Gottsucher, Lehrer, Journalist

Ein Gottsucher ist der als Einzelkind im Februar 1945 im Luftschutzkeller in Rottweil geborene Rainer Kössl schon immer gewesen. Nach dem Willen der Eltern hätte er katholischer Priester werden sollen. Er wurde Lehrer, Ehemann und Vater von vier Kindern. Seine Gottessuche hält bis heute an. Sie hat ihn zur Zen-Meditation und zu charismatischen Gebetskreisen geführt. Sie hat ihn schliesslich auch, nach mehreren beruflichen Stationen, ans Hör-Sprachzentrum nach Altshausen geführt. Ein Porträt.
■ Ist es nicht eine Auszeichnung für die Diakonie, dass immer wieder Gottsucher den Weg zu ihr finden? Dabei hat Rainer Kössl bis zum letzten Arbeitstag keine fertigen Antworten gefunden. Auch in der Diakonie nicht. Wollte er gar nicht. Ihn befremdet, wenn Theologen und andere Menschen sagen, wie Gott ist. Er weiß nur, dass Gott größer ist als  unsere Vorstellungskraft. Kössl stellt andere Fragen: Wie ereignet sich Gott im Alltag? Wie kann ich auch all das, was Böse ist, in Gott unterbringen?

Religionsstunde mit Rainer Kössl im Raum der Stille im Hör-Sprachzentrum Altshausen. Eine seiner letzten Schulstunden. Lehrer und Schüler ziehen die Schuhe aus. »Was bewegt Dich im Augenblick? Wie geht es Dir jetzt?«, das fragt Rainer Kössl in die Runde seiner hör- und sprachbehinderten Realschüler. Zuerst haben sie gekichert wegen dieser komischen Situation. Doch dann haben sie es angenommen. Sie nehmen Rainer Kössl ab, dass diese Fragen nicht nur ein pädagogischer Trick sind, sondern ganz ehrlich gemeint. Die Antworten kommen. Danach schlägt der Lehrer den Gong. Eine lange Stille folgt. Dieses Mal, in der letzten Reli-Stunde, hat Rainer Kössl den Segen über seine Klasse gesprochen. Ganz leise, für sich. Heute, 40 Jahre nach seinen Anfängen als Religionslehrer, ist er »völlig weg von Diskussionen«. Er hat an sich festgestellt, dass er die vielen methodischen Einfälle von früher auf »Stille und Interesse an Dir« reduziert hat.

In den Tagen nach dem Amoklauf von Winnenden fragten auch Schüler und Kollegen ganz intensiv nach diesem Gott. Sie fragten den Gottsucher Rainer Kössl, der mit den Jahren zu einer Art Seelsorger für Kollegen und Schüler wurde, obwohl er das Wort für »zu hoch« hält. Kössl ist im Rückblick seinem Schulleiter und seinem Kollegium dankbar, dass er seinen ganz eigenen, durchaus auch ungewöhnlichen Weg gehen konnte. Nicht nur in seiner privaten Glaubensauseinandersetzung, sondern auch in seinem pädagogischen Handeln. Das familiäre Kollegium, aber natürlich auch das Privileg, kleine Klassen zu haben, die Atmosphäre an seiner Schule in Altshausen, haben dazu beigetragen, dass er bis zum letzten Schultag begeisterter und wohl auch begeisternder Lehrer war. »Die haben ja gewusst, was ich da treibe«, sagt Kössl. Er habe sich als »katholischer, extravaganter Christ« nie unfrei gefühlt bei den zur evangelischen Diakonie gehörenden Zieglerschen.

40 Jahre lang hat er unterrichtet. 1969 hat er im Klösterle begonnen, einer bekannten katholischen Mädchen-Realschule in Ravensburg. Intensiv hat er alle Reli-Stunden vorbereitet. Geprägt von der Entmythologisierungs-Debatte seiner Zeit hat er Themen angesprochen wie Moral, Ethik, Abtreibung und Todesstrafe. Sein Glaube ist ihm dabei zeitweise abhanden gekommen. Und um »der Religion zu entkommen«, hat er neben seiner Tätigkeit als Junglehrer für katholische Religion und Deutsch zusätzlich Physik studiert. Das hat Rainer Kössl nie bereut. Zum einen, weil es ein gutes Gegengewicht gegen die Religion war, weil es ihn persönlich in der Balance gehalten hat, zum anderen aber, weil er mit dieser sehr seltenen Fächerkombination sehr gesucht war. Der Glaube ist dann auch wiedergekommen. Und er wurde »der Physiklehrer für die Schlechten«. Das empfindet er als großes Kompliment.

Der schon immer Suchende durfte immer Neues in sich zu Tage fördern, auch immer neue Talente. Deshalb bezeichnet er sich gerne als »Glückspilz mit Verzögerung« und als »Spätentwickler«. Der Spätentwickler hat zum Beispiel in einer Zeit, in der andere nur noch an den vorgezogenen Ruhestand denken, seine Liebe und Begabung zum Journalismus entdeckt.

Eine erste journalistische Heimat hat er in der Redaktion dieser Zeitschrift gefunden. Die ungewöhnlichsten, die spannendsten, die meist gelesenen Beiträge stammen von ihm, darin sind sich die anderen Redaktionsmitglieder und viele Leser einig. Vor dem Journalismus war die Politik dran. Er wollte, weil er sich »zu einseitig als kontemplativer Mensch« erlebt hat, die »kämpferische Seite« in sich suchen. Dafür hat er sich die Kommunalpolitik erkoren, und dann gleich eine Fraktion, in der er wirklich kämpfen musste: die ganz kleine und so gar nicht zum Mainstream passende ÖDP-Fraktion im Ravensburger Gemeinderat, der er zwei Sitzungsperioden, also zehn Jahre lang, angehörte. Bei seiner ersten Rede hätten die Etablierten gelacht, abgeschreckt hat es ihn nicht. Selbstkritisch sagt er: »Ich bin kein guter Politiker geworden, aber es war eine wichtige Erfahrung«.

Nun spricht er am letzten Schultag seines Lebens über seinen anbrechenden Ruhestand. Er will sich diese Zeit nicht zuknallen mit Terminen oder rastlosen Nah- und Fernreisen. »Am Montag stehe ich auf und hole die Zeitung – und dann mal sehen.« So will er es machen. Kössl und seine Frau haben vier erwachsene Kinder und etliche Enkel: »Das ist nicht das Thema, ich bin beschäftigt. Das Thema ist, dass ich mit der Suche nach mir selbst und nach Gott noch nicht fertig bin«. Und das ist das Spannende.

Von Christof Schrade