Es war eine »Lebensschule« für mich

Pit Niermann war neun Jahre lang Direktor der Heimsonderschule Haslachmühle – einer Einrichtung der Zieglerschen für Schüler mit hör-sprach- und gleichzeitiger geistiger Behinderung. Kurz vor seiner Verabschiedung in den Ruhestand traf Katharina Stohr den anerkannten Pädagogen und grossen Menschenfreund zum Gespräch.

Ein Porträt von Katharina Stohr.
Menschen sind für Pit Niermann wichtig. Egal, ob es dabei um Kollegen, Mitarbeitende, Schüler, seine Frau oder seine beiden Söhne geht. Ruhig und besonnen denkt er nach, wägt ab, wählt aus, exakt, passgenau, taktvoll und dann bringt er es auf den Punkt: »Paradekennzeichen einer Organisation ist für mich, in welchem Maß das Mensch-Sein zugelassen wird«, sagt er.

Inhalt eines philosophisch geprägten, verregneten Donnerstagvormittags in der Heimsonderschule Haslachmühle. Sätze voller Lebensweisheiten und tief durchlebter Erfahrung durchfluten den Raum, wenn Direktor Pit Niermann, 64, erzählt. Noch zwei Wochen, dann wird er seinen Schreibtisch räumen und den Weg in den Ruhestand antreten. Gemischte Gefühle begleiten ihn, sagt er. Wehmut und ein Hauch von Abschiedsschmerz umhüllen ihn, wenn er so durch die Schulflure streift – gleichzeitig aber auch ein großes Einverstanden-Sein mit dem, was war, was ist, und der Vorfreude auf das, was kommen wird. Und dem Bewusstsein, »dass ich ein Riesenglück hatte«.

Vor neun Jahren wechselte er vom Hör-Sprachzentrum Altshausen in die Haslachmühle – wurde vom Abteilungsleiter einer Realschule zum Direktor einer Heimsonderschule für Menschen mit Hör-Sprach- und gleichzeitiger geistiger Behinderung: »Die Direktorenstelle war eine Lebensschule für mich«, sagt er, der sich selbst als eher weichen Menschentyp beschreibt. Ein Harmoniemensch sei er außerdem, das habe einen anstrengenden Lernprozess hervorgerufen. Denn es galt, »auf mutige Art und Weise ein Kollegium von knapp 100 Menschen zu begleiten, zu führen und bei der Stange zu halten«. Führung – für ihn eine ständige Gratwanderung zwischen Zulassen und Grenzen-Ziehen. Dies habe die Zeit genauso gekennzeichnet, wie »eine riesige Bandbreite fachlich im Blick zu haben und diese weiterzuentwickeln«. Herausgekommen sind dabei mehr als ein wertvolles Bündel an Führungs-Philosophien. Zahlreiche fachliche Projekte, die unter Niermanns Führung angestoßen wurden, haben bundesweit Anklang und Nachahmer gefunden.

»Speziell die Station Haslachmühle war für mich die Krönung meiner beruflichen Laufbahn, nicht nur wegen der Direktorenstelle, sondern wegen der Schüler hier.« Auseinandergesetzt hat er sich mit dem, was seine Schüler mitbringen, deren Hören und Reden eingeschränkt ist und die zusätzlich geistig behindert sind. Menschen, die sich oft nicht ausreichend verständigen können und zusätzliche Hilfsmittel wie Gebärden oder Symbolkarten zur Kommunikation benötigen. Er hat sich gerieben daran, wie sie ihren Alltag gestalten, und hat Erkenntnisse gesammelt: »Wenn Menschen eine bestimmte Form von Einschränkung haben, sind sie nicht automatisch damit behindert.« Im Gegenteil – wenn eine bestimmte Umgebung zur Verfügung stehe, könnten sie ein gleichberechtigter Teil der Gemeinschaft sein, Lebensfreude und -sinn entwickeln. Und mit blitzenden Augen fügt er hinzu: »Als Stachel im Fleisch der Leistungsgesellschaft«.

Handlungsleitend war für ihn stets die Sonderpädagogik – »sozialpädagogisch ausgerichtet«, wie er betont. Spätestens als er 1975 als Hauptschullehrer in Berlin-Tiergarten vor 37 Schülern stand, wusste er: »Die Grundlage meiner Arbeit muss Beziehungsarbeit sein, denn sobald die Beziehung zwischen zwei Menschen steht, kann man völlig anders arbeiten.« Dies sei bei einer herkömmlichen Klassengröße nicht zu meistern. Und so führte ihn der Weg weiter an die Förderschule Löffingen, danach zum sonderpädagogischen Zusatz-Studium in Heidelberg, bis er dann am Sprachheilzentrum Calw zunächst als Sonderschullehrer arbeitete und anschließend, Anfang der 80er Jahre, die dortige Sprachheilschule aufbaute und leitete.

»Sehr schmerzliche Vorgänge im damaligen Kollegium haben meine Führungs-Philosophien entstehen lassen.« Fragen wie: »Kann man trotz Machtrolle Mensch bleiben?« trieben und treiben ihn bis heute an und führten nicht zuletzt durch die Zeit in der Haslachmühle zu einer gewissen Gelassenheit, wie er sagt. Dieser liege die zentrale Einsicht zugrunde: »Man muss seinen Frieden damit machen, dass man als Führungskraft nicht alles richten kann.«

Wie gut Pit Niermanns den Menschen zugewandte Art seiner Umgebung tut, davon erzählen die traurigen Augen vieler Schüler, wenn sie ihm auf dem Flur begegnen und auf ihre Art und Weise über seinen bevorstehenden Abschied sprechen oder mit den Händen gebärden.

»Ich wusste von der ersten Milli-Sekunde an, dass ich hier richtig bin«, sagt Pit Niermann. »Wenn ich in meinem nächsten Leben wüsste, dass ich genau diese Aufgabe zugeschanzt bekomme, würde ich es wieder machen.«