Armut = Spracharmut?

■ »Da geht mir wirklich der Hut hoch«, sagt Gabi Broda-Keßel, als ihr die Zahlen des Robert-Koch-Institutes vorgelegt werden. Demnach stammen 17 Prozent sprachgestörter Schüler aus Familien mit sozial niedriger Herkunft, hingegen nur vier Prozent betroffener Schüler aus Familien mit hohem Sozialstatus. Die Leiterin des Schulkindergarten-Bereichs im Sprachheilzentrum Ravensburg schüttelt den Kopf und setzt fort: »Das ist eine schwere Beschuldigung. Damit plagen sich Eltern. Solche Veröffentlichungen müssen wir mit den Eltern wieder aufarbeiten. Solange Eltern ein schlechtes Gewissen haben, können sie nicht schauen, wo ihr Kind steht.« Gabi Broda-Keßel bezweifelt, dass diese Zahlen, die im Gesundheitsbericht des Bundes 2005 veröffentlicht wurden, auf ihren Bereich im Sprachheilzentrum zutreffen. Nach ihrer Einschätzung stammt auch ein erheblicher Teil sprachbehinderter Kinder aus der Mittelschicht.
Für sie ist zunächst wichtig, zwischen »Spracharmut« und »Sprachentwicklungsstörung« zu unterscheiden. Spracharme Kinder seien die, deren Wortschatz gering ist und die ungenügend Anregungen von außen erhalten, um zu sprechen. Ihr Eindruck ist, dass sich Eltern betroffener Kinder lange mit dieser vermeintlichen Schuld beschäftigen und sich fragen: Was haben wir falsch gemacht? Oft genug erlebt sie, wie Eltern in die Beratung kommen und sagen: »Gell, wir reden zu wenig mit unseren Kindern.« Die Eltern, die ins Sprachheilzentrum kämen, bräuchten erst einmal
eine Entlastung von ihren Schuldgefühlen.

Die Gründe für eine Sprachentwicklungsstörung sieht Gabi Broda-Keßel nicht in der Spracharmut sondern in ganz anderen Bereichen. Als Beispiele nennt sie: Vorübergehende Hörstörungen, erblich bedingte Ursachen oder vor- und nachgeburtliche Schäden. Diese zögen sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Nach 20-jähriger Arbeit in Kindergarten und Beratung stellt sie fest: »Sprachentwicklung ist robust. Es braucht schon viel Spracharmut von Seiten der Eltern, damit sich daraus eine Sprachentwicklungsstörung ergibt.« Um zu veranschaulichen, beschreibt sie das Beispiel eines eineinhalb Jahre alten Kindes, das außer »Mama« und »Papa« nichts sagen kann. Hier beginne ein Teufelskreis: ein Kind, das wenig spreche, werde wenig angesprochen. Und hier setzt ihre Arbeit an. Die Eltern müssen ermutigt werden, weiter mit ihrem Kind zu reden, damit sich das Problem nicht verfestigt: »Da ist nicht die Spracharmut die Ursache, sondern als Folge ist die Gefahr einer Spracharmut gegeben.«

»Bei der Gleichung Armut = Spracharmut geht mir der Hut hoch. Wie oft habe ich erlebt, dass Eltern in unsere 
Beratung kommen und sagen: Gell, wir reden zu wenig mit unseren Kindern. Diese Eltern brauchen erst einmal eine 
Entlastung von ihren Schuldgefühlen.« <br /><i>
Gabi Broda-Keßel<br />
Leiterin des Schulkindergartens</i>  »Eltern mit höherem sozialen Status informieren sich eher, wenn ihr Kind sprachauffällig ist. Sie nehmen die ambulanten Beratungsangebote des 
Sprachheilzentrums eher in Anspruch und nutzen häufiger frühzeitige Förderung und Diagnostik.«<br />
<i>Bruno Raither<br />
Leiter der Förderabteilung im Sprachheilzentrum Ravensburg</i>  »Es kommt nicht darauf an, wer am meisten hat, sondern dass man aus dem, was man hat, am meisten macht. Letztendlich sind das innere Bild und die 
innere Kraft das, was die Eltern ihrem Kind geben müssen. Das ist ausschlaggebend.«<br />
<i>Franz-Josef Grove<br />
Klassenlehrer am Sprachheilzentrum</i>
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84 Kinder besuchen derzeit den Ravensburger Schulkindergarten. Der Migrantenanteil liegt bei circa 20 Prozent, Tendenz steigend, da Kinder mit Sprachauffälligkeiten mittlerweile früher erfasst werden. Diese Kinder, so Broda-Keßel, hätten ein grundsätzliches Sprachentwicklungsproblem. Sie sind nicht am Sprachheilzentrum wegen ihrer möglicherweise mangelnden oder nicht altersgemäßen Deutschkenntnisse. Die Zweisprachigkeit sei lediglich ein zusätzlich erschwerender Faktor, der das Fass zum Überlaufen bringe.

Eva-Maria Stange, Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, legt ähnliche Werte wie das Robert-Koch-Institut offen. In dem Buch »Soziale Arbeit im Öffentlichen Raum – soziale Gerechtigkeit in der Gestaltung des Sozialen« schreibt sie: »Kinderärzte stellten fest, dass Sprachstörungen bei Kindern aus sozial schwachen Familien doppelt so häufig auftreten wie bei Familien mit hohem Sozialstatus.«

Diese Aussage und auch die Zahlen des Robert-Koch-Institutes kann Bruno Raither, Leiter der Förderabteilung des Sprachheilzentrums Ravensburg, tendenziell bestätigen. Rund 50 Kinder, die nicht nur sprachbehindert, sondern noch zusätzlich lernbehindert sind, besuchen im Förderbereich die Klassen eins bis sechs – so lange, bis die Sprachbehinderung überwunden ist.

Bruno Raithers fast 25-jährige Erfahrung im Sprachheilzentrum Ravensburg zeigt: Eltern mit höherem sozialen Status informieren sich eher, wenn ein Kind sprachauffällig ist. Sie nähmen die ambulanten Beratungsangebote des Sprachheilzentrums eher in Anspruch und nutzten häufiger die frühzeitige Förderung und Diagnostik. Hinzu komme, dass diese Eltern wirtschaftlich in der Lage seien, ihre Kinder auf freie und spezialisierte Institute zu schicken, etwa wenn ein Kind eine Lese- oder Rechtschreibschwäche hat. Regelschulen seien oft zu wenig ausgestattet, um solche Schwierigkeiten zu behandeln.

Von der frühzeitigen Diagnostik und Förderung hängt aus seiner Sicht die Entwicklung des Kindes und des Menschen ab: »Es ist ein Teufelskreis – wer diese Angebote nicht nutzt, hat später geringere Chancen im Berufsleben.« Andererseits erlebt er auch Kinder, die diesen Teufelskreis durchbrechen und es schaffen.

Zur Spracharmut fällt ihm auf, dass grundlegende Dinge in den Hintergrund geraten: »Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass oft nicht klar ist, welche Bedeutung es hat, mit Kindern zu sprechen: dazu gehört auch Erzählen, Vorlesen, Singen, Fingerspiele machen.« Diese Dinge gehen seiner Ansicht nach unter. Stattdessen werde elektronischen Medien der Vorzug gegeben. Schon lange sei der Zusammenhang zwischen schulischem Misserfolg und digitalem Konsum, gepaart mit zusätzlichem Bewegungsmangel, wissenschaftlich nachgewiesen. »Diese Erkenntnisse sind zu wenig präsent«, sagt Bruno Raither.

Spracharmut sieht er als Tendenz, die sich in breiten Bevölkerungsschichten entwickelt. Die Sprachfähigkeit nehme insgesamt ab. Mitverursacher für ihn: »Medien, Fernsehen – man spricht nicht mehr miteinander.« Dies müsse man klar trennen von Kindern mit starken Kommunikationsproblemen, deren Ursachen organisch und genetisch bedingt seien.

Gleichzeitig erkennt er aber auch die Tendenz zu komplexeren Sprachauffälligkeiten, die mit Schwierigkeiten beim Lernen, Wahrnehmen und in der Aufmerksamkeit verbunden sind. »Die Kinder haben sich in den letzten 20 Jahren verändert «, sagt Bruno Raither.

Franz-Josef Grove ist Klassenlehrer einer vierten Klasse im Sprachheilzentrum Ravensburg. Er fragt sich, ob die eingangs genannten Zahlen des Robert-Koch-Institutes, die im Land Brandenburg erhoben wurden, auf Baden-Württemberg übertragbar sind. Die Fußnote der veröffentlichten Statistik legt dies nahe. Grove findet: »In der Tendenz richtig, aber ich würde nicht der Verallgemeinerung zustimmen, da es genügend Gegenbeispiele gibt.« Wie sein Kollege Raither verweist er dabei auf Kinder, die es trotz aller Widrigkeiten wie Armut, Elterntrennung und häufigem Wohnortwechsel, schaffen: »Die tragen etwas in sich – vielleicht sind da die ersten drei Jahre glücklich verlaufen?« Zur Aussage von Eva-Maria Stange sagt er: »Ich tue mich schwer damit.« Zudem erlebt er auch Kinder mit vermeintlich guten Bedingungen, die Sprachschwierigkeiten haben.

Die Gesellschaft entwickelt sich für Franz-Josef Grove scherenartig auseinander: »Die Armut rückt näher.« Er erlebt sie bei Eltern seiner Schüler oftmals als »hoch schambesetzt«. Doch geht es nicht in erster Linie um den materiellen Bereich, etwa wenn eine Schulrechnung über 20 Euro schon zu hoch sei. Er spürt die Armut anders: Eltern, die keine Zeit mehr für ihre Kinder haben, weil sie mehreren Jobs nachgehen müssen. Eltern, die keine Zeit für Gespräche und Termine mit Lehrern haben. Eltern, die am Arbeitsplatz nicht erreichbar sind, wenn ihr Kind sich in der Schule verletzt hat. Dazu kommt, dass Kinder armer Eltern weniger zusätzliche Angebote wie Musikschule oder Vereine wahrnehmen können. Die »vernetzte Nachbarschaft«, wo innerhalb eines Kilometers Schule, Sportplatz, Vereine und Freunde zu finden seien, gebe es nicht mehr. »Diese gesellschaftliche Teilhabe fehlt, das spüren wir, denn an diesen Orten wird kommuniziert – mit den verschiedensten Bezugspersonen.« Sprachbehinderte Kinder würden oft nicht in solche Gruppen gehen, die Sprache, Beziehung und Kommunikation vermitteln.

Armut bedroht, findet Franz-Josef Grove. Er nimmt wahr, dass bei Kindern statt innerer Werte und Haltungen oft materielle Dinge im Vordergrund stehen. Im Unterricht versucht er daher als Lehrer ein Gegengewicht aufzubauen: »Es kommt nicht darauf an, wer am meisten hat, sondern dass man aus dem, was man hat, am meisten macht.« Armut schafft Stress bei Eltern, Eltern sind genervt: Statt in Kooperation gehe es oft in die Konfrontation. Andererseits kennt er auch Mittelschichtfamilien, die sehr schnell wollen, dass alles gut wird. »Letztendlich ist es das innere Bild und die innere Kraft, was die Eltern ihrem Kind geben müssen. Das ist ausschlaggebend.«

Armut schwächt diese Kraft so, dass Eltern ihre Erziehungskraft verlieren. Der Fokus liege fast ausschließlich nur noch auf existenziell wichtigen Dingen. Als Folge daraus würden die Familien aus Zeitmangel ihre Rituale und Regeln verlieren. Wenn Kinder etwa von ihren Eltern lernen würden, wie man sich und den anderen entschuldigt und Frieden schließt, dann hätten sie das beste Rüstzeug. »Armut steht dem wie ein Giftpfeil entgegen. Wie ein Nährboden, der entzogen wird.«

Beziehungen zwischen Lehrer und SChüler zu leben und auch zwischen den Lehrern vorzuleben, das sieht Franz-Josef Grove als grundlegend. Die Kinder sollten im Sprachheilzentrum erleben, wie Konflikte zu regeln seien und dass sie sich für nichts schämen brauchen. Den Eltern gegenüber sei es wichtig, eine gute emotionale Verbindung zu halten. »Wir müssen die Lebensleistung der Eltern und deren zum Teil schweren Lebensweg wertschätzen.«

von Katharina Stohr