Behinderung und Sucht?

Beobachtungen und Reflexionen zu einem wenig beachteten Thema.
■ Michael Strauch* ist glücklich. Er sitzt in der Sonne auf der Parkbank. Vor sich auf dem Schoß eine große Tafel Schokolade, von der er jeden einzelnen Schokoriegel genießt. „Jetzt darf nur kein Erzieher kommen“, denkt er und schaut vorsichtig zu beiden Seiten des Weges. Michael  Strauch weiß: Er darf keine Schokolade oder andere Süßigkeiten essen, er ist viel zu dick: Kleidergröße XXXL. Deshalb bekommt er von der Küche auch Reduktionskost und die Gruppenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter achten sehr darauf, was und wie viel er isst. Michael Strauch „organisiert“ sich die leckeren Sachen heimlich. Er springt in einem unbeobachteten Moment schnell zum Supermarkt oder lässt sich von Freunden Essen schenken oder mitbringen, greift bei Gelegenheit in den Schrank des Mitbewohners, um die heiß ersehnten Süßigkeiten zu bekommen. Strauch lebt in einer stationären Wohngruppe der Behindertenhilfe.

Petra Gohl* sitzt im Wohnzimmer. Der Fernseher läuft, auf dem Couchtisch steht ein Sixpack Bier. Eine Billigsorte vom Discounter. Gut die Hälfte der Flaschen sind leer. Petra Gohl hat heute Geld von der Bank geholt. Die dringendsten Lebensmittel und das Bier „für die Stimmungslage“ wurden eingekauft. Nun ist die Welt wieder kurzzeitig in Ordnung. Petra Gohl lebt in einer eigenen Wohnung. Sie wird ambulant von einer Wohnassistentin unterstützt.

So unterschiedlich die Lebenssituation dieser beiden Menschen auch ist, so haben sie doch auch Gemeinsamkeiten: Beide Menschen haben eine geistige Behinderung und erhalten Unterstützung. Und beide Menschen haben ein Suchtproblem.

Menschen mit geistiger Behinderung und Sucht? Da denkt man vielleicht noch an Medikamentenabhängigkeit, bekommen doch einige dieser Menschen regelmäßig Psychopharmaka. Sucht war bisher kaum ein Thema in der Behindertenhilfe. Dabei weisen Untersuchungen darauf hin und Fachleuten ist es schon länger bekannt: Suchtverhalten betrifft auch Menschen mit geistiger Behinderung. In einer sehr kleinen, aber hochinteressanten Studie in Rheinland-Pfalz (Gärtner 2003) haben sich Mitarbeiter/innen zu verschiedenen Suchtformen in Bezug auf Abhängigkeit oder Gefährdung von Menschen mit geistiger Behinderung geäußert.

Wird in der Untersuchung Fernsehen als Suchtgefährdung Nummer 1 bezeichnet, so stellt sich die Frage, ab wann ist ein Verhalten eine Sucht? Die WHO definiert Sucht, wenn drei von den sechs nachfolgenden Kriterien bei einer Person auftreten:
1. Erhöhung der Toleranz gegenüber dem Suchtmittel.
2. Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren.
3. Verlangen nach dem Suchtmittel.
4. Vernachlässigung anderer Interessen.
5. Konsum trotz schädlicher Folgen.
6. körperliches Entzugssyndrom.

Sucht bei Menschen mit geistiger Behinderung – die offene Diskussion um dieses Thema hat also begonnen. Welche Konsequenzen nun daraus erwachsen und mit welchen Konzepten wir darauf reagieren, das wird der zweite Schritt sein.

* Namen geändert

Von Udo Bals