Billigjob oder Chance?

■ Vor rund zwei Jahren kam die Bestätigung: Ja, auch die Zieglerschen Anstalten dürfen so genannte Ein-Euro-Jobber einstellen, wie andere Träger der freien Wohlfahrtspflege auch. Maximal 20 Plätze sollten es für die Zieglerschen sein – maximal 20 Menschen also, die bisher arbeitslos waren und aus dem Landkreis Ravensburg kommen.
Ein-Euro-Jobs, zur Erinnerung, sollen Arbeitslosen helfen, wieder Arbeit zu finden. Durch „richtige“, aber geförderte Arbeit, so die Idee, sollen sie Anschluss ans praktische Arbeitsleben gewinnen und ihre Chancen auf eine neue Stelle verbessern. Da zusätzlich zum Arbeitslosengeld II exakt 1 Euro pro Stunde dazubezahlt wird, entstand schnell das griffige Wort vom „Ein-Euro-Job“. Maximal 100 Stunden pro Monat dürfen Ein-Euro-Jobber arbeiten und die Anstellung ist begrenzt: anfangs auf sechs, seit 2006 auf immerhin neun Monate.

Doch wie und wo in den Zieglerschen setzt man die „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Zeit“ ein? Und wie begegnet man den durchaus vorhandenen Ängsten in der eigenen Mitarbeiterschaft, durch die billigen Ein-Euro-Jobber seien die eigenen Arbeitsplätze in Gefahr?

Derzeit sind die Ein-Euro-Jobs fast überall in den Zieglerschen zu finden: in der Suchtkrankenhilfe genauso wie im Hör-Sprachzentrum. In der Jugendhilfe (Martinshaus Kleintobel) genauso wie in der Altenhilfe und in der Behindertenhilfe. Dass die Palette an Beschäftigungsmöglichkeiten so groß sein MUSS, wurde schnell klar. Denn bald wurde deutlich: DAS passende Beschäftigungsangebot, das den Anforderungen der Bewerberinnen und Bewerbern genau so gerecht wird wie denen des Gesetzgebers und nicht zuletzt denen der Einsatzstellen – dieses Angebot gibt es nicht.

Da jede Ein-Euro-Stelle mit einer entsprechenden Arbeitsplatzbeschreibung in der Arbeitsagentur hinterlegt und von dort genehmigt sein muss, war es zu Beginn so, dass die Zieglerschen 20 beschriebene Stellen hatten, zu denen die von der Arbeitsagentur vermittelten Menschen passen mussten. Natürlich konnte das nicht funktionieren und schnell wurde klar: genau umgekehrt wird ein Schuh daraus. Deshalb wurde im März 2006 eine Teilzeitstelle in den Zieglerschen geschaffen, die sowohl für die Abrechnungen als auch für die Koordinierung des „Stellenpools“ zuständig ist. Diese Stelle wird durch die Verwaltungspauschale der Arbeitsagentur finanziert.

Durch gute und instensive Kontakte sowohl zur Agentur für Arbeit in Ravensburg als auch zur Koordinierungsstelle beim Landratsamt wurde bald eine praktikable Lösung gefunden: bestehende Stellen wurden als „inaktiv“ deklariert und dafür neue Stellen beschrieben, die schnell genehmigt wurden. Das Vorgehen hat sich bis heute bewährt, denn de facto muss auf jeden Bewerber eine individuelle Stelle angepasst werden. Hat jemand beispielsweise einen Suchthintergrund und ist noch nicht sehr lange trocken, nutzt ihm eine offene Stelle im Fachkrankenhaus Ringgenhof wenig. Andererseits wäre auch eine offene Stelle in der Altenhilfe in Bad Waldsee für jemanden, der in Wilhelmsdorf wohnt und keinen Führerschein (mehr) hat, genauso unvorstellbar. Hier heißt es reden, reden, reden – und zwar sowohl mit den betroffenen Menschen, die vermittelt werden sollen, als auch mit den Mitarbeitern in den Einrichtungen. In diesen Gesprächen offenbart sich die ganze Palette an existentiellen Sorgen, in die jeder Mensch geraten kann: Alleinerziehende mit schulpflichtigen Kindern sind nur vormittags und außerhalb der Ferienzeiten einsetzbar. Überschuldete haben keine eigene Bankverbindung mehr. Andere haben eine Suchtproblematik. Wieder andere sind gerade aus dem Strafvollzug entlassen oder ein Verfahren steht kurz bevor. Manche sind nach Trennungen abgestürzt. Hier sind keine Standardlösungen gefragt, sondern echte Hilfe und Begleitung für Menschen, die in Not geraten sind.

In dieser Not engagieren sich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – oft weit über ihren Arbeitsauftrag hinaus. Sie helfen ihren Kollegen auf Zeit beim Verfassen von Bewerbungen oder hören sich um, welche Stellenausschreibungen gerade aktuell sind. Für die meisten ist diese Hilfe ganz normal. Den Ein-Euro-Jobbern aber gibt sie das Gefühl, akzeptiert und angenommen zu werden. „Endlich weiß ich wieder, warum ich morgens aufstehe“, sagt einer. Und eine andere: „Ich gehöre genauso zum Team wie alle anderen auch – da gibt’s keine Unterschiede“.

Fazit nach zwei Jahren Ein-Euro-Jobs in den Zieglerschen: Nach anfänglicher Skepsis und Angst vor möglicher Konkurrenz durch die Billigjobs werden die Kollegen auf Zeit inzwischen als direkte und unmittelbare Unterstützung geschätzt und akzeptiert. Natürlich können für die Ein-Euro-Jobber keine Stellen aus dem Ärmel geschüttelt werden und eine Übernahme gibt’s nur bei entsprechender Eignung und wenn eine Stelle frei wird (siehe unten). Und doch verhelfen eine gute Abschlussbeurteilung nach neun Monaten Arbeit und die tatkräftige Hilfe bei der „internen Arbeitsvermittlung“ in den Zieglerschen dem einen oder anderen zu einem neuen Job. Einem Job übrigens, der viel, viel mehr ist als ein Job, denn für die meisten Ein-Euro-Jobber hat die diakonische Arbeit inzwischen einen sehr hohen Stellenwert in ihrem Leben gewonnen.

Von Wilhelm Wick