Lehrer sein heißt Kinder mögen

Reinhard Sauter geht in Rente. Die Geografie seiner Seelenlandschaft lässt sich, etwas holzschnittartig, so beschreiben: Er liebt seine Frau Brigitte, er liebt Kinder und er liebt den Bodensee und die Berge. Fast ein ganzes Grundschul-Lehrer-Leben lang unterrichtete er am Hör-Sprachzentrum Altshausen, die letzten 15 Jahre als Abteilungsleiter der Grundschule.

Ein Porträt.
■ Es sah zuerst gar nicht danach aus, dass Reinhard Sauter Lehrer werden würde. Sein Vater war Lehrer, sein Großvater, sein Onkel, seine Tante. Das mag ihn nicht unbedingt dazu motiviert haben, auch in die Schulstube zu wechseln. Nach seinem Abitur an der LOS (Lehreroberschule) Saulgau zog es ihn zuerst zur Bundeswehr. Nicht weil ihm das Soldat-Sein auf den Leib geschrieben war, sondern die Berge zogen ihn an. Er ging zu den Gebirgsjägern nach Mittenwald und verließ sie zwei Jahre später als Oberleutnant der Reserve.

Und dann? Bauer zu sein hätte er sich gut vorstellen können. Oder Förster. Oder etwas Technisches. Der Berufsberater riet von allem ab, diese Berufe hätten keine Zukunft, er solle Lehrer werden. Und so tat Reinhard Sauter, was 30 seiner 33 Klassenkameraden damals auch taten – er studierte für das Lehramt.

Vor einiger Zeit traf er seinen ehemaligen Pädagogik-Professor von der PH Weingarten Dr. Ludwig Kerstiens. „Ich habe mich ihm vorgestellt“, so der ehemalige Jungstudent, „allerdings mit etwas klammem Gefühl, weil ich die hohe und hehre Pädagogik während des Studiums so gar nicht verstanden habe. Um ehrlich zu sein, auch nicht verstehen wollte.“

Heute ist er eine Vaterfigur. Wer ihn als Lehrer vor und mit seinen Kindern erleben darf, kann diese anfängliche Ferne zur Pädagogik nicht verstehen. In einer Religionsstunde erzählt er ihnen von Jesus und seinen Jüngern. „Stellt euch vor, ihr wäret diese Freunde von Jesus.“ Ein Mädchen darauf: „Aber wir sind doch nur elf in der Klasse!“ Reinhard Sauter: „Ich gehöre doch auch dazu!“ Die Kinder haben ihn in ihr Herz geschlossen und er sie.

Er kann den Zeitpunkt seiner leicht verspäteten, pädagogischen Geburt ziemlich genau angeben. Seine erste Stelle war die Gehörlosen- und Blindenschule in Schramberg-Heiligenbronn. Die Franziskanerinnen, die diese Schule leiteten, ihre Liebe und ihre Strenge, mit denen sie mit den behinderten Kindern umgegangen sind, hat ihn tief und lebenslang geprägt. „Die Arbeit dieser Schwestern hat mich regelrecht elektrisiert. Ich habe in Heiligenbronn das gefunden, was ich werden wollte.“ Reinhard Sauter erzählt von der Begegnung mit einer kleinen Zweitklässlerin, die stark schwerhörig war. Um ihr zu helfen habe er sich zu ihr niedergebeugt. Plötzlich habe das Mädchen laut aufgelacht und auf seinen Kopf gezeigt mit den Worten: „Kaputt, kaputt“. Gemeint habe sie die beginnende Glatze. „Da habe ich kapiert, was die Sprachmöglichkeiten eines schwerhörigen Kindes sind“.

Erziehen ist eine Kunst und hat viel mit Kreativität und Sensibilität zu tun. Die Liebe zum Kind hat man nicht ein für allemal und kann sie dann sozusagen in den pädagogischen Tresor stellen. Sie muss sich in jeder neuen Situationen immer wieder neu verfeinern. So war Reinhard Sauter auch Mitglied der berühmten Altshausener Nikolausgilde. Mit Klaus Oldenkotte zusammen bildeten sie ein bekanntes Tandem: Oldenkotte der Nikolaus und er der wilde Knecht Rupprecht. Als sie an einem dieser 5. Dezember seine eigene Tochter aufsuchten und diese heftig weinte, schwante ihm etwas: Der Rupprecht passt vielleicht nicht zu jedem Kind. Gefragt, ob er seinen beiden Enkelkindern Sophia-Marie und Nikolas den Besuch von Rupprecht wünschte, überlegt er lange. „Nein, bei ihnen nicht mehr.“

Geboren wurde der Neu-Rentner am 11.11. 1943. Er kennt die Anspielungen auf dieses Datum nur zu gut. Nein, ein lustiger Mensch sei er nicht, eher schon ein hintergründig-humorvoller Typ. Auf das Stichwort „Tod“ angesprochen antwortet er sehr langsam, Wort für Wort: „Wenn man das Gefühl hat, dass man ein Leben hatte, das verantwortet werden konnte, in der Familie wie im Beruf, dann kann man den Tod auch kommen lassen.“ Aber zuerst will er noch einmal wandern: in den Bergen, am Bodensee und in seinem Althausener Garten.

Von Rainer Kössl