»Ich bin von Herzen Therapeutin«

Seit drei Jahrzehnten ist Ruth Seeger als Therapeutin tätig. Jetzt, mit 58 Jahren, steht sie nochmals vor einer grossen Herausforderung: Den Umzug der Fachklinik Höchsten der Zieglerschen hoch über dem Deggenhausertal nach Bad saulgau mit zu gestalten, zu begleiten, am neuen Ort in eine gute Zukunft zu übergeben. Ruth Seeger freut sich darauf. Sie selbst ist bereits vor Monaten nach Bad Saulgau gezogen.
Ein Porträt.
■ Siebenkreuzerweg, mitten auf den Feldern zwischen Kloster Sießen und der neuen Fachklinik Höchsten in Bad Saulgau. Ruth Seeger schaut zufrieden übers Land. Hier war sie schon oft, seit sie nach Bad Saulgau gezogen ist. Auf dem Siebenkreuzerweg findet sie spirituelle Einkehr, Ruhe, Kraft und Zuversicht. Dies wünscht sie sich auch für die zukünftigen Patientinnen, wenn die neue Klinik Ende November hier in unmittelbarer Nähe ihre Arbeit aufnehmen wird. »Wir gewinnen auch viel«, sagt Ruth Seeger. Viel wurde darüber geredet, welch Idyll man mit dem Wegzug vom 831 Meter hohen Höchsten verlassen würde. Dass die Gegend rund um die neue Klinik viel Einladendes bietet, dies möchte sie den Patientinnen zeigen. »Die Weite lädt ja ein zum Verweilen, Gehen, sich besinnen«, sagt sie.

Deutschland, Anfang der Fünfziger. Im Nordschwarzwald, genauer in Rohrdorf im Landkreis Calw, wird Ruth Seeger geboren. Sie wächst auf mit vier Brüdern und einer Schwester. Im Geiste der Hahn’schen Gemeinschaft werden die Kinder im pietistischen Elternhaus erzogen. Ihr Vater betreibt als Selbstständiger eine Gerberei, die Mutter kümmert sich, ganz in der Tradition, um die Kinder und den Haushalt. Viele Väter waren aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, Deutschland musste aufgebaut werden, das Wirtschaftswunder stand vor der Tür. Die Rolle für Ruth Seeger als Mädchen schien vorherbestimmt. »Ich habe dann erstmal eine ländliche Schulbildung genossen«, erzählt sie und stellt sofort mit einer Anekdote aus ihrer Kindheit klar, dass dieser traditionelle Lebensweg für sie keiner werden würde. Auf dem Firmenstempel stand der Name des Vaters und der Hinweis auf die Söhne. Von den Töchtern keine Spur. »Da habe ich dann den Zusatz ›Töchter‹ angehängt«, berichtet sie verschmitzt und ergänzt: »Das war wohl schon so was wie eine feministische Neigung.«

Es kam dann auch ganz anders. Nach einer Ausbildung zur Kinderpflegerin und Erzieherin absolvierte Ruth Seeger über den zweiten Bildungsweg die Fachhochschulreife. Mitte der 70er Jahre nahm sie an der damaligen Höheren Fachschule für Sozialpädagogik in Reutlingen ihr Studium der Sozialpädagogik auf. 1979 trat sie ihre erste Stelle in einem Internat an, parallel sollte sie die dortige Gemeindesozialarbeit aufbauen und umsetzen. »Nach sieben Monaten habe ich das Handtuch geschmissen«, sagt sie, »ich habe mich schlichtweg überfordert.« Schon immer hatte Ruth Seeger den Traum, in den Entwicklungsdienst zu gehen. Dies führte sie nach der ersten beruflichen Enttäuschung in die Arbeit mit vietnamesischen Flüchtlingsfamilien, den so genannten »Boatpeople«. Nach drei Jahren war Schluss, das Projekt wurde nicht mehr weiter finanziert.

Ein Bekannter ermutigte Ruth Seeger damals, sich doch bei den Zieglerschen zu bewerben. Und so nahm sie 1983 mit dem damaligen Geschäftsführer der Zieglerschen, Robert Seiler, Kontakt auf. Der gab ihre Bewerbung dem damaligen Leiter der Suchtkrankenhilfe, Eberhard Rieth, weiter. Sie überzeugte und stand am Beginn ihrer ersten »Ziegler-Jahre«. Zehn Jahre wurden es, die sie prägten. In dieser Zeit ließ sie sich als Sozialtherapeutin ausbilden, lebte, wie die meisten ihrer damaligen Kolleginnen und Kollegen, auf dem Höchsten. »Durch diese Tätigkeit habe ich meine Berufung gefunden«, erzählt sie, »ich bin von Herzen Therapeutin.« Schon damals hat sie sich für die besondere Beachtung der Bedürfnisse und Rechte von Frauen stark gemacht. Die vielzitierte Dienstgemeinschaft, die heute noch im aktuellen Leitbild der Zieglerschen steht, »haben wir damals auch wirklich gelebt«. Eine Dienstgemeinschaft, die auch ihre Kraft aus dem gemeinsamen Glauben schöpfte. »Mein persönlicher Glaube ist mein tragender Grund.«

1993 verließ Ruth Seeger die Zieglerschen und ging in die Drogenberatung nach Sindelfingen. »Ich wollte zu den Menschen gehen, dort, wo sie lebten und sie dort in ihrem Alltag begleiten«, erzählt sie. Es war eine prägende Zeit, die sie auch sozialpolitisch schulte: »Wir können nicht nur gute Therapeuten sein.« In Sindelfingen baute sie Netzwerke auf und gründete unter anderem den Arbeitskreis Essstörungen in Stuttgart, der erste in Baden-Württemberg.

2004 kehrte Ruth Seeger zurück zu den Zieglerschen und brachte die Tagesrehabilitation in Reutlingen ins Laufen. Nun konnte sie ihre stationäre wie ambulante Erfahrung einbringen, bewegte viel Neues. 2004 wechselte sie in die Funktion der stellvertretenden therapeutischen Leiterin auf den Höchsten. Der Druck zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Zuteilung und Zuwendung führte letztlich zum Weggang aus Reutlingen.

Vom Franziskusgarten auf dem Klostergelände überrascht ein schöner Blick in Richtung neue Fachklinik Höchsten. Ruth Seeger hofft, wertvolle Impulse für die Therapie mit den zukünftigen Patientinnen, aber auch für die Arbeit in der neuen Klinik weiterzugeben. Nach fast drei Jahrzehnten in der Suchtarbeit hat sie nun die Chance, was ganz Neues in ihrem Leben mitzugestalten. »Leben«, sagt sie, »heißt kreativ zu sein.«

Von Harald Dubyk