Die bunte Welt der Freiwilligen

Wenn Lukas Lohr vom Balkon seiner Wohnung im Ev. Kinder- und Jugenddorf Siloah aus auf den gegenüberliegenden Wiesenhang blickt, dann schlägt sein Herz  etwas höher als sonst. »Von hier aus kann ich mit dem Snowboard fast auf die Piste springen«, sagt er. Der 22-jährige absolviert seit 1. September 2011 den Bundesfreiwilligendienst am Isnyer Standort der Jugendhilfe der Zieglerschen und wohnt unter der Woche direkt vor Ort. Der Waldarbeit im heimatlichen Messkirch hat er den Rücken gekehrt: »Ich wollte einfach mal etwas anderes machen und in die soziale Welt hineinschnuppern «, sagt er. Den Freiwilligendienst gleich ganz in den sozialen Bereich zu verlagern, das war ihm jedoch zu viel. Und so entschied er sich für die Hausmeisterei in Siloah. »Ich mähe den Rasen des großflächigen Parks hier, repariere Rolläden in den Wohnhäusern und begleite Kinder zum Arzt«, berichtet er über seine bisherigen Tätigkeiten. Auf diese Weise hat er genügend Einblick in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in herausfordernden Lebenslagen. Auch die  Kontaktmöglichkeiten zu Kindern und Erziehern sind somit gegeben. Das ist wichtig für den jungen Mann – denn er möchte das Jahr ganz gezielt nutzen, um sich über eine Berufsausbildung Gedanken zu machen. »Den Beruf des Jugend- und Heimerziehers finde ich sehr interessant« – soviel kann er jetzt schon sagen.
Auch Luca Knödler, 18, hat sich für den Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) entschieden. In der Fachklinik Ringgenhof der Suchthilfe arbeitet er seit 1. September im Aufnahmebüro für Patienten mit, werkelt in der Haustechnik und verrichtet verschiedene Fahrdienste für die Klinik. Zuvor hat er die Fachhochschulreife in Sigmaringen abgeschlossen. »Ich habe mich nach der Schule für ein Jahr als Bufdi in der Suchthilfe entschieden, weil ich finde, dass es ein guter Einstieg ins Berufsleben ist«, sagt er. Außerdem ist er der Meinung, dass man durch ein freiwilliges Jahr eine Menge an Erfahrungen sammeln und neue Menschen kennenlernen kann. »Ich bin überrascht, dass es so gut läuft«, zieht er als Zwischenbilanz, »bisher habe ich keine Probleme gehabt. Es klappt alles, genauso wie ich es mir vorgestellt habe.«

Als »echten Mehrwert« bezeichnet Personalreferentin Ines Römpp die Erfahrungen und das Wissen, welches junge Menschen im Freiwilligendienst in den Zieglerschen sammeln können. Derzeit sind es 86 Menschen im Alter von 16 bis 46 Jahren, die sich im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), im Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) und im Bundesfreiwilligendienst in den Zieglerschen betätigen, 17 davon stammen aus dem Ausland. »Viele Freiwillige nutzen die Zeit ihrer Tätigkeit zur beruflichen Orientierung«, sagt Ines Römpp, »nur die Wenigsten wissen schon vor Antritt des Freiwilligendienstes, dass sie danach im sozialen Bereich arbeiten wollen«. Oft wollen die Freiwilligen einmal etwas ganz anderes als in der Schule oder im klassischen Beruf machen. »Sie lernen in den unterschiedlichen Hilfearten der Zieglerschen andere Inhalte und andere Schwerpunkte kennen«, sagt Römpp. Dabei hat sie neben fachlichen Inhalten vor allem jene Kompetenzen im Blick, die von Industrie und Wirtschaft ebenfalls sehr geschätzt werden: »Soft Skills wie Konflikte lösen, reflektieren, einfühlen, Verständnis haben und teamfähig sein können«, zählt sie auf. Aber auch das Lernen von Pünktlichkeit oder körperlicher und seelischer Belastbarkeit seien Eigenschaften, die die Freiwilligen später mit viel mehr Reife ins Studium und Berufsleben starten lassen würden.

  »Ich habe mich nach der Schule für ein Jahr als Bufdi in der Suchthilfe entschieden, weil ich finde, dass es ein guter Einstieg ins Berufsleben ist. Bisher klappt alles genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. «<br />
Luca Knödler<br />
Bufdi in der Fachklinik Ringgenhof der Suchthilfe in Wilhelmsdorf  
»Ich komme aus Brasilien und hatte vor meiner Tätigkeit hier noch nie mit Menschen mit Behinderung zu tun. Ich hatte keine Ahnung, wie es wird. Aber jetzt habe ich die Kinder in der Haslachmühle kennengelernt und lachen gesehen. Sie freuen sich oft an kleinen Dingen und das überträgt sich auch auf mein Leben. Ich weiß jetzt: Das ist schön, das will ich weiter machen. Das FSJ ist eine gute Erfahrung in meinem Leben.«<br />
Francieli da Costa<br />
FSJlerin in einer Wohngruppe für Kinder mit geistiger Behinderung in der Haslachmühle
Bilderstrecke: Freiwillige in den Zieglerschen (4 Bilder).

Ob es mit einem Studium nach dem FSJ in Deutschland klappen wird, ist für die Brasilianerin Francieli da Costa noch nicht sicher. Seit März betreut sie in einer Wohngruppe der Haslachmühle Kinder zwischen neun und 13 Jahren. Sie wechselt Windeln, hilft beim Baden, isst und spielt mit ihnen. Sich in die Welt von Menschen mit Hör-Sprach-und zusätzlicher geistiger Behinderung einzufinden, war für die 23-jährige eine spannende Sache. »Ich hatte vor meiner Tätigkeit
hier noch nie mit Menschen mit Behinderung zu tun«, sagt sie, »ich hatte keine Ahnung, wie es werden wird«. Nachdem sie ihre Schützlinge kennengelernt und sie lachen gesehen hat, stand für sie fest: »Das ist schön, das will ich weiter machen«. Zwar sei es viel Arbeit, sagt sie, und die gestalte sich manchmal auch schwierig. »Wenn mir ein gehörloses Kind zum Beispiel auf Gebärdensprache etwas sagt und ich es nicht gleich verstehe, dann fühle ich mich wie behindert.« Besonders gut gefällt ihr aber eines: »Die Kinder freuen sich oft an kleinen Dingen, diese Zufriedenheit überträgt sich auch auf mich«. Das FSJ sieht sie als gute Erfahrung in ihrem Leben an.

Am Tag des Interviews sitzt Francieli mit 24 anderen Freiwilligen der Zieglerschen im Berggasthof Höchsten und tauscht sich aus. Einige ihrer Kolleginnen und Kollegen kommen wie sie aus weiter Ferne, weshalb hin und wieder mal Gesprächsbrocken in Englisch fallen. Grund des Treffens sind Fachtage für Kurzzeitmitarbeitende, in welchen sich die jungen Menschen über die verschiedenen Hilfearten hinaus unterhalten und in die anderen Bereiche blicken können. »Die Möglichkeit, an diesen Tagen über Probleme und Herausforderungen am jeweiligen Einsatzort gemeinsam reden oder reflektieren zu können, relativiert sehr viel und lässt das eigene Problem oft kleiner werden«, sagt Ines Römpp. »Die Freiwilligen laufen aus solchen Seminaren meist sehr motiviert hinaus«. Begleitende Fachtage gelten als wesentlicher Bestandteil des Freiwilligendienstes. Ines Römpp spricht von einer »Dreifachbetreuung « der Freiwilligen und meint damit die durchschnittlich 25 Bildungstage des Diakonischen Werks Württemberg als Träger. Dazu komme die betreuende Fachkraft an der Praxisstelle und sie selbst als übergeordnete und vermittelnde Person in ihrer Rolle als Personalreferentin.

Überhaupt, das Vermitteln. Der 19-jährige Alexander Beck profitiert wie viele andere in den Zieglerschen davon, dass er mit sogenannten Schlüsselpersonen Kontakt hatte. »Wenn ich nach meiner Zimmerer-Ausbildung nicht Zivildienst im Martinshaus Kleintobel gemacht hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, eine  Ausbildung als Arbeitserzieher anzustreben«, sagt er. Oft habe er als Zivi mit seinem damaligen Chef über die weitere Berufswahl gesprochen. Der habe ihn ermutigt, über den Arbeitserzieher nachzudenken. Im August war Alexander Becks Zivildienst zu Ende, heute absolviert er ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Rotachwerkstatt der Behindertenhilfe. Vorteil für ihn: Das FSJ wird als Vorpraktikum für die Ausbildung zum Arbeitserzieher anerkannt. Solange er nun Menschen mit Behinderung in der Werkstatt betreut, ihnen neue Maschinen erklärt, Kabel abisoliert oder produzierte Ausstecherformen kontrolliert, schaut er noch ein Stückchen tiefer in den sozialen Bereich hinein. Dass der Zivildienst abgeschafft wurde, findet er schade. »Jeder sollte – egal ob Mann oder Frau –  mal ein halbes Jahr lang im sozialen Bereich arbeiten«, sagt er. »Man sieht dadurch über den Tellerrand hinaus.« So manche Geschichte von Kindern aus der Jugendhilfe während seiner Zivi-Zeit habe ihm vor Augen geführt, dass es ihm selber gar nicht so schlecht gehe.

Mitarbeit: Christof Schrade, Katharina Stohr, Luca Knödler, Harald Dubyk, Kathrin Wetzel