Die Freiheit, unvernünftig zu sein

Die goldene Mitte? Leben im "Wohnverbund 12" in der Haslachmühle heißt selbständig Wohnen mit allen Konsequenzen - aber am Rande einer Einrichtung und mit professioneller Begleitung
■ Werden die Geschirrtücher in Ihrem Haushalt gebügelt? Essen Sie so oft Gemüse, wie es Ihrer Gesundheit zuträglich wäre? Sitzen Sie in Ihrer Freizeit viel zu oft vorm Fernseher? Die meisten Menschen wissen, was gut für sie wäre. Und entscheiden sich trotzdem manchmal für das Gegenteil. Es ist ein wesentlicher Teil des Menschseins, sich frei und gelegentlich auch gegen die Vernunft entscheiden zu können. Menschen mit einer Behinderung, die in Einrichtungen leben, sind zumeist von professionellen Helfern umgeben, deren Aufgabe es ist, auf ihre Gesundheit und auf ihr Wohlergehen zu achten. Weil diese Helfer ihre Aufgabe gut machen wollen, besteht für die betreuten Menschen immer auch die Gefahr, zum eigenen Wohl bevormundet zu werden.

Im Wohnverbund 12 in der Haslachmühle sind sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Gefahr bewusst. 17 erwachsene Menschen, die in neun Wohneinheiten auf dem Gelände der Haslachmühle und im Nachbarort Hasenweiler leben, werden von den Mitarbeiterinnen des Wohnverbunds begleitet. Sie erfahren hier Assistenz und Unterstützung in der Form wie sie sie benötigen und wünschen. Ein Standardangebot sucht man vergebens. Die passende Wohnform inklusive entsprechender Unterstützung wird zwischen dem einzelnen Menschen und der Einrichtung vereinbart. Die Entscheidungen über sein Leben muss und darf der Einzelne für sich selbst treffen.

Das bringt neben einem großen Maß an Eigenverantwortung auch eine Menge Arbeit. Wer seine Mahlzeiten selbst zubereitet, wer die eigene Wäsche wäscht, wer den Rasen mäht und auch die Kehrwoche einhält, der hat viel zu tun. Wie bei anderen berufstätigen Menschen wird die Organisation des eigenen Lebens zur Freizeitgestaltung. Darüber hat sich aber bis heute noch niemand beklagt. Denn die Eigenständigkeit und die Bestätigung die aus der Eigenverantwortung erwachsen, wiegen stärker. Und wie gesagt: Man kann ja auch mal alle fünfe grade sein lassen.

Eine schöne Entwicklung ist, dass die Menschen, die vom Wohnverbund begleitet werden aus ihrem veränderten Selbstbewusstsein heraus auch eine andere Rolle im Gemeinwesen einnehmen. Sie sind nicht mehr die Hilfsbedürftigen, sondern ein aktiver Bestandteil der bürgerlichen und der kirchlichen Gemeinde. Sie beteiligen sich bei gemeindlichen Aktivitäten und bereichern so die Gemeinde wie jeder andere aktive Bürger.

Von Uwe Fischer