»Dieses Mal werde ich es schaffen«

Dies ist die Geschichte von Niko S., einem nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit strebendem Menschen, der als Spätaussiedler von Kirgisistan nach Deutschland kam. Der ein gerechteres und besseres Leben suchte – doch in Deutschland nur den Alkohol fand. Eine Geschichte von Enttäuschungen und Wiederanfängen, von unbedingtem Überlebenswillen und immenser Willenskraft.

Ein Porträt.
■ Niko S. ist 35 Jahre alt und lebt seit 16 Jahren in Deutschland. Er stammt aus Kirgisistan in Zentralasien, einem Land mit gewaltiger Natur, mit hohen Bergen und klarer Luft. Die Menschen dort leben naturverbunden. Sie sind genügsam und hart im Nehmen, gerechtigkeitsliebend und rau aber herzlich. Sie denken im Kollektiv und schätzen ihre Familie über alles. Naturverbunden und selbstverständlich ist auch ihre Einstellung zum Alkohol…

Damit, erzählt Niko, fing alles an. Alkohol wird in Kirgisistan, wie fast überall in der früheren Sowjetunion, in großen Mengen und bei allen nur denkbaren Anlässen konsumiert. „Ein soziales Miteinander ohne Alkohol war völlig undenkbar“ erinnert sich Niko. Er wuchs in dem Bewusstsein auf, dass Alkoholkonsum absolut ungefährlich ist, und dass vor allem der selbstgebrannte kirgisische Schnaps, als „Hilfsmittel“ notwendig ist, um gut mit anderen auszukommen, erfolgreich Geschäfte abzuschließen oder Nachbarschaftsprobleme zu lösen.

Als Jugendlicher, noch in Kirgisistan, fing er während seiner Berufsausbildung zum Schlosser an, regelmäßig mit den Kollegen zu trinken. „Ich wollte zu den Erwachsenen gehören, fühlte mich dadurch gleichwertig und respektiert.“ Nach dem Ende der Ausbildung, Niko wollte auf eigenen Füßen stehen, kamen „die Wende“ und der Zusammenbruch der Sowjetunion. Es folgte eine schwierige Zeit, geprägt von tiefen gesellschaftlichen Umbrüchen, von Korruption und Kriminalität. Löhne wurden monatelang nicht gezahlt, Diebstähle waren an der Tagesordnung, um das Überleben zu sichern.

„Ich verstehe, dass mein Vater auswandern wollte“, sagt Niko heute. „Es wurde immer gefährlicher, und er sah für uns keine Perspektive.“ Damals empfand er das anders. Er wollte „seine Welt“ nicht verlassen, sein Leben, seine Freunde. Doch ihm blieb keine Wahl. Er wurde nicht mal gefragt. Gemeinsam mit den Eltern und dem Bruder verließ Niko, damals 19, Kirgisistan. Heute weiß er, dass die Art, wie die Entscheidung zur Auswanderung fiel, ihn tief verletzt hat. Damals hätte „niemand in der Familie dafür Verständnis gehabt.“

Angekommen in Deutschland war alles anders. Die ersten Monate verbrachte die Familie im Wohncontainer – von Freiheit und Arbeit keine Spur. Stattdessen gab es Geld vom Staat, ohne dafür zu arbeiten. Niko war irritiert. Für ihn galt doch, dass ein Mann „schaffen“ müsse, dass er nur dadurch Rechte und soziale Anerkennung bekomme. Das geschenkte Geld gab er leichtfertig aus. Alkohol war immer dabei. Hinzu kamen Sprachprobleme. Obwohl in der Familie deutsch gesprochen wurde und obwohl er Deutsch gut beherrschte, hatte er Schwierigkeiten im Kontakt mit Einheimischen. Vor allem aber fiel ihm auf: „Wir sind zwar auch Deutsche, aber unsere Mentalität ist ganz anders.“ Das alles verunsicherte ihn.

Zu Hause, in der Familie, wurde nicht viel über den Abschied von der Heimat und die Schwierigkeiten im neuen Land gesprochen. Probleme wurden gemieden, im Vordergrund stand der Wunsch, möglichst rasch Arbeit zu finden, finanziell unabhängig zu sein und sich im neuen Land zu etablieren. Rückhalt und Verständnis fand Niko stattdessen in der russisch-sprachigen Gemeinschaft. Hier traf er alte Freunde aus seinem Dorf. Hier fand er seine Lebensgefährtin, mit der er 12 Jahre zusammenblieb. Hier vermittelte man ihm Arbeit, zunächst als Betonbauhelfer, später als Kraftfahrer. Das war sein Traumjob. „Ich war glücklich und zufrieden, das Geld stimmte auch. Ich dachte: jetzt geht es steil nach oben“.

Eine Zeit lang ging es tatsächlich nach oben – bis ihm der Alkohol einen Strich durch die Rechnung machte. Er geriet mit dem Gesetz in Konflikt, verlor die Fahrerlaubnis, musste wegen Trunkenheit am Steuer wiederholt einsitzen. „Ich war so enttäuscht von mir selbst“, sagt er heute. Doch auf den Alkohol konnte er „nicht mehr so leicht“ verzichten. Da war er 22.

Nach einiger Zeit stellte er fest, dass es in der russisch-sprachigen Gemeinschaft auch „dunkle“ Seiten gab. Immer und bei jeder Gelegenheit wurde getrunken, viel getrunken, und es wurde mit Drogen gedealt. Mit Beklemmung denkt er daran zurück, wie er drei sehr gute, persönliche Freunde in kurzer Zeit verlor, weil sie an einer Überdosis starben. Mit der Trauer wollte er alleine fertig werden: „Ich dachte, ich schaffe das. Heute weiß ich, dass dies ein verhängnisvoller Trugschluss war, der mich noch kranker machte.“ Niko trank weiter. Sein Alkoholproblem verschlimmerte sich, bald schaffte er den Alltag nur noch mit Alkohol. Ohne ihn bekam er Angstzustände. Die Schwierigkeiten in seiner Beziehung nahmen zu, er trennte sich. Auch der Familie blieb das Problem nicht mehr verborgen. Der Druck, sich behandeln zu lassen, wuchs.

Die Wende kam mit dem Tod des Vaters vor vier Jahren. Niko ertränkte den Kummer in so viel Alkohol, dass er anfing „fremde Menschen in meiner Wohnung zu sehen“. Er zog die Reißleine. Die erste Entgiftung folgte und damit begann Nikos Kampf gegen die Sucht. Nicht immer nach vorne gerichtet, gezeichnet von Zweifeln, von Therapieabbrüchen und -wiederantritten.

Inzwischen hat er erkannt, dass er noch mehr professionelle Hilfe braucht. Um seine Ziele zu erreichen. Und um sie nicht wieder aus dem Auge zu verlieren. Ziele hat er viele. „Ich will eine Familie gründen und für sie sorgen. Ich möchte bis zum vierzigsten Lebensjahr meinen Führerschein zurück und als Fernfahrer oder als Kfz-Mechaniker arbeiten. Ich will meine Unabhängigkeit behalten.“ Niko ist heute überzeugt, dass er die Abstinenz erreichen kann. Seine alte Heimat Kirgisistan vermisst er nicht mehr, seine Zukunft liegt in Deutschland. Aktuell steht ein vierwöchiges Praktikum in einer Kfz-Werkstatt auf dem Therapieplan. Auf die Frage, worauf er in der Behandlung am meisten stolz sei, antwortet Niko: „Hätte ich die Gefahr, die vom Alkohol ausgeht, eher erkannt, wären mir wahrscheinlich viel Leid und viele Enttäuschungen erspart geblieben.“ Ohne Alkohol fühlt er sich befreiter und möchte, dass es so bleibt. „Dieses Mal“, so glaubt er, „werde ich es schaffen.“

Als ehemaliger Bezugstherapeut, der Niko in der Fachklinik Hohenrodt begleitet und betreut hat, bin ich guten Mutes.

Von Goran Svigir