Ein "diakonisches Leuchtturm-Modell"

Möglichkeit 3: "FSJ plus" - ein spannendes Pilotprojekt für junge Leute in der Diakonie: Praktische soziale Arbeit plus Lernen für den Realschulabschluss
■ Petra Wäger ist 25. Eigentlich ein bisschen alt für ein „ganz normales“ Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) – aber das FSJ von Petra Wäger ist ja auch nicht ganz normal. Denn Petra Wäger macht ein FSJ plus in den Zieglerschen und das kleine Wörtchen „plus“ ist dabei von größter Wichtigkeit. FSJ plus nämlich ist anders als das „normale“ FSJ – es ist ein vielversprechendes Pilotprojekt für junge Menschen ohne Realschulabschuss. Wie eben Petra Wäger, die nach der Schule zunächst eine Ausbildung zur Verkäuferin machte, aber schnell einsehen musste: „Das war nichts für mich.”

Die Idee zu FSJ plus entstand im Diakonischen Werk Württemberg. Hintergrund ist die Tatsache, dass junge Menschen mit „nur“ Hauptschulabschluss große Schwierigkeiten haben, im sozialen Bereich eine Ausbildung zu beginnen. „Wir wollten jungen Leuten helfen, trotzdem in diesem Bereich Fuß zu fassen“, sagt Bettina Rahn, ZA-Mitarbeiterin und Mitglied jener Projektgruppe im Diakonischen Werk, die aus der innovativen Idee binnen zwei Jahren ein spannendes praktisches Projekt machte. Im Herbst letzten Jahres fiel der Startschuss für den ersten Kurs. Seitdem sind Petra Wäger und 24 weitere FSJ plus-ler dabei, das anspruchsvolle Programm zwischen Arbeit und Schule zu bewältigen. Denn FSJ plus ist mehr als ein „Reinschnuppern“ in den Sozialbereich. Es ist vor allem auch: Lernen, lernen und nochmals lernen, damit die ehemaligen Hauptschülerinnen und -schüler einen weiteren Abschluss schaffen. Zwei Jahre dauert das Ganze – und am Ende wartet der Realschulabschluss.

Zwischen Arbeit und Schule wird blockweise gewechselt. Für Petra Wäger heißt das, sie arbeitet einige Wochen in der Behindertenhilfe der Zieglerschen Anstalten, ihre Mit-FSJler schaffen derweil in anderen diakonischen Einrichtungen Württembergs. Danach folgen die Schulblöcke. Insgesamt 16 sind es, für die Petra Wäger und alle anderen aus der Gruppe nach Wilhelmsdorf kommen – an die Gotthilf-Vöhringer-Schule (GVS). Denn die GVS ist ein wichtiger Projektpartner von FSJ plus und stellt die Realschulausbildung sicher. „Der Wechsel zwischen Arbeiten und Schule ist ganz schön stressig“, meint Petra Wäger. „Auf der anderen Seite motivieren mich die Menschen mit Behinderung, mit denen ich im Rotachheim arbeite, aber total.“

Die Motivation kann sie brauchen, denn nach langer Pause wieder die Schulbank zu drücken ist kein Zuckerschlecken. Die anderen FSJler spielen dabei eine große Rolle: „Die bauen sich oft gegenseitig wieder auf“, so Dr. Rainer Borel, fachlicher Geschäftsführer der GVS. „Aber natürlich müssen auch die FSJ plus-ler von sich aus Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz mitbringen.“

FSJ plus ist bisher nur ein Pilotprojekt. Noch ein weiteres Mal kann es in Projektform durchgeführt werden, dann muss eine Regelfinanzierung her. Und darüber macht sich Dr. Borel bereits jetzt Gedanken: „Das FSJ plus ist mit erheblichen Kosten verbunden. Land, Bund und Europäische Union beteiligen sich zwar daran, aber den Löwenanteil bezahlen wir.“ Eine Umwälzung der Kosten auf die Teilnehmer kommt für ihn nicht infrage. „Die FSJ plus-ler haben es jetzt schon schwer genug.“ 220 Euro Taschengeld bekommen sie – so wie die „normalen“ FSJ-ler auch, dazu kommt noch Geld für die Verpflegung. Wer früher bereits sein eigenes Geld verdient hat, muss sich hier ganz schön umstellen.

Für Borel, langjähriger Schulleiter und Pädagoge, hat FSJ plus doppelten Modellcharakter: Einmal schulpolitisch, denn die staatlichen Stellen ziehen sich aus der Finanzierung von Bildungsangeboten immer weiter zurück, also „müssen Modelle her, die Arbeit und Ausbildung  zusammenbringen!“ Und dann aus diakonischer Sicht. Ein „diakonisches Leuchtturm-Modell“ sei FSJ plus, meint Dr. Borel: „Wir helfen den Teilnehmern nicht nur in Sachen Zukunft, sondern wir bieten ihnen Hilfe zur Selbsthilfe. Und das ist für mich unmittelbar diakonisch!“

Von Martin Schwemmle