Eine Sprache wie ein Trümmerfeld

Zwei Studierende der Gotthilf-Vöhringer-Schule gründen eine Aphasiker-Selbsthilfegruppe
Was ist eine Aphasie? Wir könnten natürlich im Lexikon nachschlagen – wir können aber auch einfach Betroffene fragen. Antworten: „Meine Gedanken sind wirklich gut, aber die Sprache und die Schrift – wie ein Trümmerfeld“. „Ich war in der Sprache wie tot!“, „Vergraben und verschüttet sind meine Worte!“ – solche oder ähnliche Gedanken äußern Menschen mit einer Aphasie. Um nun doch das Lexikon zu zitieren: Aphasie bedeutet Sprachlosigkeit. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bezeichnet eine erworbene Sprachstörung. Fähigkeiten wie Sprechen, Lesen, Schreiben und Verstehen können von dieser Störung betroffen sein.

Die häufigste Ursache der Aphasie ist der Schlaganfall, aber auch Schädelhirnverletzungen, Hirntumore und andere Erkrankungen können dazu führen. Dabei sind Menschen aller Altersgruppen betroffen, vom Kind bis zum alten Menschen. Begleitsymptome, zum Beispiel Lähmungen, erschweren zusätzlich den Alltag der Patienten. Und das Schlimmste: die Betroffenen können ihre Gedanken und Gefühle nicht mehr äußern, es gibt keine geeigneten Kommunikationsmittel, zwischenmenschlicher Kontakt ist nur mühsam und teilweise gar nicht mehr möglich.

Mit diesem Wissen im Kopf entwickelten Heidi Kempe und Dirk Haselbacher, zwei Studierende der Gotthilf-Vöhringer-Schule (GVS) in Friedrichshafen, eine praktische Idee. Sie wollten die Isolation knacken, eine Aphasiker-Selbsthilfegruppe ins Leben rufen – und das Projekt im Rahmen einer Jahresarbeit wissenschaftlich begleiten. Gesagt und mit Unterstützung von Gisela Nölte, Dozentin für Neurologie an der GVS, getan. Im April 2006 wurde die Aphasiker-Gruppe gegründet, seither treffen sich die derzeit vier Betroffenen im Alter zwischen 43 und 70 Jahren regelmäßig. Manchmal sind auch Angehörige dabei.

Das Programm der kleinen Selbsthilfegruppe ist bunt: Mal tauscht man sich über die Krankheit und den Umgang mit bestimmten Beeinträchtigungen aus, mal trifft man sich zu Spieleabenden und Diavorträgen, mal unternimmt man Betriebsbesichtigungen, Cafébesuche und Ausflüge, jüngst zum Beispiel mit dem Katamaran nach Konstanz zum Weihnachtsmarkt.

Heidi Kempe und Dirk Haselbacher, die Initiatoren, und auch Dozentin Gisela Nölte stehen der Aphasiker-Selbsthilfegruppe noch immer ehrenamtlich bei. Sie helfen bei der Organisation und sorgen für Öffentlichkeitsarbeit. Erst kürzlich wurde Informationsmaterial in Arztpraxen ausgelegt, demnächst wird die Gruppe im Internet zu finden sein und für die Zukunft steht das Ziel, erstmals am Gesamttreffen aller Selbsthilfegruppen im Bodenseekreis teilzunehmen.

Von Gisela Nölte