Charismatisch, umtriebig und voller Gottvertrauen

Johannes Ziegler, Namensgeber der Zieglerschen Anstalten und »eine der großen diakonischen Persönlichkeiten der 19. Jahrhunderts«, starb vor 100 Jahren. Ein historisches Porträt.
■ Johannes Ziegler, geboren am 25. März 1842 in Heubach unter dem Rosenstein (bei Schwäbisch Gmünd), war ein begabtes Kind. Bereits als Fünfjähriger erzwang er seine Einschulung. Doch der frühe Tod der Eltern veränderte sein Leben und das seiner beiden Brüder. So sollte Johannes Ziegler nach dem Willen seines Vormunds ursprünglich ein Handwerk lernen, erreichte aber, dass dieser ihm schließlich die Ausbildung zum Volksschullehrer ermöglichte. Nach dreijähriger Hospitation konnte Ziegler auf das Schullehrerseminar in Nürtingen gehen.

Seine erste Stelle als Provisor oder Lehrgehilfe trat Ziegler 1862 in Vorbachzimmern bei Weikersheim an. Der Unterricht füllte den umtriebigen jungen Mann nicht aus, er gründete einen Turnund Gesangverein und war bei vaterländischen Anlässen ein gesuchter Festredner. Die Wende seines Lebens brachte der Brief eines Seminarkameraden aus Wilhelmsdorf, in dem dieser beiläufig vom Tod eines jungen Mädchens berichtete, das mit den Worten gestorben sei: „Heim, heim, heim.“ So wolle er auch sterben können, nahm sich Ziegler vor, und bewarb sich um eine Stelle in Wilhelmsdorf. Er wurde Gehilfe des Lehrers Oßwald an dessen Taubstummenanstalt.

Wilhelmsdorf war 1824 auf Veranlassung des Königs Wilhelm I. von Württemberg von Korntal aus gegründet worden. Die pietistischen Ansiedler sollten das Lengenweiler Ried trockenlegen und fruchtbar machen. Dies bot jedoch keine ausreichende Existenzgrundlage für die Gemeinde. Erst die Rettungsanstalten wurden die Rettung Wilhelmdorfs. Diese Wandlung zur Anstaltsgemeinde vollzog sich vor allem unter dem Vorsteher Wilhelm Friedrich Thumm, war aber schon früher eingeleitet worden. Nach dem Vorbild Korntals hatte man schon 1830 eine Rettungsanstalt für Knaben eingerichtet. Es folgten weitere Gründungen; am wichtigsten wurde vorerst die Taubstummenanstalt, die 1837 von August Friedrich Oßwald begonnen worden war. Johannes Ziegler wurde nun Oßwalds Helfer. 1868 heiratete er dessen Tochter Mathilde Oßwald.

Ziegler übernahm 1873 die Leitung der Taubstummenanstalt, als Oßwald in den Ruhestand trat. Mit dieser Anstalt verbunden war ein Internat, das Knabeninstitut. Ein Neubau wurde notwendig, zu dem sich Ziegler durch sein Neujahrslos 1873, den Anfang von Psalm 91, ermutigt sah. Die Bauten, die Ziegler in den kommenden Jahren errichtete, wurden mit Worten aus diesen Psalmversen benannt. Beide Anstalten wuchsen beständig, so dass Ziegler immer wieder bauen musste. 1879 wurden die beiden Anstalten getrennt.

Die Bautätigkeit und die ständige Erweiterung der Arbeit waren nur möglich durch zahlreiche Unterstützer, die auf den Jahresfesten und durch die Jahresberichte über die Arbeit informiert wurden. Überhaupt war Ziegler ein begabter Öffentlichkeitsarbeiter, der durch die Grünen Blätter, Sammlungen von Geschichten aus dem Wilhelmsdorfer Leben, mit seinen ehemaligen Schülern Verbindung hielt. Seit 1905 gab er eine Monatschronik aus dem Knabeninstitut Wilhelmsdorf heraus. Die Geschichte des Ortes beschrieb er in der seit 1905 in Heften erscheinenden Schrift „Ein Königskind“. Besonders aber lag ihm daran, durch häufige Besuche die Verbindung mit den pietistischen Gemeinschaften im Land aufrecht zu halten.

Im Knabeninstitut zeigte sich Zieglers erzieherische Begabung. Manches aus seiner pädagogischen Praxis muss heute als überholt gelten. Daneben zeigte Zieglers Arbeit aber auch durchaus zukunftweisende Züge, mit denen er seiner Zeit voraus war, etwa dass Sport, Spiele und Feste einen festen Platz im Schulleben hatten. Von den Schülern kamen anfänglich viele aus der französischen Schweiz; seit den 1890er Jahren verlagerte sich das Einzugsgebiet auf das Rheinland, Westfalen und natürlich Württemberg. Die Schule führte zur mittleren Reife, sie bis zur Universitätsreife zu führen, hätte den Betrieb zu kompliziert gestaltet. Ziegler war es wichtig, die Schüler nicht nur zu tüchtigen Menschen, sondern auch zu Christen zu erziehen. Das kinderlose Ehepaar Ziegler ging ganz in dieser Arbeit auf; die „Zöglinge“ des Knabeninstituts nannte Ziegler seine Söhne.

1878 übernahm Ziegler von Wilhelm Friedrich Thumm, dem Leiter des Töchterinstituts, auch das Amt des Ortsvorstehers. Man mag die Häufung von Macht und Einfluss in einer Person heute für problematisch erachten. Für eine weitgehend patriarchalisch verfasste Gesellschaft war dies nicht ungewöhnlich. Zieglers Traum von einer Eisenbahn von Friedrichshafen nach Stuttgart, die über Wilhelmsdorf führte, ließ sich nicht verwirklichen. Hingegen konnte er den Straßenbau fördern und eine moderne Wasserversorgung einrichten. Im Übrigen diente er der Gemeinde auch in anderer Weise, indem er gelegentlich als Prediger aushalf.

Nach außen wirkte Ziegler nicht nur durch seine Kontakte zu den Gemeinschaften. Er veranstaltete in Wilhelmdorf auch pädagogisch-theologische Kurse für Lehrer und Studentenkonferenzen. 1896 nahm das Knabeninstitut zunächst vier, schließlich 16 Armenierkinder auf, die in den Verfolgungen zu Waisen geworden waren. Gleichwohl kamen Ziegler später Zweifel, ob es richtig war, diese in Deutschland zu erziehen.

In der Taubstummenarbeit kam es 1882 zu einer Differenzierung, indem die Betroffenen getrennt wurden in Normalbegabte und Schwachsinnige. Dieser Gedanke war ganz neu, er war bei einer Tagung geäußert worden, an der Ziegler teilnahm. Der Vorschlag leuchtete ihm ein, weshalb er ihn sogleich umsetzte. Dies war ohne Weiteres möglich, weil er allein es war, der über seine Anstalten bestimmte.

1905 kaufte Ziegler die Haslachmühle, eine modern eingerichtete Mahl- und Sägemühle, verbunden mit einer größeren Landwirtschaft. Hier wollte er einen neuen diakonischen Arbeitszweig eröffnen, nämlich eine Heilstätte für Trinker und andere Abhängige. In seiner pädagogischen Arbeit war Ziegler mehr und mehr dazu gekommen, den Alkohol nicht mehr in Erscheinung treten zu lassen; den Schülern des Knabeninstituts war der Wirtshausbesuch selbstverständlich verboten.

Am 1. Juli 1906 wurde das Zieglerstift Haslachmühle eingeweiht. Die Organisation, der Betrieb und das Personal dieses neuen Arbeitszweigs hatten Ziegler viele Sorgen und schlaflose Stunden beschert, die wohl auch mit zu seinem frühen Tod beigetragen haben. Hinzu kam 1902 ein Unfall, bei dem er sich einige Rippenbrüche zuzog, die nur notdürftig verheilten. In der Folgezeit litt er zunehmend unter Atemnot, die dann auch Herzbeschwerden verursachte.

Am 4. September 1907 starb Johannes Ziegler. Mit ihm ging eine der großen diakonischen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts dahin, ein Mann, der seine bedeutenden pädagogischen und organisatorischen Fähigkeiten, die in seinem Glauben wurzelten, in das Werk eingebracht hatte, das später seinen Namen tragen sollte.

Mit dem Tod Zieglers stellte sich die Frage, wie es weitergehen sollte. Die Anstalten waren seine Privatunternehmung, wie es bei solchen Einrichtungen nicht selten vorkam. Dies war im Grunde eine gewagte Konstruktion, denn sie erforderte zwar keine Gremienarbeit, bot aber auch keine abgesicherte Existenz. Die ständige Ausweitung der Arbeit, wie sie Ziegler betrieb, zog immer wieder neues Hangen und Bangen nach sich. Das war nur mit einem großen Gottvertrauen möglich, damit, dass immer wieder Türen, Herzen und Hände aufgingen, um die Arbeit zu fördern. Ziegler hat gewusst, dass das Werk ganz mit ihm und von ihm und aus seiner Person lebte. Er dachte folglich auch nicht an einen Ruhestand.

Nach dem Tod Zieglers ging die Arbeit weiter. Jakob Ziegler, ein Verwandter, übernahm die Leitung des Knabeninstituts. Bis Kriegsbeginn 1914 konnte die Arbeit auch durch die Errichtung neuer Bauten ungehemmt ausgeweitet werden. Eine neue Struktur wurde erst 1916 durch die Gründung des Vereins der Zieglerschen Anstalten e.V. in Wilhelmsdorf geschaffen. Diese Form hat sich in den heute bestehenden Zieglerschen Anstalten erhalten, in denen der Name von Johannes Ziegler weiterlebt.

Der Autor, Prof. Dr. Hermann Ehmer ist Leiter des landeskirchlichen Archivs Stuttgart. Er hielt diesen Vortrag anlässlich der Matinee zum 100. Todestag von Johannes Ziegler. Die vorliegende Fassung des Vortrags erschien zuerst in den „Konsequenzen“, der Zeitschrift des diakonischen Werks Württemberg. Wir danken für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck.