Ich kann ja was - ganz ohne Alkohol

Es begann mit Gesellschaftstrinken in der Kneipe, um sich lockerer und besser zu fühlen. Dann wurde es zur Sucht, die fast ihr Leben zerstörte. Bis Ursula Roos die Notbremse zog und eine Therapie in der Fachklinik auf dem Höchsten begann. Hier fing die 44-jährige an, ihren Problemen nicht mehr auszuweichen, sondern daran zu wachsen. Und plötzlich ging alles rasend schnell … ein Porträt.
■ Viele Jahre hatte der Alkohol sie im Griff. Zum Schluss waren es zwei, drei Liter Wein täglich. Was mit Gesellschaftstrinken in der Kneipe begann, endete im Suff zu Hause. Die Leidtragenden: ihre Familie, die Freunde, sie selbst. Im Sommer 2009 dann entschloss sich Ursula Roos zur Therapie. Ihr Körper machte nicht mehr mit, das Leben mit Alkohol wurde zur unerträglichen Pein. Seit dieser Zeit hat sich viel für die 41-Jährige aus Pforzheim geändert. Mit ihrem Wegzeichen, eine Kunstaktion in Vorbereitung auf den Umzug des Fachkrankenhauses Höchsten nach Bad Saulgau (siehe Seite 9), hat sie ihr neues Lebensmotto hinterlassen.

Sie wirkt ängstlich, ist zurückhaltend. Fast so, als überlege sie sich, ihre Zusage fürs Interview nochmals zurückzuziehen. Aber schon die ersten Sätze im Gespräch scheinen Ursula Roos zu bestärken, ihre Geschichte erzählen zu wollen. »Früher«, sagt sie, »hätte ich ein solches Gespräch nicht gepackt.« Früher: Eine Geschichte von Enttäuschungen, mangelndem Selbstvertrauen und jede Menge Alkohol. Herbert Grönemeyer besang dieses Gefühl in den Achtzigern: »Alkohol ist das Drahtseil, auf dem du stehst, (…) ist das Schiff, mit dem du untergehst, (...) ist dein Sanitäter in der Not.«

So ähnlich erging es auch Ursula Roos. »Eigentlich gibt es tausend Gründe zu trinken«, erzählt sie später. Und ihre Gründe? »Ich hatte mangelndes Selbstvertrauen. Mit Hilfe des Alkohols bekam ich das Gefühl einer Bestätigung: ich kann was.« Die 41-Jährige wurde locker und die Probleme verschwammen unter zunehmender Alkoholwirkung. »Ich versuchte, Befriedigung durch den Alkohol zu bekommen.« Parallel folgte das Unvermeidliche. Freunde zogen sich zurück, Hobbies gerieten in den Hintergrund, das eigene Körpergefühl wurde ihr zunehmend zur Belastung, Einsamkeit. Dann die Einsicht, was zu tun.

Ursula Roos entschied sich für eine Therapie. Erst die Entgiftung, dann das Warten auf einen Therapieplatz. Auf diesen musste sie einige Wochen warten. Zu lange, der Griff zum Alkohol wurde – mal wieder – zum trügerischen Rettungsanker, zum Sanitäter in der Not. Auf den Zusammenbruch folgte die erneute Entgiftung, inklusive Entzugssymptome: Schwitzen, Frieren, Herzrasen, Unruhe. Dann die Erlösung: Im August 2009 begann sie ihre Therapie auf dem Höchsten hoch über dem Deggenhausertal im Bodenseekreis.

»Am Anfang konnte ich mir es gar nicht vorstellen, in einer reinen Frauenklinik Therapie zu machen«, erzählt Ursula Roos, war sie doch früher hauptsächlich unter Jungs aufgewachsen. Bis zu 80 Frauen mit einer Suchterkrankung können hier eine medizinische Rehabilitation durchlaufen. Der Höchsten, Deutschland älteste Frauensuchtklinik in Trägerschaft der Zieglerschen, weist eine Jahrzehnte währende Erfahrung in der geschlechtsbezogenen Suchttherapie auf. Und dann kam alles anders. »Die Therapie hier auf dem Höchsten wurde zu einem der schönsten Momente in meinem Leben«, sagt sie. Sie hat sich schnell in den Therapiealltag integriert, »es ging alles rasend schnell«, sagt sie. Schon bald konnte Ursula Roos erste Erfolge vorweisen. Als Sprecherin ihrer Therapiegruppe übernahm sie Verantwortung. »Und plötzlich habe ich gemerkt: Ich kann ja was«, freut sie sich noch heute. Ganz ohne Alkohol!

Auf dem Höchsten fand sie wieder zu sich selbst. Selbst spirituelle Erfahrungen habe sie gemacht. Früher undenkbar. »Ich habe hier gelernt, auf mich zu achten«, erzählt Ursula Roos. Vor kurzem sei sie das erste Mal freiwillig im Gottesdienst in der Kapelle neben dem Klinikgelände gewesen. Das Ende der Therapie machte ihr jedoch ein wenig Angst. Wohl auch deshalb hatte sie ihre Therapie um drei Wochen verlängert. Diese Zeit brauchte sie noch, betont Ursula Roos. Ihr Partner habe sie schon einige Male auf dem Höchsten besucht. Das tat ihr gut. Und sie ist zuversichtlich, dass sie nach Therapieende wieder Fuß fasst in ihrer Familie und in ihrem sozialen Umfeld, das sehr unter ihrer Alkoholsucht gelitten habe. Und hoffentlich eine neue Arbeitsstelle. Vor Therapiebeginn gab die gelernte Bürokauffrau ihre Tätigkeit auf.

Ursula Roos’ Motivation zur Therapie war intrinsisch, wie ihre Therapeuten betonen. Dies führte auch dazu, dass sie ein Wegzeichen herstellte. Der Höchsten zieht Ende 2010 in ein neues Klinikgebäude in Bad Saulgau. Hierzu gibt es unterschiedliche Veranstaltungen, unter anderem die Aktion »Wegzeichen«. Dabei stellen Patientinnen aus Holz selbst bemalte Holztafeln mit einem Lebensmotto her – und diese wurden am Klinikgelände aufgestellt. Als Zeichen des Ankommens für Spaziergänger und solche, die sich über den Baufortschritt der Klinik informieren möchten. Ursula Roos’ Motto: lautet: »Lebenskunst ist, Problemen nicht auszuweichen, sondern daran zu wachsen.« Sie ist gewachsen.