»Der Umzug hat uns und Sebastian gutgetan«

Dezentralisierung aus Elternsicht: Wie ein Vater seinen Sohn erlebt, der vor drei Jahren von wilhelmsdorf, »wo es normal war, behindert zu sein« nach Ravensburg gezogen ist. Von Dr. Kral-Heinz W. Wiemer.
■ Vor kurzem hat Sebastian in der ALWG 1, die nun RV 01 heißt, seinen 30. Geburtstag gefeiert. Er ist jetzt mit den meisten Männern und Frauen seiner WG und mit seinen »Gruppeneltern « Heidrun Wolfahrt und Max Gwinn seit 17 Jahren zusammen. Seit drei Jahren wohnt er mit ihnen in Ravensburg.

Sebastian ist in Ravensburg zu Hause. Er kennt sich aus und nimmt lebhaft am Stadtleben teil – so wie er es sieht. Das heißt zum Beispiel, dass er sämtliche Einkaufsmöglichkeiten und Kneipen, die für ihn in Frage kommen, kennt. Dass er jedes neue Geschäft oder Restaurant testet und lebhaft kommentiert. Und das heißt auch, dass er sich hingebungsvoll am Ravensburger Rutenfest beteiligt und bei jedem Faschingsumzug dabei ist – fantasievoll maskiert. Überhaupt weiß er, was in Ravensburg los ist: sein Kinoprogramm gestaltet er selbst, und wenn etwa die Ravensburger Spielefabrik einen Tag der offenen Tür veranstaltet,  findet er es heraus und ist dabei.

So sieht »normale Normalität« aus: Debastian (Pfeil) beim Einzug in die Ravensburger WG vor drei Jahren...  ...beim Kochen einer selbstgekauften Tiefkühl-Pizza in der WG-Küche...  ...und bei einer Tätigkeit, die eben auch zur Normalität gehört: Beim Putzen seines WG-Zimmers.
Bilderstrecke: »Normale Normalität« (3 Bilder).

Ist Sebastian nun »in die Gemeinde integriert«? – Wenn man sieht, wie »die Gemeinde« mit ihm umgeht, ist man geneigt, das zu bejahen. Einmal wurde Sebastian sogar »mit Polizeischutz « nach Hause gebracht: Ein Polizist, der der Gebärdensprache nicht mächtig war und daher nicht verstand, dass Sebastian ihm wohl etwas Nettes mitteilen wollte, begleitete ihn vorsichtshalber. Mit Hilfe der dolmetschenden Gruppe hat sich dann alles leicht aufklären lassen. Ob die Ravensburger Polizisten nun wohl Gebärdenkurse besuchen?

In Wilhelmsdorf ist Sebastian mit seiner manchmal aufdringlichen Art hin und wieder in Geschäften angeeckt, etwa wenn er nicht sofort bedient wurde. Er gehörte in Wilhelmsdorf zu der großen Minderheit der Behinderten – und nahm sich vielleicht deswegen Sonderrechte heraus. Hier war es normal, behindert zu sein. In Ravensburg hingegen muss er sich in die »normale Normalität« integrieren – und er wird auffällig weniger auffällig.

Sebastians »Teilhabe am Leben in der Gesellschaft« gelingt. Nach einiger Zeit in Ravensburg entschied er, dass er nun emanzipiert genug sei, zu seinen Besuchen bei uns nicht mehr mit dem Wölfle-Bus, sondern mit der Bahn zu fahren. Das ging zweimal – ohne Umsteigen – ganz gut, beim dritten Mal aber weniger gut. Ich wollte Sebastian mit dem Auto am Hbf Stuttgart abholen, dort aber stellte sich heraus, dass der Zug wegen eines Oberleitungsschadens in Geislingen steckengeblieben war. Eine der »Informationsdamen« der Bahn fand heraus: »Ja, da war ein behinderter Mensch im Zug, und der hat einen Taxischein bekommen und ist mit dem Taxi weitergefahren. « Also sandte ich Sebastian eine SMS (Hallo Sebastian! Geht es gut??? Papi wartet STUTTGART Gleis 13. Bitte SMS??) und wartete auf das Taxi. Es kam nichts.

Während ich noch sorgenvoll vor mich hin dachte, was wohl passiert sein könne, kam schließlich doch eine SMS von Sebastian: »Ravensburg Hbf Bahn (2) Stuttgart Hbf Bahn (10) Karlsruhe Hbf Sebastian Wiemer Papi Liebe vom SMS«. Ich rief meine Frau an: »Bitte fahr nach Karlsruhe, da kommt vielleicht bald Sebastian an!« und wartete weiter in Stuttgart. Kurz darauf meldete sich meine Frau, aufgelöst vor Erleichterung und Freude: Sebastian war angekommen. Für uns Eltern war das eine Zitterpartie. Aber Sebastian hatte alles richtig gemacht. Nur die SMS – die hätte er besser eher geschickt.

Seitdem fährt Sebastian per Bahn von Ravensburg nach Karlsruhe und zurück. Wir armen Eltern sitzen jedes Mal auf dem Schnäpperle, bis er angekommen ist, haben aber gelernt, mit dem Stress fertig zu werden. Für Sebastian hingegen ist Bahnfahren und das Benutzen öffentlicher, also »normaler« Verkehrsmittel, mit oder ohne Abenteuer, Teilhabe pur.

Unser Sohn hat in Ravensburg ein hohes Maß an Normalität, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung erreicht. Auch wenn wir Eltern keineswegs unsere Angst um Sebastian verloren haben, so sind wir doch froh, dass wir uns auf das Wagnis eingelassen und seine Entscheidung für Ravensburg respektiert haben. Ravensburg hat uns und unserem Sebastian gutgetan.

Dr. Karl-Heinz W. Wiemer ist Mitglied des Angehörigen-Beirates der Behindertenhilfe und u.a. Vorstandsvorsitzender der LAG der Angehörigenvertretungen in Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung in Baden-Württemberg e.V.