Ehrenamtliche gesucht

Ein Interview mit Frau Prof. Dr. Sigrid Kallfass
Frau Prof. Dr. Kallfass, Sie sind seit vielen Jahren Expertin für Ehrenamtliches Engagement und Freiwilligenarbeit. Wie würden Sie den Status quo in diesem Bereich beschreiben?
Obwohl Pessimisten seit langem den Untergang des ehrenamtlichen Engagements prophezeien, hat die Zahl der Menschen, die freiwillig tätig sind, insgesamt zugenommen. Abgenommen hat jedoch das so genannte Bindungsengagement. Menschen wählen ihr Engagement heute freier, unabhängiger von den Strukturen, in die sie durch Religion, Schicht, kulturellen Hintergrund, politische Sozialisation etc. eingebunden sind. Das heißt zum Beispiel für einen diakonischen Träger, dass er nicht nur im diakonischen Milieu Engagierte finden kann. Es heißt aber auch, dass das diakonische Milieu nicht zwangsläufig einen diakonischen Träger stützt.

Aktuelle Studien besagen, dass nur etwa 7 Prozent der Freiwilligen im sozialen Bereich aktiv sind. Viel weniger als zum Beispiel im Sport- und Freizeitbereich. Woran liegt das? Ist das Soziale weniger attraktiv?
Sie beziehen sich mit diesen Zahlen vermutlich auf den 2. Freiwilligensurvey, den das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) kürzlich veröffentlicht hat.

Ja.
Dann muss zu den Zahlen zunächst gesagt werden, dass der Sport-, Freizeit- und Vereinsbereich ein sehr breites Spektrum von Engagement völlig unterschiedlichster Art erfasst. Insofern würde ich diese 7 Prozent nicht überinterpretieren. Was für jemanden als ehrenamtliche Aufgabe attraktiv ist, hängt von der Persönlichkeit und den eigenen Zielen ab. Grundsätzlich sehe ich anhand der internationalen Vergleichszahlen, dass die Deutschen im aktiven sozialen Engagement sehr gut aufgestellt sind. Von mangelnder Attraktivität kann aus meiner Sicht keine Rede sein.

Rund 23 Millionen Menschen – mehr als ein Drittel der Deutschen über 14 Jahre – engagieren sich hierzulande ehrenamtlich. Und ein nicht geringer Teil der Bevölkerung ist potenziell dazu bereit. Was muss eine Organisation tun, wenn sie diese potenziellen Ehrenamtlichen gewinnen will?
Sie muss glaubwürdig sein. Freiwillige wollen in der Regel nicht für Einrichtungen arbeiten, sondern für oder mit anderen Menschen. Freiwillige müssen also zunächst für die Klienten und zur Sicherung ihrer Lebensqualität gesucht und gefunden werden, nicht für die eigene Entlastung oder als preisgünstigere Lösung. Aber auch Entlastung und preisgünstigere Lösungen können von Freiwilligen unterstützt werden – wenn klar ist, dass sie dabei nicht funktionalisiert werden, sondern dies der nachhaltigen Sicherung eines sozial gerechten Gesellschaftssystems dient bzw. hierfür notwendig ist. In diesem Fall sind viele Menschen auch für ein Engagement zu bekommen, das ökonomisch begründet ist.

Kann die Mitwirkung von Freiwilligen oder gering Qualifizierten in einem professionellen Sozialunternehmen wie zum Beispiel den Zieglerschen Anstalten aus Ihrer Sicht die fachliche Qualität beeinträchtigen?
Freiwillige sind doch nicht bildungsfern und mangelhaft qualifiziert. Ganz im Gegenteil. Der aktuelle Freiwilligensurvey im Auftrag des BMFSFJ zeigte wieder, dass Freiwillige überwiegend aus sozial und bildungsmäßig gut aufgestellten Milieus kommen, aus der so genannten Mittelschicht. Sie sind oft hoch qualifiziert und in ihrer Freiwilligenarbeit bringen sie diese Qualifikation ein. Und auch die so genannten gering Qualifizierten, die beispielsweise über die Arbeitsagentur in soziale Einrichtungen kommen, sind oft nur im Verhältnis zur fachlichen Qualifikation gering qualifiziert. Es gilt für Sie, herauszufinden, wo sie ihre Kompetenzen haben, und  sie dort einzusetzen. Oder ihnen die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln, die es möglich machen, sie für alle Seiten befriedigend und qualitätvoll einzusetzen. Der Mix aus Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen, Qualifikationen und Motivationen bietet dann eine hohe Qualität, wenn er fachlich geplant und begleitet wird, und wenn geeignete Modelle des Miteinanders gefunden werden. Hier liegt eine neue Herausforderung für die Fachkräfte.

Nach welchen Kriterien suchen sich Freiwillige ihren Einsatzort bzw. ihre Aufgabe aus?
Freiwillige sind – wie wir alle – Individuen. Ihre Motive sind vielfältig, ihre Sinnkriterien auch. Ich denke, für jede Arbeit können Freiwillige gefunden werden, wenn klar ist, dass diese Arbeit besonders gut von ihnen gemacht werden kann und sie nicht die Rolle des Lückenbüßers oder der Lückenbüßerin spielen.

Für Sie ist das Thema bürgerschaftliches Engagement seit vielen Jahren ein theoretischer und praktischer Forschungsgegenstand. Was meinen Sie: Wohin geht in der Freiwilligenarbeit der Trend?
Ich glaube – wie andere in diesem Bereich arbeitende Menschen übrigens auch – dass wir von den Anteilen und der Zahl Freiwilliger an der oberen Grenze angekommen sind. Der demografische Wandel, der Umbau des Sozialstaats, die Probleme, die wir in der Arbeitswelt haben, der Bevölkerungsschwund lassen die freien Kapazitäten schwinden und machen es notwendig, dass die Menschen sich auf den Lebensunterhalt und damit das Geldverdienen mehr konzentrieren als bisher. In der Freiwilligenarbeit bisheriger Prägung sind wir dann meines Erachtens an den Grenzen des Wachstums angekommen.

Interview: Ludger Baum

Prof. Dr. Sigrid Kallfass ist Sozialplanerin und Professorin an der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Soziale Verantwortung und Freiwilligenarbeit. Darüber hinaus ist sie Fachberaterin der Stabsstelle für Bürgerengagement und Freiwilligendienste im Sozialministerium Baden-Württemberg, Projektleiterin des Projekts Bürgerschaftliches Engagement von Wirtschaftsunternehmen der Landesstiftung im Bodenseeraum sowie Leiterin der Koordinierungsstelle Bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe im Landkreis Ravensburg.