»Ich war schon ein Revoluzzer«

Heimkind in der DDR, politischer Häftling, freigekauft von der BRD, mit 18 in den Westen gekommen. Alkoholprobleme, mit Ende dreißig ein Selbstmordversuch und ein beinahe tödlicher Unfall: Olaf Meister hat viel durchgemacht. Seit seiner Therapie in der Suchtfachklinik Ringgenhof 2006 lebt er abstinent und arbeitet heute im Facility Management der Zieglerschen. Das Porträt.
»Olaf Meister ist ein elegant gekleideter, schmal gebauter Mann. In seiner Wohnung fällt als erstes das Aquarium mit den großen Goldfischen ins Auge: »Denen zuzugucken beruhigt mich total«, sagt der 49-Jährige. Ruhig ist Olaf Meisters Leben in der Tat nicht verlaufen. Wenn er erzählt, tun sich die Abgründe des DDR-Regimes auf. Doch es ist keine Geschichtsstunde, sondern sein ganz persönliches Schicksal.

Aufgewachsen ist Olaf Meister in der ehemaligen DDR vor allem in Heimen. »Meine Mutter wollte mich nicht«, erzählt er. Mit ihr hat er bis heute keinen Kontakt mehr. Der Vater? »An einem 20. Dezember ist er von der Stasi abgeholt worden. Am 21. Dezember soll er eines natürlichen Todes gestorben sein«, berichtet Olaf Meister mit Bitterkeit in der Stimme. Die Akte seines Vaters hat er bis heute nicht einsehen dürfen – aus Datenschutzgründen. »Das hat mich kaputt gemacht«, sagt er.

An seine Zeit in verschiedenen Heimen hat Olaf Meister keine guten Erinnerungen: »In Leipzig war’s am schlimmsten. Das einzige, was mich im Heim aufrecht erhalten hat, war Hass.« Unter den Spätfolgen der vom Jugendwerkhof festgelegten Maurerlehre, die Olaf Meister mit 14 beginnen muss, leidet er heute noch: »Ich habe eine Fehlstellung der Wirbelsäule«, erzählt er. »Ich war extrem schmal und klein. Ich hätte niemals so schwer tragen dürfen.« Wenig verwunderlich also, dass Olaf Meister dem DDR-Regime kritisch gegenüber steht – zuerst aber nur innerlich. Nach außen hin durchläuft er die klassischen Stationen einer mustergültigen DDR-Kindheit: Bei den Pionieren ist er Gruppenleiter, in der GST [Gesellschaft für Sport und Technik, eine Organisation, die Jugendliche auf den Dienst in der Armee vorbereitete; Anm. d. Red.] bringt er es zum Brigadeleiter. »Aber ich habe immer anders gedacht«, sagt er. »Das wurde mir irgendwann zum Verhängnis.«

Als Jugendlicher fängt Olaf Meister an, öffentlich zu rebellieren. Auf dem Marktplatz spielt er laut systemkritische Musik ab. Mit 17 stellt er einen Ausreiseantrag, der abgelehnt wird. In seinem Ärger schreibt er einen Brief, adressiert an Erich Honecker. Zwei Tage später nimmt ihn die Stasi fest. Nach einem halben Jahr in Untersuchungshaft wird er wegen »öffentlicher Herabwürdigung« zu 14 Monaten Haft verurteilt. Zehn Monate sitzt er ab, dann übergibt ihn die DDR an die Bundesrepublik im Rahmen des inoffiziellen Freikaufs politischer Häftlinge. Knapp 34.000 politische Gefangene kauft die BRD zwischen 1963 und 1989 aus den DDR-Gefängnissen frei. Olaf Meister ist einer von ihnen. »94.640 D-Mark wurden für mich bezahlt«, erzählt er. Olaf Meister kommt nach Stuttgart, wo er – mit zwei Jahren Unterbrechung, die er in Westberlin verbringt, um den Wehrdienst zu umgehen – bleibt, bis zwei einschneidende Erlebnisse sein Leben für immer verändern.

»Das mit dem Alkohol hat mit 16 auf dem Bau angefangen. Mit Bier. Schnaps oder Wein mochte ich vom Geruch her nicht«, erzählt Olaf Meister. Richtig schlimm geworden sei es dann, als er in Stuttgart ankam. Der Tod seines Vater, die Erinnerungen ans Heim, alles wird ihm zuviel. »Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, das war mir viel zu peinlich«, gesteht er. Er findet Arbeit, unter anderem in der Gastronomie. Die Chefin weiß, dass er trinkt, sagt aber nichts. Er entwickelt eine Strategie, wie er im Alltag mit seiner Sucht funktionieren kann: »Ich habe immer 14 Tage lang getrunken und dann wieder 14 Tage gar nicht.« Bis zu seinem 39. Lebensjahr zieht sich das so hin. Er trinkt zehn Flaschen Bier am Tag und konsumiert zusätzlich noch am Arbeitsplatz. »Irgendwann habe ich den Saufdruck nicht mehr ausgehalten und wollte vor die S-Bahn springen«, berichtet Olaf Meister mit ruhiger Stimme. Zwei Passanten halten ihn fest. Drei Wochen später schläft er betrunken mit einer brennenden Zigarette in der Hand ein. »Als ich wieder aufwachte, war die ganze Wohnung voll Rauch. Am 20.01.2006 habe ich dann aufgehört mit Trinken.«

Olaf Meister entscheidet sich für eine Therapie. Eine Beratungsstelle vermittelt ihn nach Wilhelmsdorf auf den Ringgenhof der Zieglerschen. »Als Patient war ich extrem schwierig«, erinnert sich Olaf Meister. »Ich hab mich gegen alles gestellt. Kein Sport, keine Arbeitstherapie. Ich habe an nichts teilgenommen außer an meinen Gruppen- und Einzelgesprächen. Ich war schon ein Revoluzzer.« Dass er seine Therapie trotzdem erfolgreich beendet, ist für ihn auch das Verdienst seiner Bezugstherapeutin. »Ich habe ihr zu verdanken, dass sie mich nicht hat fallen lassen«, sagt er. Nach der Therapie sucht Olaf Meister sich eine Wohnung in der Umgebung, ein Zurück nach Stuttgart kommt für ihn nicht infrage. Arbeit findet er auch – im Facility Management der Zieglerschen: Er kümmert sich um die Grünflächen auf dem Ringgenhof. Seit fast zehn Jahren lebt Olaf Meister abstinent. Zu den Mitarbeitern des Ringgenhofs hat er einen guten Draht. »Wenn die mich heute sehen, sind die schon echt stolz auf mich, weil es keiner erwartet hätte – ich ja auch nicht«, erzählt Olaf Meister lächelnd. Sein Fazit: »Ich hab’s geschafft. Ich hab meinen Weg gemacht. Gut ist.« Von Sarah Benkißer