin für Freiwilligendienste und Öffentlichkeitsarbeit
■ Frau Rahn, täuscht der Eindruck oder machen in den Zieglerschen Anstalten tatsächlich ungewöhnlich viele junge Leute ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), den Zivildienst oder ein Praktikum?
Nein, der Eindruck täuscht nicht. Und ich glaube, wir übertreiben auch nicht, wenn ich sage, dass wir da ein außergewöhnlich großes Angebot vorhalten. Allein in der Behindertenhilfe sind es mehr als 60 Plätze für das FSJ. Dazu kommen noch die Zivildienstleistenden, die Praktikanten, die Fachhochschul-Studenten im Praxissemester, die Berufsakademie-Studenten und dann die vielen jungen Leute, die eine Ausbildung bei uns absolvieren an den unterschiedlichen Standorten und Hilfearten der Zieglerschen. Insgesamt sind es mehr als 250 junge Menschen, die in einer mehr oder weniger kurzen Zeit bei uns praktisch arbeiten und etwas fürs ganze Leben lernen. Immerhin gut 10 Prozent unserer MitarbeiterInnen sind das!

Nun liegt Wilhelmsdorf ja nicht gerade im Zentrum der Welt. Woher kommen die jungen Menschen? Und wie finden sie zu uns?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Grundlage ist die Vermittlung von jungen Leuten über das Diakonische Werk Württemberg in unsere Einrichtungen. Aber es geht auch andersrum: Inzwischen melden sich viele Interessenten bei uns, und ich erkläre, was man alles unternehmen muss, um beispielsweise einen FSJVertrag zu bekommen oder ein Praktikum zu absolvieren. Wer eine Berufsausbildung machen möchte, in einem unserer vielen Ausbildungsgänge, wendet sich direkt an die Vöhringer-Schule.

Frau Rahn, bei Ihnen im Büro gehen die jungen Leute ein und aus. Was genau ist Ihr Job?
Zunächst knüpfe ich mit den Interessenten, die in der Regel kurz vor dem Ende ihrer Schulzeit stehen und erst wenig vertraut sind mit Bewerbungsvorgängen, den ersten Kontakt. Dabei geht es darum, die Jugendlichen, die sich normalerweise über das Telefon melden, richtig gut über das Gesamtspektrum der Möglichkeiten innerhalb der Zieglerschen zu informieren und die damit verbundenen Perspektiven zu beschreiben. Gleichzeitig möchte ich herausfinden, welcher von den vielen verschiedenen Plätzen gerade für diesen speziellen Interessenten und seine Fähigkeiten passen könnte. Dabei ist bei uns für jede Art von Einsatz eine Hospitation Voraussetzung. Und dann kommt der zweite Schritt – die Vermittlung an den entsprechenden Platz. Das ist ganz praktisch zu organisieren: Geklärt werden muss, wie diese jungen Menschen den Weg zu uns finden. Sie brauchen Übernachtungsmöglichkeiten. Dann sind Termine mit ihnen, ihrem künftigen Einsatzplatz und meinem Kalender abzustimmen. Manchmal ist es gar nicht so einfach, alles unter einen Hut zu kriegen.

Und wie geht’s weiter, wenn jemand seinen Platz gefunden hat?
Am ersten Tag des Dienstantritts treffen sie mich erstmal wieder, denn gerade am Anfang ist es wichtig, jemanden zu treffen, den man kennt. Die meisten Jugendlichen ziehen zum ersten Mal von zu Hause aus und sind voller Erwartungen. Der eine oder andere ist auch mit einem mulmigen Gefühl im Bauch angekommen. Dann geht es ums Einziehen in die Personalunterkunft und ziemlich viele Formalitäten müssen erledigt werden. Alles, was halt so dazu gehört, wenn man in ein reguläres Dienstverhältnis eintritt. In diesen ersten Tagen klingelt mein Handy öfter mal zu allen Tages- und Nachtzeiten. Dann geht es in die Einsatzstelle. Anleitung erhalten die jungen Leute direkt vor Ort. Wir sehen uns dann in der ersten Woche noch mal, und ich versuche, den jungen Menschen die Gesamtorganisation der Einrichtung nahezubringen und die Fragen der ersten Tage zu klären. In den extra zusammengestellten Einsteigerinformationen finden sie Regeln, Hausordnungen, Formulare wie Urlaubsanträge und einen Plan über die ersten sechs Wochen in der Einarbeitungszeit. Das macht es leichter, die ersten Eindrücke zu ordnen und hilft, langsam die Strukturen zu erkennen. Der weitere Kontakt erfolgt bei den Einführungstagen, die ich zusammen mit den Kollegen aus dem Referat Theologie und Seelsorge gestalte.

Viele der jungen Leute, die zu uns kommen, sind zum ersten Mal von zu Hause weg. Ersetzen Sie die elterliche Zuwendung?
Nein, das maße ich mir nicht an. Aber mir liegt viel an einem offenen, persönlichen Verhältnis zu den jungen Leuten. Ich schaue auch darauf, wer mit wem zusammenwohnt und kann veranlassen, dass es Umzüge gibt. Außerdem gebe ich zu verstehen, dass ich in Situationen beraten kann, in denen sie alleine nicht klarkommen. Aber das kommt wirklich ganz selten vor.

Was ist mit Heimweh und Liebeskummer?
Kommt ziemlich oft vor. Was soll ich sagen? Das kann man nicht wegdiskutieren. Aber wir reden darüber. Ich versuche, ein Klima zu schaffen, in dem diese lebensentscheidenden Fragen nicht peinlich oder lächerlich sind, sondern ernst genommen werden. Wer Heimweh und Liebeskummer hat, muss darüber reden. Manchmal auch mitten in der Nacht.

Wie wichtig ist die Arbeit mit den jungen Menschen dem Vorstand in den Zieglerschen?
Die Frage gefällt mir, denn unseren Vorständen liegt viel daran. Den Auftrag, junge Menschen für unsere Arbeit zu interessieren und sie zu begleiten, hat der Vorstand direkt in der Unternehmensspitze angesiedelt. Wir geben uns ziemlich viel Mühe, junge Menschen für unsere Arbeit zu begeistern. Natürlich auch Jugendliche, die aus der kirchlichen Jugendarbeit kommen oder die sich mit dem christlichen Menschenbild und den Anliegen der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, auseinandersetzen. Wir werben um junge Menschen. Nicht, weil wir billige Kurzzeit-Arbeitskräfte suchen. Sondern weil wir wissen:Wir haben etwas zu bieten, das Weichen für das ganze spätere Leben stellen kann. Wir werben bei Ausbildungsmessen, an Schulzentren, aber auch ganz gezielt in Kirchengemeinden im ganzen Land.

Die meisten der jungen Leute wohnen ja in WGs direkt in der Einrichtung. Ist das auch ein Lernfeld?
Oh ja. Stellen Sie sich das mal praktisch vor: Fünf junge Leute aus unterschiedlichen Elternhäusern, mit unterschiedlichem Bildungsgrad und manchmal unterschiedlicher Nationalität wohnen zusammen – da ist Spannung drin. In den ersten sechs Wochen gibt es schon Auseinandersetzungen, und es müssen Regeln entwickelt werden, damit das funktioniert. Zudem müssen die jungen Leute saubermachen, denn die Hauswirtschaftsleiterinnen kontrollieren genau. In der Regel wohnen immer einige über 20-Jährige mit den ganz jungen ab 16 zusammen. Gerade die ausländischen FSJ-Frauen bringen den Jüngeren bei, wie die Küche blitzt. Ich denke, es ist eine gegenseitige Bereicherung, auch wenn es die jungen Leute manchmal ziemlich stresst. Aber fast immer bekommen sie das nach wenigen Wochen selbst auf die Reihe.

Das Gespräch führte Christof Schrade