Die Verantwortung ist schwer

Am 1. August 1940 brachte die Post einen Brief des Innenministeriums in Berlin in die Taubstummenanstalt: »Im Hinblick auf die Notwendigkeit planwirtschaftlicher Erfassung der Heil- und Pflegeanstalten ersuche ich Sie, die anliegenden Meldebogen umgehend … auszufüllen und an mich zurückzusenden.«[1]  Nun waren auch die Zieglerschen Anstalten ins Blickfeld der Euthanasie-Organisatoren in der Berliner Zentrale gelangt.

Von Inga Bing-von Häfen
Hausvater bzw. »Inspektor« der Taubstummenanstalt war zu dieser Zeit Heinrich Hermann. Er wurde am 2. August 1878 in der Schweiz geboren, ging während seiner Jugend im Knabeninstitut in Wilhelmsdorf zur Schule und absolvierte später seine Diakonen-Ausbildung an der streng-pietistischen Pilgermission St. Chrischona bei Basel. Getreuliche Pflichterfüllung als christlicher Lebensauftrag und komplette Verinnerlichung von Bibel und göttlichen Geboten waren wichtige Bestandteile der Lehrzeit in St. Chrischona und sie sollten ihm auch für sein späteres Leben und Handeln Halt und Orientierung geben. Erfahrung auf dem Gebiet der Arbeit in einer großen Heil- und Pflegeanstalt sammelte er in Stetten im Remstal, wo er von 1927 bis 1936 Hausvater war. Im Anschluss kam er nach Wilhelmsdorf und übernahm die Hausvaterposition. Bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1947 blieb er dieser Einrichtung treu – und treu blieb er auch Wilhelmsdorf, denn hier lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1961.

Als Hausvater der Taubstummenanstalt war Hermann zuständig für die Bearbeitung des Schreibens aus dem Ministerium. Hermann brauchte offenbar keine lange Bedenkzeit, denn schon am 6. August antwortete er: »Für die Erfassung dieser Pfleglinge treibt es mich zu folgender Festellung: Ich kenne den Zweck dieser planwirtschaftlichen Erfassung. Ich weiss von den vielen Todesnachrichten, welche die Angehörigen verschiedener württembergischer und badischer Heil- und Pflegeanstalten in den letzten Monaten erhalten haben. Ich kann da gewissenshalber nicht schweigen und nicht mitmachen. Wohl weiss ich, daß es heißt: ›Seid untertan aller Obrigkeit, die Gewalt über euch hat‹. Ich habe darum auch den gelben Bogen ausgefüllt. Aber nun kann ich nicht mehr weiter. Ich habe einfach die Ueberzeugung, daß die Obrigkeit mit der Tötung gewisser Kranker ein Unrecht begeht. (...) Das ist es, warum ich in dieser Sache nicht mitmachen kann. Es tut mir leid, aber man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.«[2] Hermann hatte seine konkreten Kenntnisse aus der Heil- und Pflegeanstalt Stetten, ihm waren dort Briefe von Angehörigen der Getöteten gezeigt worden.[3]
Angesichts dieser Erkenntnisse war Hausvater Hermann nicht bereit, an den geplanten Tötungen seiner Pfleglinge mitzuarbeiten. Er formulierte seinen Widerspruch im vollen Bewusstsein, dass dies für ihn persönlich Folgen haben könnte: »Ich bin bereit, die Folgen dieses meines Ungehorsams auf mich zu nehmen.«[4] Doch mit der Rücksendung der blanken Meldebogen war die Gefahr nicht gebannt. Bereits am 16. August 1940, nur wenige Tage nach Hermanns Schreiben, wurde beim Reichsinnenministerium erneut um die Zusendung von 50 Meldebogen gebeten, die Anfang September in Wilhelmsdorf eintrafen.[5] Vermutlich ging dies auf die Initiative des Vorstandes der Zieglerschen Anstalten zurück. Zusätzlich bat auch Taubstummenlehrer Stempfle (Hermanns Kollege in der Kinderabteilung – d.V.) beim württembergischen Innenministerium um die Zusendung weiterer Meldebogen. »Um die gewünschte Ausfertigung für die Private Gehörlosenschule mit Heim vornehmen zu können, bitte ich um Zustellung des Meldebogens 2 und um Meldebogen 1 für die Erfassung der rund 100 Schüler unsrer Gehörlosenschule.«[6] Stempfle informierte auch die Zentralleitung für das Stiftungs- und Anstaltswesen in Württemberg über sein Vorgehen und teilte mit, dass er selbst die Bearbeitung der Meldebogen für die Insassen des Heimes der Gehörlosenschule vornehmen werde. Zudem erbat er Hilfe: »In dem betreff. Schreiben war vermerkt, daß die Landesfürsorgebehörde zur Beratung bei der Ausfüllung der Meldbogen (sic!) bereit sei. Für solche Beratung wäre ich dankbar und ich bitte um Mitteilung, in welcher Art sie erfolgen wird. Dürfen wir etwa Herrn Dr. Eyrich zur Beratung hierherbitten …?«[7] Obwohl es hier nur um eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Pfleglingen ging, wurde vermutlich angesichts des ablehnenden Verhaltens von Hausvater Hermann tatsächlich eine Gutachterkommission des württembergischen Innenministeriums nach Wilhelmsdorf geschickt. Zur Vorbereitung dieses Besuches sollte eine Liste mit allen »Schwachsinnigen, Epileptischen und Geisteskranken« zusammengestellt werden.

Am 23. Oktober 1940 fand der angekündigte Besuch von Obermedizinalrat Dr. Mauthe und Landesjugendarzt Dr. Eyrich statt. Sie begutachteten und untersuchten die 45 von Hermann aufgelisteten Pfleglinge; im Zuge des Besuchs wurden insgesamt 45 Meldebogen ausgefüllt. Hermann, dem die gesamte Situation während des Besuches nicht behagte, wurde offenbar von Dr. Mauthe selbst ermutigt, die in den Bogen abgefragte Arbeitsleistung der Kranken höher einzuschätzen als sie in Wirklichkeit war. Dazu sah er sich jedoch nicht in der Lage. Noch nicht einmal angesichts der Lebensgefahr für die Kranken, der sich Hermann sehr wohl bewusst war, konnte er zur Notlüge greifen. Auch wenn er die beiden Stuttgarter ihre Arbeit in Wilhelmsdorf verrichten ließ, wollte er auch weiterhin nicht beteiligt sein und weigerte sich abschließend, die ausgefüllten Meldebogen zu unterschreiben. Mauthe und Eyrich fuhren ohne die Meldebogen zurück und baten um postalische Nachsendung – mit den erforderlichen Unterschriften. Zwei Tage später, am 25. Oktober, schickte Hermann die unterzeichneten Bogen ab. Wie schwer ihm dieser Schritt gefallen sein mochte offenbart sein Begleitschreiben an Dr. Mauthe: »Mit schwerem Herzen schicke ich die Bögen heute an Sie ab. Es sind darauf Menschen geschrieben, die uns von Behörden und Privaten anvertraut sind, damit wir Ihnen (sic!) alle Sorgfalt und Liebe angedeihen lassen. Es war mir eine Freude diesen Menschen zu dienen. Jetzt soll ich sie dem Tod ausliefern ›aus Gehorsam gegen die Obrigkeit‹. Handle ich damit nicht treulos gegen die, die sie uns in gutem Glauben anvertraut haben? Die Verantwortung ist schwer.«[8] Hermann sah sich in einem persönlichen Dilemma, er hatte den staatlichen Anordnungen nicht Folge leisten wollen und die Ausfüllung der Fragebogen verweigert. Allein, sein Umfeld hatte diese Entscheidung nicht mitgetragen, sein Kollege Stempfle hatte die Formulare erneut angefordert und auch der Landesverband der Inneren Mission, den Hermann um Rat gebeten hatte, stellte klar, dass sie auszufüllen seien. Die Haltung des Vorstandes der Zieglerschen Einrichtungen ist angesichts fehlender Quellen nicht klar zu rekonstruieren. Aber es steht zu vermuten, dass Hermann auch von dort keine Unterstützung erfuhr.

Hermann beschäftigte sich weiterhin mit dem Schicksal der Kranken und offenbar quälten ihn Gewissensbisse, dass manche Patienten falsch beurteilt worden waren. Deshalb schrieb Hermann erneut an Dr. Mauthe und bat ihn abermals, einige zusätzliche Kranke zu verschonen: »Ist es nicht möglich noch einige Bögen zu zerreissen?«[9] Hermann nannte die Namen von zwölf Männern und sieben Frauen, deren Meldebögen er vernichtet sehen wollte – darunter den Namen Ernst Weiss.

Erst am 8. März 1941 erreichte die Zieglerschen Anstalten wieder ein Schreiben vom württembergischen Innenministerium: »Auf Anordnung des zuständigen Herrn Reichsverteidigungskommissars sind die in den angeschlossenen Verlegungslisten aufgeführten Kranken in die Heilanstalt Weinsberg zu verlegen. (...) Die Benachrichtigung der Angehörigen über die Verlegung erfolgt durch die Aufnahmeanstalt, die Angehörigen und Kostenträger sind von der Abgabeanstalt nicht zu verständigen.«[10]

Am 24. März 1941 wurden die vom württembergischen Innenministerium bestimmten 19 Pfleglinge der Zieglerschen Anstalten von den »grauen Bussen« abgeholt. Die Gruppe kam zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Schussenried. Dort blieb sie jedoch nur eine Nacht und wurde am kommenden Tag – gemeinsam mit 15 weiteren Kranken aus Schussenried und von der Pflegeanstalt Heggbach – nach Weinsberg gebracht.[11] Hier musste sie auf ihren Weitertransport in eine der aktiven Tötungsanstalten warten. Da Inspektor Hermann bereits vor dem Abtransport der Pfleglinge aus Wilhelmsdorf eine Eingabe an das württembergische Innenministerium gemacht hatte, die Siegfried Klotz, Gotthilf Fischer, Ernst Weiss und Rosine Schaile vor der Euthanasie bewahren sollte, blieben diese vier zunächst zur Begutachtung in Weinsberg. Die restlichen 15 wurden bereits am 22. April 1941 nach Hadamar gebracht und dort noch am Tag ihrer Ankunft vergast.[12] Da die Kranken offiziell nicht wussten bzw. nicht wissen sollten, dass sie unmittelbar nach der Ankunft in ihrer Zielanstalt getötet werden würden, trugen sie ihren gesamten persönlichen Besitz mit sich. Von Hadamar aus wurde dieser wieder nach Weinsberg zurückgeschickt. Im Juli 1941 kamen zumindest einige der Gegenstände nach Wilhelmsdorf zurück.[13] Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die ersten Todesnachrichten eingetroffen.

Am 29. Mai 1941 hatte die Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten schließlich auch über das Gnadengesuch von Heinrich Hermann entschieden. Sein Einsatz hatte leider nur geringen Erfolg. Am 5. Juni 1941, nur wenige Tage nach der Entscheidung, ging in Weinsberg die Mitteilung über den endgültigen Weitertransport von drei Wilhelmsdorfer Kranken ein, der bereits für den 16. Juni 1941 terminiert wurde.[14] Auch diese drei wurden nach Hadamar bei Limburg gebracht und dort vermutlich noch am Ankunftstag ermordet.[15] Lediglich einer der Pfleglinge, für die sich Hausvater Hermann engagiert hatte, durfte in seine Herkunftseinrichtung zurückgebracht werden: Ernst Weiss.[16]

Ernst Weiss wurde am 31. Juli 1920 in Calw geboren. Laut seinem Meldebogen galt er Zeit seines Lebens als krank und wurde kurz vor seinem siebten Geburtstag, am 17. Juni 1927, in Wilhelmsdorf aufgenommen.[17] Seine Mutter lebte in Stuttgart und hielt regen Kontakt zu ihrem Sohn. Ihre Briefe zeugen von großer Sorge um sein Schicksal, immer wieder bat sie Inspektor Hermann um rasche Antwort und Auskunft über seinen Verbleib. Warum gerade Enst Weiss die Euthanasie überlebt hat, lässt sich aus den vorhandenen Dokumenten nicht mehr mit letzter Sicherheit rekonstruieren. Sicher ist, dass Hausvater Hermann in seinen beiden Eingaben an das Innenministerium in Stuttgart wiederholt darum bat, ihn von der Verlegungsliste streichen zu lassen. Zugleich hielt Ernst Weiss' Mutter auch in Weinsberg regelmäßigen Kontakt zu ihm, sie besuchte ihn zum Teil in 14-tägigem Abstand. Am 23. Juni, nur wenige Tage nach der Deportation der letzten Wilhelmsdorfer Pfleglinge, schrieb sie an Inspektor Hermann, dass Ernst gerne wieder in sein vertrautes Umfeld zurück möchte und dass er der einzige verbliebene Wilhelmsdorfer in Weinsberg sei.

Am 11. September 1941 war es soweit. Eine Pflegerin aus Wilhelmdorf holte Ernst Weiss in Heilbronn am Bahnhof ab und fuhr gemeinsam mit ihm zurück in die Taubstummenanstalt. Seither lebte er dort, malte und zeichnete gerne – am 20. September 2009 ist er in Wilhelmsdorf verstorben.

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[1] Schreiben des Reichsministerium des Innern (RMdI) vom 16.7.1940, in: LKA S, ZA Nr. 23.
[2] Schreiben von Hermann an das RMdI vom 6.8.1940, in: StA Sig. Wü 29/3 B1, Nr. 1756.
[3] Zeugenaussage von Hermann vom 8.12.1947 im Grafeneck-Prozess, in: Ebd.
[4] Schreiben von Hermann an das RMdI vom 6.8.1940, in: Ebd.
[5] Schreiben des RMdI an die Zieglerschen Anstalten vom 6.9.1940, in: StA Sig. Wü 29/3 B1, Nr. 1756.
[6] Schreiben von Stempfle an das württembergische Innenministerium (WMdI) vom 24.8.1940, in: StA LB, E 191, Bü. 6861.
[7] Schreiben von Stempfle an das WMdI vom 30.8.1940, in: Ebd.
[8] Schreiben von Hermann an Mauthe vom 25.10.1940, in: LKA S, ZA Nr. 23.
[9] Schreiben von Hermann an Mauthe vom 25.10.1940, in: LKA S, ZA Nr. 23.
[10] Schreiben vom WMdI an die Zieglerschen Anstalten vom 8.3.1941, in: LKA S, ZA Nr. 23.
[11] Schreiben des WMdI an Weinsberg vom 8.3.1941, in: StA Sig., Wü 29/3, B1, Nr. 1755.
[12] Verlegungsliste der Heilanstalt Weinsberg, in: StA LB, F 234 I, Bü. 1140.
[13] Schreiben von Heinrich Hermann an die Heil- und Pflegeanstalt Weinsberg vom 12.7.1941, in: StA LB, F 234 I, Bü. 1135.
[14] Schreiben vom WMdI an die Heilanstalt Weinsberg vom 5.6.1941, in: Ebd.
[15] Schriftliche Mitteilung der Gedenkstätte Hadamar an die Autorin vom 22.10.2003.
[16] Schreiben der Reichsarbeitsgemeinschaft an das WMdI vom 29.5.1941, in: LKA S, ZA Nr. 23.
[17] Meldebogen I von Ernst Weiss, in: LKA S, ZA Nr. 23.