Auf zu neuen Ufern – Bewegung dank »Dezibel«

Seit dem 1. August ist in den Zieglerschen das Projekt »Dezibel - Dezentralisierung in der Behindertenhilfe« offiziell am Start. Die Erwartungen an das von er »Aktion Mensch« geförderte Projekt sind hoch.
■ Dezibel: Bei manchem Leser mag dieses Wort spontan ein Klingeln in den Ohren verursachen. Innerhalb der Zieglerschen Behindertenhilfe steht »Dezibel« jedoch nicht für Lautstärke, sondern für etwas ganz anderes: das Projekt »Dezentralisierung in der Behindertenhilfe«. Seit 1. August ist das Projekt in den Zieglerschen offiziell am  Start – und die Erwartungen sind hoch.

Dezentrale und regionale Angebote in der Eingliederungshilfe sind derzeit im Trend. Davon sind die Menschen mit Behinderung selbst, ihre Angehörigen, die meisten Sozialpolitiker, die Verbände und die Träger überzeugt. Die Behindertenhilfe der Zieglerschen geht diesen Weg seit Jahren mit – ein Beispiel dafür ist die Außenwohngruppe in der Ravensburger Charlottenstraße, die in den letzten drei Jahren zu ihrer ganz eigenen Wohn- und Lebensform gefunden hat. Auf den vorigen Seiten haben wir darüber ausführlich berichtet. Nach diesen guten Erfahrungen der Vergangenheit führt die Behindertenhilfe nun das Thema Dezentralisierung in großem Umfang weiter.

So wird zum Beispiel – dank Unterstützung von »Aktion Mensch« – die Außenwohngruppe in Ravensburg um zehn Plätze erweitert. Die muntere WG wird also noch ein bisschen wachsen. Seit dem 1. August 2009 unterstützt die »Aktion Mensch« das Projekt »Dezibel« als Ganzes – sehr zur Freude von Geschäftsführung und Projektverantwortlichen in der Behindertenhilfe. Dort ist man derzeit vor allem dabei, mit den umliegenden Landkreisen wegen weiterer Außenwohn- und Arbeitsangebote zu verhandeln. Sven Lange, Fachlicher Geschäftsführer der Behindertenhilfe: »Unser nächstes Wohn- und Arbeitsangebot ist in Bad Saulgau geplant. Dort können wir voraussichtlich im Jahr 2011 in die konkrete Bauplanung starten, im Moment sind wir dort auf Immobiliensuche. Parallel planen wir ein vergleichbares Angebot in Aulendorf.«

Doch geeignete Standorte für neue Wohngruppen sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere: eine eigene Projektgruppe sorgt dafür, dass die unterschiedlichen Interessen der behinderten Menschen selbst, der Angehörigen, der Einrichtung und der Kostenträger berücksichtigt werden. Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behindertenhilfe hinter »Dezibel« stehen, davon ist Projektleiterin Martina Heidinger überzeugt. Für sie steht das Wunsch- und Wahlrecht des Menschen mit Behinderung bei »Dezibel« ganz im Vordergrund: »Das muss die Ausgangsbasis von allem sein. So unterschiedlich jeder Mensch ist, ob mit oder ohne Behinderung, so unterschiedlich sind die jeweiligen Wünsche. Dies in Einklang zu bringen ist eine wesentliche Herausforderung beim Thema Dezentralisierung.«

Und dann sind da nicht zuletzt die Anliegen der Angehörigen. Ina Ströbele, Vorsitzende des Beirats der Angehörigen und Betreuer (BAB) der Behindertenhilfe der Zieglerschen, verdeutlicht die Situation der Angehörigen: »Einer Mutter geht es zeitlebens immer nur so gut, wie es ihrem behinderten Kind geht. Wenn Vater und Mutter sehen, dass die Belange ihres Angehörigen bei einem Umzug in eine andere Stadt berücksichtigt werden, dann werden sie das Konzept mittragen. Denn sie wollen, dass sich ihr Kind in der neuen Umgebung heimisch fühlt.« Weil die bisherigen Erfahrungen in den Außenwohngruppen gut sind, zeigt auch sie sich in Sachen Dezibel grundsätzlich aufgeschlossen. »Bei dem ganzen Prozess sollten wir uns dennoch stets die Frage stellen, welche Menschen mit Behinderung ein dezentrales Angebot tatsächlich aktiv und bewusst wahrnehmen können.«

Wie es mit Dezibel weitergeht, verrät Projektleiterin Martina Heidinger: »Unsere Vision ist es, bis 2012 die Einweihungsfeier der neuen Wohngruppe in Bad Saulgau zu feiern. Neue Angebote in weiteren Landkreisen sind parallel in Planung – hierfür wollen wir unsere Menschen mit Behinderungen auch künftig begeistern. In kleinen Schritten laufen wir bis dahin auf dieses Ziel zu und freuen uns über die Unterstützung aller Beteiligten.«

Von Annette Scherer / Martina Heidinger / Katharina Stohr