Eine Gründung mit wenigen Kreuzern - das größte Kapital war der Glaube

"Erweckung und Rettungshausbewegung als Grundlage moderner Diakonie - das Beispiel Wilhelmsdorf": Festvortrag zum 175-jährigen Jubiläum
Verehrte Festversammlung, meine Damen und Herren, liebe Wilhelmsdorfer,
zu meiner Kindheitslektüre gehörte die Lebensbeschreibung von Peter Ziegler, dem Bruder von Johannes Ziegler. Die beiden Ziegler stammen von Heubach unter dem Reußenstein und Johannes Ziegler war der Gründer und Leiter der Einrichtungen in Wilhelmsdorf. Eines Tages im Jahre 1871 wurde für den Laden am Saalplatz ein neuer Besitzer gesucht. Johannes Ziegler meinte, dass dies etwas für seinen Bruder Peter wäre, der Kaufmann gelernt hatte, der aber gerade mit dem württembergischen Heer vor Paris stand. Er wusste ja nicht, ob der Bruder wieder heim käme, doch wurde er sich im Gebet darüber klar, dass er den Laden für seinen Bruder kaufen sollte. Also kaufte Johannes Ziegler diesen Laden, und Bruder Peter kam später tatsächlich nach Wilhelmsdorf und hat den Laden jahrzehntelang betrieben.

Diese Lebensgeschichte von Peter Ziegler war meine erste Begegnung mit Wilhelmsdorf. Diese Geschichte, die viele von Ihnen kennen, hat einen bemerkenswerten Titel. Sie heißt nämlich Peter Ziegler, ein Kaufmann nach dem Herzen Gottes. Was ist das, ein Mann nach dem Herzen Gottes? Ein Mann, der offensichtlich im Sinne Gottes lebt und arbeitet, der mit Gott im Einklang steht. Diese Geschichte war nicht nur meine erste Begegnung mit Wilhelmsdorf – eine literarische Begegnung –, vielmehr war es auch eine Begegnung mit einer ganz besonderen Frömmigkeit, eine Begegnung mit der Erweckungsbewegung.

Als Erweckungsbewegung bezeichnen wir einen besonderen Abschnitt des Pietismus, den Pietismus des 19. Jahrhunderts, eine Frömmigkeit, die sich sehr wohl mit den Vätern des 18. Jahrhunderts verbunden weiß, aber dennoch Neues hat. Dieses Neue ist das Moment der Naherwartung, die Naherwartung der Wiederkunft Christi. Diese wurde, von Bengel ausgehend, für das 19. Jahrhundert ins Auge gefasst, genau genommen für das Jahr 1836. Das hieß, man erwartete – nicht unbedingt für diesen Termin –, aber doch in nächster Zukunft eine Umwälzung aller menschlichen Verhältnisse. Und diese Umwälzung hatte natürlich eine religiöse Qualität, denn das Jahr 1836 sollte ja nicht das Weltende bringen, wie manchmal fälschlich gesagt wird, sondern etwas anderes, das Tausendjährige Reich, die Königsherrschaft Christi. Daher war diese Hoffnung natürlich universal gedacht, das heißt, die ganze Welt betreffend, weltweit.

Diese Frömmigkeit der Erweckungsbewegung sprengte wegen ihrer Universalität nicht nur nationale, sondern oftmals auch konfessionelle Barrieren. Wir werden hier noch Beispiele dafür kennenlernen. So universal nun diese Erwartung ist, so individuell ist sie wiederum auch, denn die Erweckungsbewegung geht ja aus von der persönlichen Glaubens- und Heilserfahrung des einzelnen. Aber diese individuelle Erfahrung führt dann wiederum die Menschen zusammen zu Vereinigungen, d.h. dass die Erweckungsbewegung eine Bewegung ist, in der Vereinigungen, Zusammenschlüsse und Vereine gebildet werden.

Und noch ein zweites: die erwartete Umwälzung der Ereignisse in der nächsten Zeit spornte dazu an, soziale Probleme der damaligen Zeit zu erkennen und sich daran zu machen, sie anzupacken und zu verändern. Es ist bekannt, dass es 1836 nicht zu der erhofften Umwälzung gekommen ist. Aber diese Haltung, Probleme anzupacken, hat dadurch nicht ihr Ende gefunden, sondern wurde eher noch intensiviert und verstärkt. Denn man war sich darüber im Klaren, dass die erhoffte Veränderung deswegen nicht eingetroffen war, weil noch viel dazu fehlte, dass die Verhältnisse umgewandelt werden konnten. Das heißt also, dass die Erwartung des Tausendjährigen Reichs auf das Jahr 1836, wie sie der Bengelschen Berechnung entsprach, nicht das alleinige Motiv für diese Menschen gewesen ist, soziale Probleme anzugehen und einer Lösung zuzuführen. Sie machten sich daher an ihrem Teil jetzt schon daran, die Welt zu verändern. Zum einen durch die Äußere Mission, zum anderen durch die Innere Mission. Teil der Inneren Mission war damals das Rettungshauswesen, das nichts weniger war, als die Antwort der Erweckungsbewegung auf die soziale Frage des 19. Jahrhunderts.

Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts wird ja gewöhnlich im Zusammenhang mit der Industrialisierung gesehen. Dabei stellt man sich dann die Bergwerke, die rauchenden Schlote und die Eisenindustrie des Ruhrgebiets vor. Alles Dinge, die wir hier in Württemberg nicht haben. Hierzulande fand ja im Gegenteil eine späte Industrialisierung statt, die so richtig erst in den 1870er Jahren begann. Aber schon vorher gab es in Württemberg Rettungshäuser, und zwar in so großer Zahl wie sie die übrigen deutschen Länder zusammen hatten. Das bedeutet, dass die soziale Frage sich in Württemberg ebenfalls stellte – auch ohne Industrie.

Dieses Land hatte einiges durchgemacht in der Periode zwischen der Französischen Revolution 1789 und dem Wiener Kongress 1815, vor allem durch die Napoleonischen Kriege. Aber mit dem Wiener Kongress war es ja noch nicht zu Ende. 1817 kam das schwere Hungerjahr, an das wir noch an vielen Orten unseres Landes durch Denkzeichen erinnert werden, wie die Hungerwecken in der Schwäbisch Haller Michaelskirche oder die erste Garbe von 1817, die in der Kirche von Asch zu sehen ist. Dieses Jahr 1817 zeigte, dass die hergebrachten sozialen Sicherungssysteme, die im Reformationsjahrhundert geschaffen worden waren, nicht mehr taugten. Sie waren zusammengebrochen, es trat eine breite Verelendung der Bevölkerung ein, eine Verelendung, die vor allem auch Kinder betraf. Man sagt nicht zu viel, wenn man das Württemberg der damaligen Jahre als eines der Armenhäuser Europas bezeichnet. Dies alles waren also vorindustrielle Probleme, doch gab es Menschen, die diese Probleme anpackten, die sich aus ihrer besonderen Einstellung heraus an Problemlösungen machten. Dies waren die Menschen der Erweckungsbewegung.

Natürlich gab es Vorbilder für die Lösungsmöglichkeiten, die man ins Werk setzte. Eines der wichtigsten Vorbilder war in der Geschichte des Pietismus zu finden, nämlich das Waisenhaus in Halle an der Saale, gegründet 1698 von August Hermann Francke (1663-1729). Dieses Haus ist nach 1989 in letzter Minute vor dem Verfall gerettet worden. Dies ist deswegen wichtig, weil das, was August Hermann Francke mit diesem Waisenhaus geschaffen hat ein eindrückliches Beispiel ist. An das ursprüngliche Waisenhaus als Zentrum wurden im Laufe der Zeit verschiedene andere Einrichtungen angegliedert, nämlich eine Bibelanstalt, eine Missionsanstalt, eine Apotheke und anderes. Das Waisenhaus in Halle ist damit das Grundmodell einer diakonischen Anstalt geworden, das bis zum heutigen Tage in Halle zu besichtigen ist. Gewiss ist der Begriff „Anstalt“ heute etwas in Verruf gekommen, man hört diesen Begriff nicht mehr gerne und er wird deswegen vermieden. Aber „Anstalt“ kommt ja von „etwas anstellen“, „Anstalten machen“, d.h. aktiv werden, und darum geht es hier.

Es gab noch ein weiteres Vorbild für diakonische Einrichtungen, und zwar hier im Süden. Das ist der elsässische Pfarrer Johann Friedrich Oberlin (1740-1826). Er war ein Landpfarrer im Steintal (Ban de la Roche) in den Vogesen. Dieses Steintal trägt seinen Namen nicht zu unrecht, denn dort gab es viele Steine und wenig Brot, weshalb Oberlin in seiner Gemeinde eine Vielzahl von Initiativen entwickelt hat, die im Kern schon alles enthalten, was im 19. Jahrhundert an sozialen Aktivitäten entfaltet worden ist. Am berühmtesten ist wohl der Kindergarten, den Oberlin eingerichtet und mit seiner Mitarbeiterin Luise Scheppler (1763-1837) betrieben hat. Ferner hat er eine Armenschule gegründet, eine Sparkasse und vieles andere mehr.

Die Rettungshausbewegung, von der aber heute die Rede sein soll, geht unmittelbar aus von Beuggen am Hochrhein. Beuggen war ursprünglich ein Sitz des Deutschen Ritterordens, ein kleines Schloss, das durch die Säkularisation, durch die Aufhebung des Deutschen Ordens an Baden gefallen war. Durch diese Besitzveränderung stellte sich die Frage der Nutzung des Gebäudes, für die 1820 eine Lösung gefunden wurde. Christian Heinrich Zeller (1779-1860) gründete dort das erste Rettungshaus. Zeller war ein Mitglied der weit verbreiteten Familie dieses Namens, die seit dem 16. Jahrhundert in Württemberg Pfarrer, Beamte und Gelehrte stellte.

Christian Heinrich Zeller war von Haus aus Jurist, hatte aber eine sehr stark entwickelte pädagogische Begabung und brachte es schließlich zum Leiter des Schulwesens in Zofingen im Aargau in der Schweiz. Von dort aus kam er in Verbindung mit Christian Friedrich Spittler (1782-1867) in Basel. Spittler, ebenfalls ein Württemberger, war Sekretär, d.h. Geschäftsführer und somit der leitende Mann der Baseler Christentumsgesellschaft. Die Christentumsgesellschaft hieß mit vollem Namen „Deutsche Gesellschaft von edlen tätigen Beförderern reiner Lehre und wahrer Gottseligkeit“. Diese Gesellschaft war 1780 in Basel gegründet worden von Johann August Urlsperger (1728-1806), dem Senior der reichsstädtischen evangelischen Geistlichkeit in Augsburg.

Urlspergers Vater, Samuel Urlsperger (1685-1772), war Hofprediger des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg gewesen, musste jedoch diese Stelle räumen, weil seine Predigten dem Herzog und der Hofgesellschaft zu deutlich geworden waren. Urlspergers dramatische Entlassung 1718 führte zu Berufungen nach London und nach Augsburg. Urlsperger entschied sich für Augsburg, wo er 1723 Senior der dortigen evangelischen Geistlichkeit wurde. Samuel Urlsperger hat in Augsburg eine sehr wichtige Funktion gehabt, vor allem auch im Zusammenhang mit der Aufnahme und der Unterbringung der vertriebenen evangelischen Salzburger 1732, wofür er seine weltweiten Verbindungen einsetzte.

Aber hier geht es nun um seinen Sohn Johann August Urlsperger, der dem Vater in dem Augsburger Amt nachfolgte und von dort aus den Gedanken verfolgte, eine Gesellschaft zur Verbreitung christlicher Schriften zu gründen. Das war jedoch nur das erste Ziel dieser Gesellschaft, denn auch tätige Nächstenliebe und Heidenmission hatte er sich als Zweck einer solchen Gesellschaft vorgenommen. Es gab auch schon ein Vorbild für eine solche Gründung: in England gab es eine Society for promoting christian knowledge, die schon 1698 gegründet worden war. Von dieser Gesellschaft wusste Urlsperger durch die väterliche Verbindung nach England, und tatsächlich ist ihm dieses Beispiel vor Augen geschwebt.

Nachdem sich Johann August Urlsperger in verschiedenen deutschen Städten umgesehen hatte, gründete er 1780 die Christentumsgesellschaft in Basel. Dies schien ihm die Stadt zu sein, die am meisten offen war für seine Idee. Die Sekretäre der Gesellschaft waren in der Regel Württemberger, der bedeutendste in dieser Stellung war Christian Friedrich Spittler. Auch Spittler war ein Mann voller Ideen. Er begnügte sich nicht mit der Leitung der Christentumsgesellschaft, sondern setzte laufend neue Gründungen in Gang, die man organisatorisch als Ausgründungen aus der Christentumsgesellschaft ansehen muss. Die für Württemberg wichtigsten Gründungen, die von der Christentumsgesellschaft ausgingen, sind die Württembergische Bibelgesellschaft von 1812 und die Baseler Mission von 1815.

Bei der Gründung der Baseler Missionsgesellschaft 1815 bekam Christian Heinrich Zeller die Überzeugung, dass man nicht nur äußere Mission, sondern ebenso auch innere Mission betreiben müsse. Zeller hat sich persönlich an die Aufgabe der inneren Mission gemacht und das erste Rettungshaus im Schloss Beuggen gegründet, das ihm der badische Großherzog zur Verfügung gestellt hatte. Er nannte diese Anstalt eine Kinderrettungs- und Lehreranstalt, d. h. er hatte sich damit eine doppelte Aufgabe vorgenommen, zum einen ein Heim für verwahrloste Kinder zu schaffen, und zum anderen eine Ausbildungsstätte für sogenannte Armenlehrer. Das sollten Lehrer sein, die auch in schwierigen Situationen
eingesetzt werden konnten, weil sie einen Beruf erlernten, der ihnen die Möglichkeit gab, sich notfalls auch mit ihrer Hände Arbeit zu ernähren.

Der große Mann der Pädagogik des ausgehenden 18. Jahrhunderts, Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), war kurz vor seinem Tod in Beuggen und soll gesagt haben: „Das ist es, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Dieser Ausspruch zeigt, dass mit dem Rettungshaus ein deutlicher Unterschied zu den Anstalten gesetzt wurde, die im Geiste der Aufklärung gegründet worden waren. Ein Beispiel für eine solche Anstalt ist das Waisen-, Zucht- und Arbeitshaus in Ludwigsburg, das 1737 gegründet worden war. Der Name zeigt, dass hier drei Funktionen unter einem Dach, unter einer Leitung, vereinigt waren. Der Name macht weiter deutlich, dass man hier alle der gesellschaftlichen Norm nicht entsprechenden Elemente in eine Anstalt gesteckt hat. Die Waisen, die Leute, die Zuchthausstrafen abbüßen mussten, und Arbeitsscheue, die in dieser Anstalt zu nützlichen Arbeiten angehalten werden sollten.

Ganz anders die Pädagogik Zellers. Er vereinigte deswegen eine Lehrerbildungseinrichtung mit einem Kinderheim, weil er – und das hat er wohl von Pestalozzi gelernt –, der Kindheit eine eigene Würde zubilligte. Anders in der Aufklärung, in der man Kinder als kleine Erwachsene angesehen hat, die man erst noch zu solchen heranbilden musste. Eigene Würde der Kindheit heißt, Kinder als vollgültige Geschöpfe Gottes wahrzunehmen. Die Lehrerausbildung hat Zeller deswegen dazugenommen, weil die Lehrer Vorbild sein, die Kinder motivieren sollten, nicht etwa Regelverstöße bestrafen. Die Einrichtung des Rettungshauses geschah daher nach dem Familienprinzip. Inhaltlich wurde eine landwirtschaftliche oder handwerkliche Berufsausbildung geboten, verbunden mit einer pädagogisch-christlichen Ausbildung der Lehrer. Das war nun ein durchaus modernerer und weiterführender pädagogischer Ansatz, ein christlicher Ansatz, der sich ganz deutlich von dem der Aufklärung abhebt.

Die Idee des Rettungshauses ist besonders in Württemberg aufgenommen worden, bis 1845 waren hier 22 Rettungshäuser entstanden. In diesen Zusammenhang gehört auch Wilhelmsdorf hinein. Die Siedlung Wilhelmsdorf wurde 1824 von Korntal aus gegründet; in derselben Weise ging auch die hier begonnene diakonische Arbeit von Korntal aus. Das Korntaler Rettungshaus ist eines der frühesten unter denen, die in Württemberg gegründet wurden. Schon vier Jahre nach der Gründung von Korntal, im Jahre 1823, hat Gottlieb Wilhelm Hoffmann (1771-1846) den Entschluss zur Errichtung eines Rettungshauses gefasst. Es wird erzählt, dass ihn eines Tages ein Bettelknabe angesprochen habe, worauf er auf den Gedanken gekommen sei, nun selber auch ein Rettungshaus in Korntal zu gründen. Bei dem Aufruf, den Hoffmann hierfür im Druck hat erscheinen lassen, geht er aus von dem Halleschen Waisenhaus von August Hermann Francke, das Francke mit einigen wenigen Talern gegründet habe.

Vor wenigen Jahren ist in Halle eine Ausstellung über die Geschichte des Waisenhauses gezeigt worden, mit dem Titel „Vier Thaler und sechzehn Groschen“. Das war das Kapital, mit dem 1698 das Waisenhausgegründet worden ist. Es ist daraus „eine der umfassendsten Pflanz-Schulen für Wissenschaft und Gottseligkeit, für Missionen und Bibel-Verbreitung geworden“, schreibt Hoffmann. Nach diesem Vorbild nahm sich nun Hoffmann vor, selbst eine solche Anstalt zu errichten.

Hoffmanns Aufruf ist datiert vom 7. Juli 1823. Er ist an alle Menschenfreunde gerichtet. Er führt hier aus, dass eine Erziehungs- oder vielmehr Rettungsanstalt für Kinder fehle, für Kinder, die weder irgendeinen Unterricht genießen, noch zu einer regelmäßigen Beschäftigung angehalten werden, für Kinder, die mit ihren Eltern von Dorf zu Dorf ziehen, die vom Betteln leben und sich an allerhand Laster gewöhnen. Ebenso, sagt Hoffmann, ist ein Rettungshaus notwendig für Waisen, denn gegenüber diesen Kindern sei man in der Situation, wie sie sich in der Äußeren Mission stelle, da die Kinder, die nicht zur Schule gehen, infolge dessen auch keinen Religionsunterricht haben.

In Hoffmanns Aufruf – das ist das bemerkenswerte daran – wird ein ganz konkreter Plan für dieses Rettungshaus ausgeführt. Er sagt, wie lang und wie breit dieses Haus sein soll. Davon ausgehend, kann er auch schon einen Kostenvoranschlag vorlegen, denn wenn man um Geld bittet, darf es nicht ins Uferlose gehen, sondern man muss sagen, wie viel man braucht. Darüber hinaus bat Hoffmann nicht nur um Geld, sondern auch um Sachspenden, außerdem sollten Leute auch die Möglichkeit haben, selbst am Bau mitzuarbeiten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Hoffmann jährliche, öffentliche Rechnungslegung über die Spenden und deren Verwendung versprach.

Hoffmann hat nun tatsächlich ganz ähnlich wie damals Francke in Halle mit ganz wenig Geld angefangen. In Korntal waren es gar nur 24 Kreuzer. Dabei ist es jedoch nicht geblieben, es ging rasch aufwärts. Am 17. Mai 1824 kam König Wilhelm I. nach Korntal und ließ 300 Gulden da. Diese Großzügigkeit des Königs hat Hoffmann instandgesetzt, nun doch etwas größer zu bauen, als ursprünglich geplant.

Über König Wilhelm I., der sehr lange, von 1816 bis 1864, regiert hat, wäre noch ein Wort zu sagen. Seine drei Ehen waren nicht gerade glücklich, mit Ausnahme der mit Königin Katharina, doch ist diese früh gestorben. Der König hat für seine Liebhabereien sehr viel Geld übrig gehabt, aber es verdient, festgehalten zu werden, dass er für die Rettungshäuser im Lande immer eine offene Hand hatte. Das war nicht nur in Korntal und Wilhelmsdorf der Fall, sondern auch bei anderen solchen Einrichtungen. Immer wieder kann man in den Jahresberichten von seinen Spenden lesen. Somit spielte hier das Königshaus eine wichtige Rolle, denn auch später noch haben sich die Mitglieder des Königshauses in dieser Weise verpflichtet gefühlt. Als König Wilhelm II. 1918 abtreten musste, hat man das bei diesen Einrichtungen überall im Land natürlich deutlich wahrgenommen. Es hatte also schon seinen Grund, weshalb man in manchen Teilen der Monarchie nachtrauerte.

Bei Beginn der Rettungshausarbeit hat Hoffmann Richtlinien dafür festgelegt. Es heißt hier zum Beispiel, dass Kinder ohne Rücksicht auf die Konfession oder das Vaterland aufgenommen werden sollen. Das ist ein sehr wichtiges Moment, das uns an die universale Einstellung der Erweckungsbewegung erinnert. Aufnahme fanden Kinder von der Geburt an, bis zum Alter von zwölf Jahren. Später war eine Aufnahme nicht mehr möglich, weil die Kinder mit der Konfirmation d.h. also mit 14 Jahren entlassen wurden, wobei man ihnen eine Lehrstelle zu vermitteln versuchte. Im Rettungshaus sollten sie Unterricht in schulischen Grundkenntnissen, in Religion und in Haus- und Landwirtschaft erhalten. Dafür brauchte ein Rettungshaus natürlich entsprechende Felder und Wiesen, um eine Landwirtschaft betreiben zu können. Hinsichtlich der Rechnungslegung hat Hoffmann Wort gehalten. Nach dem ersten Jahr erschien eine gedruckte Jahresrechnung, die alle Spenden aufzählt. Zusammen waren es 500 Gulden, die größte Einzelspende kam vom König. Aufgezählt sind aber auch die Sachspenden. Die Jahresrechnung weist auch die Ausgaben nach. Im ersten Jahr konnten im Rettungshaus Korntal 29 Kinder aufgenommen werden, die vor allem aus dem württembergischen Unterland kamen. Der Jahresbericht nennt Namen und Herkunft. Es ist daraus ersichtlich dass auch zwei Badener und ein Schweizer dabei waren. Am Schluss des zweiten Jahres waren es 59 Kinder, die Zahl hatte sich also verdoppelt.

Erster Vorsteher des Rettungshauses in Korntal war Andreas Barner. Dieser kam aus Beuggen, womit die unmittelbare Verbindung von Korntal mit Beuggen deutlich wird. Schon im ersten Jahr wurde auch ein Jahresfest gefeiert, und zwar an Jakobi, dem 25. Juli. Zusammen mit dem Jahresbericht und der Rechnungslegung ist das Jahresfest ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser Arbeit, denn das Jahresfest ist eine festliche Zusammenkunft der Unterstützer des Rettungshauses. Das Fest begann mit einem Gottesdienst, wozu man - wenn irgend möglich - einen bekannten Gastprediger einlud. Dann wurde ein Examen der Kinder veranstaltet, die damit zeigen konnten, was sie in der Schule gelernt hatten. Natürlich gab es an einem solchen Tag auch besondere Mahlzeiten, denn einzelne Spender sorgten dafür, dass das Essen etwas besser ausfiel als sonst. Dann wurde das Geschäftliche abgehandelt, die Vorlage der Jahresrechnung.

Wenn sich die Zahl der Kinder vom ersten Jahr auf das zweite Jahr verdoppelt hat, muss ein Bedarf da gewesen sein. Dieser Bedarf muss so groß gewesen sein, dass Hoffmann alsbald daran ging, ein zweites Rettungshaus zu gründen. Der König besaß ein Försterhaus auf der Schlotwiese bei Zuffenhausen, gar nicht weit von Korntal. Dieses wurde 1828 verkauft. Hoffmann hatte sich um dieses Haus beworben, doch gelang es erst nach einigen Schwierigkeiten das Haus zu kaufen. Hier auf der Schlotwiese wurde nun eine Rettungsanstalt für Kleinkinder von der Geburt bis zum Alter von sechs Jahren eingerichtet.

Die Anfänge der Wilhelmsdorfer Rettungshausarbeit liegen also in Korntal. Denn durch den bereits erwähnten Zusammenhang zwischen den beiden Siedlungen musste der Rettungshausgedanke eigentlich zwangsläufig von Korntal nach Wilhelmsdorf kommen. Hier in Wilhelmsdorf wurde die Rettungsanstalt für Knaben am 27. September 1830 eröffnet, am Geburtstag König Wilhelms I. Die nun folgenden Jahresberichte fassen daher alle drei Anstalten zusammen, nämlich die in Korntal, die auf der Schlotwiese und die in Wilhelmsdorf. Die Verbindung war so eng, dass man sogar Kinder von Korntal nach Wilhelmsdorf versetzt hat. In Wilhelmsdorf waren nämlich ursprünglich die Kinder im Alter von sieben bis zehn Jahren. Hausvater in Wilhelmsdorf war Heinrich Gottlieb Hiller, der zusammen mit seiner Frau das Rettungshaus leitete.

Kinder erweitert. Dies ist um so bemerkenswerter, als man in Wilhelmsdorf anfangs, seit der Gründung, die größten Schwierigkeiten gehabt hat, und zwar nicht nur mit der Trockenlegung des Feuchtgebiets hier, sondern auch mit allerhand Krankheiten. Darüber hinaus fehlte es an Geld, und trotzdem hat man das Rettungshaus gegründet und es dann auch gleich erweitert. Das war nun wirklich eine Gründung, deren größtes Kapital der Glaube war. Die Gemeinsamkeit mit den anderen Korntaler Anstalten erstreckte sich auch darauf, dass auch in Wilhelmsdorf an Jakobi das Jahresfest gefeiert wurde und dass auch hier immer König Wilhelm I. als Wohltäter auftrat. Der Jahresbericht für 1834/35 weist 200 Gulden vom König aus und später haben sich auch andere Mitglieder des königlichen Hauses beteiligt. Neben diesen großen Gaben sind auch die vielen kleinen Scherflein zu erwähnen: 1834/35 bekam man Gaben von 172 Orten in Württemberg. Ein besonders wichtiger Teil dieser Gaben, die an das Wilhelmsdorfer Rettungshaus gegangen sind, waren die Herbstsammlungen. Wilhelmsdorf ist im Herbst von Anfang an besonders von den Orten auf der Alb bedacht worden. So ergab die Herbstsammlung 1834/35 zum Beispiel von Neuhausen an der Erms 8 Simri Äpfel, 3 Simri gedörrtes Obst, einen Sack Kartoffeln und 5 Simri Hülsenbohnen. Das Simri ist ein Hohlmaß, das etwa 30 Liter hält. Acht Simri Äpfel mögen daher zwei bis drei Säcke voll gewesen sein. Doch von 172 Orten kommt dann doch eine Menge zusammen, nämlich Grundnahrungsmittel und Obst, das gedörrt wurde, um als wichtiger Bestandteil der Ernährung im Winter zu dienen, da es eine der wenigen Vitaminquellen darstellte.

Besonders beteiligen sich mit ihren Gaben die pietistischen Gemeinschaften. Geht man die Liste der Geber durch, trifft man manchen Bekannten. So etwa Johannes Schnaitmann (1767-1848), Stundenhalter in Fellbach, ein Schüler von Michael Hahn (1758-1819). Die penibel geführten Listen der Geber nennen auch das Scherflein der Witwe, die ein paar Kreuzer spendete oder ein Paar gestrickte Strümpfe für die armen Kinder im Rettungshaus. Dann kamen auch noch Eigenleistungen hinzu, wenn Leute ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten. Natürlich hat man auch im Rettungshause immer wieder neue Ideen entwickelt, um Verdienstmöglichkeiten zu schaffen. So gab es auf der Schlotwiese eine Seidenraupenzucht, die anfangs auch einigermaßen geblüht hat.

Die Korntal-Wilhelmsdorfer Anstalten hatten 1831 zusammen 105 Kinder, wovon in Wilhelmsdorf 12 waren. Diese stammten meist aus der Stuttgarter Gegend, es waren aber auch ein paar Schweizer darunter. 1834 entschloss man sich, auch ein Rettungshaus für Mädchen zu gründen, weil es sich in Wilhelmsdorf einfach, wohlfeil und gesund lebte. Deshalb bauen. Dieses zweite Haus für 30 Mädchen bekam als Hausmutter die Jungfer Beate Paulus von Korntal. Das ist ein berühmter Name im württembergischen Pietismus, und diese Jungfer Paulus war die Tochter der bekannten Beate Paulus (1778-1842). Über diese Beate Paulus, die Tochter von Philipp Matthäus Hahn (1739-1790) und Enkelin von Johann Friedrich Flattich (1713-1797), gibt es das ja das Buch mit dem Titel: „Was eine Mutter kann“, das ihr Sohn Philipp Paulus (1809-1878) geschrieben hat. Beate Paulus, Hausmutter in Wilhelmsdorf, war demnach eine Schwester von Philipp Paulus.

1836 gründete man in Wilhelmsdorf dann noch ein Haus für Kleinkinder, das 1840 fünf Kinder zählte. Schließlich gab es fünf Anstalten, in Korntal, auf der Schlotwiese und in Wilhelmsdorf, die alle miteinander in Verbindung standen. Aber damit noch nicht genug. 1837 wurde eine neue Anstalt gegründet. In jenem Jahr kam nämlich der Taubstummenlehrer August Friedrich Oßwald nach Wilhelmsdorf. Oßwald war zuvor in Winnenden und dann in Schwäbisch Gmünd an den dortigen Taubstummenanstalten gewesen. Winnenden war ebenfalls eine pietistische Gründung, die Gmünder Anstalt eine staatliche Einrichtung, die aber von dem evangelischen Pfarrer in Schwäbisch Gmünd geleitet wurde. Dieser Pfarrer Viktor August Jäger (1794-1864) hat sich sehr intensiv mit dem Taubstummenwesen befasst und auch ein Buch darüber verfasst. Der Taubstummenlehrer Oßwald, der nach Wilhelmsdorf kam, war also ein Schüler Jägers und hat daher die neuesten Methoden im Umgang und für den Unterricht der Taubstummen nach Wilhelmsdorf gebracht.

Hoffmann hatte offenbar Oßwald ermuntert, nach Wilhelmsdorf zu gehen. Hier angekommen, musste er aber feststellen, dass die Gemeinde Wilhelmsdorf mittellos war und keine vermögenden Gemeindeglieder besaß. Trotzdem baute Oßwald mit eigenen Mitteln ein Haus für 20 Taubstumme. Sein eigenes Geld war also das Startkapital, in der Hoffnung, dass diese Anstalt künftig ebenso wie die anderen Anstalten durch Spenden und milde Gaben finanziert würde.

Die Berichte über die Taubstummenanstalt zeigen, dass die Eltern der Pfleglinge entweder zu arm waren und keinen Unterhalt zahlen konnten. Es kam auch vor, dass die zum Unterhalt verpflichteten Gemeinden zu geizig waren, und den verhältnismäßig niedrigen Anschlag des Pflegegeldes noch unterbieten wollten. Auch aus diesen Gründen musste man zusehen, dass Spenden und Gaben kamen. Aber auch für die Taubstummenanstalt sind die pietistischen Gemeinschaften eingetreten. So heißt es im Dezember 1839, die Gemeinschaften auf der Alb hätten einen Sack Korn und fünf Vierling Linsen geschickt. Im folgenden Jahr 1840 kam ein Stumpen Brotmehl und ein Stumpen Weißmehl in die Taubstummenanstalt, ebenfalls von der Alb. Einen „Stumpen“ nennt man es, wenn ein Sack weniger als zur Hälfte voll ist.

Im Jahre 1841 zählte die Taubstummenanstalt in Wilhelmsdorf 19 Zöglinge, wovon die meisten aus der Umgebung kamen, viele aber auch aus der Schweiz, nur wenige aus dem Stuttgarter Raum. Der erste Zögling der Wilhelmsdorfer Taubstummenanstalt war Ami Lang von Kurzriggenbach im Thurgau. Er hat Wilhelmsdorf zum 50jährigen Jubiläum der Taubstummenanstalt besucht und dafür gedankt, dass er durch seine Wilhelmsdorfer Ausbildung sich in seiner Heimat als Schuhmacher sein eigenes Brot hat verdienen können.

Im Jahre 1855 wurde das Töchterinstitut gegründet, 1857 das Knabeninstitut. Damit entwickelte sich Wilhelmsdorf vollends zum Schul- und Anstaltsdorf, das es bis zum heutigen Tage ist. Die weitere Entwicklung besteht vor allem in zeitgemäßen Veränderungen dieser Struktur. Das alles ist bekannt und braucht hier nicht dargestellt zu werden.

Wilhelmsdorf ist dadurch ein besonders konzentriertes Beispiel für das Entstehen und das Wachsen diakonischer Einrichtungen aus dem Geist der Erweckungsbewegung. Andernorts sind die Dinge ähnlich und doch wieder anders verlaufen, mit der Gründung von Anstalten, Schulen, Diakonissenhäusern und Diakonenanstalten, Krankenhäusern, Kindergärten und dergleichen. Ja sogar unsere Kreissparkassen gehören in diese Reihe, denn viele von ihnen haben Wurzeln, die man ihnen heute nicht mehr ansieht. Sie wurden zumeist als Sparkassen gegründet, bei denen die weniger Bemittelten ihre ersparten Pfennige anlegen konnten.

Pfarrer Karl Mann (1806-1869) in Wilhelmsdorf schrieb 1841 in seinem Bericht über die Taubstummenanstalt über das Wort Jesu an die Jünger des Johannes „Den Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Mt. 11, 5). Die Predigt des Evangeliums bezeichnet Jesus als Zeichen der neutestamentlichen Heilszeit. Dieses Wort ist durch die Erweckungsbewegung neu aufgefasst worden, nicht nur in der äußeren Mission, sondern ebenso auch in der inneren Mission. Dieses Wort gewann Gestalt in der Sorge für die Ärmsten der damaligen Gesellschaft mit einer Vielzahl von Anstalten und Einrichtungen, die nun schon 1½ Jahrhunderte und länger unter uns wirken.

Von Dr. Hermann Ehmer, Landeskirchliches Archiv Stuttgart