Das Dogma "ambulant vor stationär" geht an den realen Nöten vorbei

Die Politik braucht den Mut zu "ambulant und stationär" - ein Kommentar von Christian Glage
■ Ambulante Hilfen, egal ob Beratung, soziale Gruppenarbeit oder sozialpädagogische Familienhilfe haben nicht nur ihren Sinn, sondern sind wesentliche Bausteine in einem Hilfemix der Jugendhilfe. Im Martinshaus stellen unsere Mitarbeiter dies Tag für Tag im Rahmen der Schulsozialarbeit und der Kinder- und Jugendarbeit unter Beweis. Hier kann viel Gutes erreicht werden – passgenau und nur so viel wie angefragt.

Wir erleben jedoch auch, dass es nach wie vor Kinder und Jugendliche und deren Eltern gibt, bei denen alle ambulanten Bemühungen nicht gereicht haben. Im Jahr 2005 hatten 70 Prozent aller Neuaufnahmen in unsere Schule für Erziehungshilfe mit angeschlossenem Wohnangebot bereits Erfahrungen mit ambulanten und/oder teil-/stationären Maßnahmen. In gleicher Höhe gab es auch Berührungen mit ambulanten und stationären Angeboten der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Da sitzen Kinder (!!) vor der Fachdienstmitarbeiterin und fragen: „Was wollen Sie mir noch Neues sagen“, nachdem sie eine Reihe von stationären Maßnahmen durchlaufen haben, bis sie hier im Martinshaus ankommen. Und dann sollen wir innerhalb kürzester Zeit „reparieren“ um das Ziel der „Rückkehr in die Familie“ zu erreichen. Ein Oberschenkelhalsbruch wird in der Medizin auch nicht mit einem Aspirin oder einem Druckverband behandelt.

Wir brauchen eine grundsätzliche Umsteuerung in der Jugendhilfe und den Mut, frühzeitiger umfangreichere Hilfemaßnahmen zu leisten und dann diese derart zu begleiten und zu steuern, dass nur noch so viel Hilfe wie nötig geschieht, die Eltern in ihrer Verantwortung gestärkt werden und eine baldige Rückführung auch effektiv vorbereitet und durchgeführt wird. Denn zählt man alle Maßnahmen im Vorfeld von stationären Maßnahmen zusammen, so ist dies oft teurer als die Entscheidung, frühzeitiger intensiver zu helfen.

Diakonische Jugendhilfe hat nicht per se vor, ein „All-inclusive“-Angebot zu realisieren oder ein „Rundum-Sorglos-Paket“ zu platzieren. Längst werden im Rahmen eines systemischen und ressourcenorientierten Ansatzes Eltern oder ein Gemeinwesen in die Hilfeleistung einbezogen. Längst haben wir uns als Martinshaus auf den Weg gemacht, unsere Angebote flexibler und näher vor Ort zu gestalten. Längst öffnen wir unser Leistungsangebot und lassen unsere Elternvertreter hinter die Kulissen schauen und uns Tipps geben für unsere Weiterentwicklung. Wir brauchen das „Dorf“, um die Erziehung junger Menschen zu realisieren. Und im Rahmen der präventiven Jugendhilfe in Kommunen können wir vor Ort viel erreichen.

Aber eine dogmatische Anwendung des Grundsatzes „ambulant vor stationär“ verkommt zum Verschiebebahnhof, verschließt die Augen vor den Nöten der Menschen und lässt den rechtlichen Grundsatz außer Acht, dass Eltern ein gesetzliches Wunsch- und Wahlrecht haben. Es braucht den Mut der  Politik zu einem „ambulant und stationär“, wenn nicht allein wirtschaftliche Überlegungen, sondern der Hilfebedarf, das Kindeswohl und die Passgenauigkeit eines Angebotes im Vordergrund stehen. Wir brauchen eine intensive fachliche Steuerung unserer Hilfe, damit die so genannte Passgenauigkeit frühzeitiger wirken kann. Dazu werden wir uns als Jugendhilfeeinrichtung Martinshaus auch im Rahmen aller Angebote einsetzen, damit die Hilfe geleistet werden kann, die diesen Namen verdient.

Christian Glage (43), ist Geschäftsführer der Jugendhilfe-Einrichtung Martinshaus Kleintobel.