Arbeit oder Therapie?

■ Das Auftragsbuch der Schreinerei des Ringgenhofs ist gut gefüllt: Privatkunden wechseln sich mit gewerblichen Auftraggebern und Aufträgen aus den Zieglerschen ab. An der Kreissäge führen drei Patienten eine große Holzplatte durch das Sägeblatt und fertigen Regalbretter für die Hausmeisterei im Ringgenhof an. Hier, wie in vielen anderen Bereichen der Zieglerschen wie der Rotach- Gärtnerei der Behindertenhilfe oder der Werkstatt für behinderte Menschen, stellt sich die Frage: Arbeit oder Therapie?
Die Schreinerei ist Teil der arbeitstherapeutischen Bereiche des Suchtkrankenhauses Ringgenhof. Hauptziel der Arbeitstherapien ist die Arbeitsfähigkeit der Suchtkranken wiederherzustellen. Überwiegend alkoholabhängige Patienten lernen in der Schreinerei das umzusetzen, was sie in der Einzeltherapie über sich erfahren haben. Die ausschließlich männlichen Patienten stehen etwa zur Hälfte im Erwerbsleben und sind sozial integriert. Die andere Hälfte ist arbeitslos. Manche haben keine Ausbildung oder haben noch nie gearbeitet.

Zwei Produkte entstehen in der Schreinerei: Dem erarbeiteten Werkstück aus Holz steht das arbeitstherapeutische Produkt gegenüber. Für Frank Keremen, Leiter der Schreinerei, steht Letzteres im Vordergrund. Suchtprobleme sind oft Beziehungsprobleme. Eine gute Atmosphäre in der Werkstatt zu schaffen, ist für ihn daher das Fundament gesundenden Wirkens: „Hier geht es darum, Begegnungen zu haben, in denen man sich gegenseitig wertschätzt“, sagt Keremen. Da reichen schon ein freundliches „Guten Morgen“ oder zwei bis drei gesprochene Sätze vor Beginn der Arbeit aus, anstatt diese verkatert und muffig zu starten.

Die Werkstatt als Trainings- und Handlungsraum stellt ein Teilstück dar, um die gesamttherapeutischen Ziele auf dem Ringgenhof zu erreichen: Beziehungsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Umgang mit Aggressionen, angemessenes Arbeitsverhalten, Stärkung der sozialen Kompetenzen. All das kann bei der Arbeit in der Schreinerei geübt, erprobt und reflektiert werden. Der Kontakt mit Holz als Werkstoff macht es den Patienten zudem einfacher, Zugang zu den eigenen Emotionen zu schaffen.

15 Patienten sind derzeit projektspezifisch in der Werkstatt beschäftigt. Bei der Projekteinteilung ist Fingerspitzengefühl angesagt. Schreinermeister und Arbeitserzieher Frank Keremen konfrontiert den einzelnen Patienten mit genau den Aufgaben, die eine Auseinandersetzung mit noch ausbildungsfähigen Kompetenzbereichen bieten. So legt er es auch mal darauf an, Teams zu bilden, in welchen Konflikte absehbar sind, um im Nachhinein als Arbeitserzieher eine neutrale und faire Klärung herbeizuführen. Im Anschluss wird das Konfliktthema in der Einzeltherapie behandelt.

Wo auf der einen Seite Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein gesteigert werden, steht auf der anderen Seite auch die Übung im Umgang mit Frust. „Wir halten uns nicht 16 Wochen an den Händen. Es tut schon mal weh“, so Keremen. Mit dem Schreinerhandwerk kann man sich viel Frust einfangen. Nicht jedes Werkstück gelingt auf Anhieb. Die angestrebte Lösung für Patienten ist, ihren Frust nicht mehr im Suchtmittel Alkohol zu ertränken und sich zurückzuziehen, sondern Kontakt mit der Umgebung aufzunehmen und sich mitzuteilen.

Arbeitstherapeutische Produkte sind helfende Wege in die Suchtmittelunabhängigkeit. Frank Keremen ist überzeugt: „Wenn es den Patienten gelingt, in Abstinenz zu leben, dann reguliert sich das andere auch und dann kommen diese Menschen wirklich in die Beschäftigung rein.“ Schon während des Ringgenhof-Aufenthalts bewerben sich Patienten auf Stellenangebote oder kontaktieren das für sie zuständige Arbeitsamt vor Ort. Für Suchtkranke, die noch nie gearbeitet oder keine Ausbildung haben, gibt es die Möglichkeit der Adaption als abschließende stationäre Phase. Hier stehen konkrete Ziele wie das Anstreben einer Ausbildung oder Umschulung im Mittelpunkt.

So hofft Elio D., der vor Jahren eine Ausbildung zum Schreiner absolviert und nun seine Kenntnisse aufgefrischt hat, nach dem Aufenthalt auf dem Ringgenhof in seinen ursprünglichen Beruf wiedereinsteigen zu können. „Ich liebe es, das Holz zu riechen, es ist ein lebender Stoff“, so der 35-Jährige. Mit Blick auf die Vorteile einer Arbeitstherapie findet sein Mitpatient Uwe A. (48): „Weil ich Beschäftigung hatte, war die Zeit hier gut rumzubringen.“

Von Katharina Stohr