Wuff - ein Therapiehund packt aus

Wuff! Ich bin Maxi! Ich gehöre zur Klasse 010 der Haslachmühle, der Heimsonderschule für Menschen mit Hör-/Sprachbehinderung und zusätzlicher geistiger Behinderung. Genauer genommen gehöre ich zu meinem Herrchen, Marc Hoher. Und der unterrichtet fünf total nette Jungs der Oberstufe.
Ein Porträt.
■ Gerade hat mich die Stimme meines Chefs aus dem Frühstücks-Verdauungs-Nickerchen gerissen. „Maxi komm“, hat er von der Mitte des Klassenzimmers aus gerufen und sich mit seiner rechten Hand zum Boden gebeugt. Schnurstracks bin ich aus meinem Korb in der Ecke gehüpft und auf ihn zugelaufen. Ich war mir todsicher, dass er zwischen seinem Daumen und Zeigefinger etwas zum Knabbern hält. Ich bin nämlich auf meinen Fresstrieb konditioniert. Das heißt, dass ich Befehle tausend Mal lieber ausführe, wenn ich mit Essen gelockt und belohnt werde. Schön veräppelt hat mich Marc dieses Mal. Die drei Meter waren umsonst. Nix zum Futtern. Er wollte den Schülern demonstrieren, wie sie nachher auf dem Flur mit mir arbeiten sollen. Aber trotzdem habe ich Lob erhalten, weil ich reagiert habe, mein Boss hat ausgiebig auf mein wunderschönes, schwarzes Labrador-Fell geklopft.

Also wieder zurück in die Kiste und den Kopf auf die Vorderpfoten. Ein Auge zu, ein Auge auf. Immer schön wachsam bleiben und gucken, was in der Zimmermitte zwischen Schülern und Lehrer passiert. Die besprechen heute mit Gebärden und Lautsprache was total Aufregendes. Das höre ich nicht nur, das merke ich auch an ihren Körperhaltungen. Irgendwie sind die angespannter als sonst. Da muss ich doch gerade mal kurz in meinen neongrünen Ball beißen. Oder doch lieber in den Holzstab, der mit in meiner Kiste liegt?

Ihr wollt wissen, was ich hier in der Schule mache? Wuff! Das erzähle ich gerne: Vor über zwei Jahren, als ich gerade 14 Wochen alt war, bin ich zu Marc gekommen. Seither bin ich Therapiebegleithund und unterstütze und entlaste mein Herrchen in seinem pädagogischen Tun.  „Tiergestützte Unterrichtsarbeit“ nennt sich das.

Manche Schüler kuscheln richtig gerne mit mir. Kann ich gut verstehen, ich bin ja auch zum Knuddeln. Mein Fell ist weich und ich liebe Kinder über alles. Außerdem bewerte ich Niemanden und abgesehen davon, dass ich nach Fürsorge, Liebe und Pflichtbewusstsein verlange, fordere ich auch nichts. Wenn ein Schüler mit mir kuschelt, kann es sein, dass er danach lange nicht mehr so viel Stress mit seinen Lehrern hat. Marc nennt das dann: „Der Junge ist an seine emotionalen Wurzeln zurückgekehrt.“ So ganz kapiere ich das ja nicht. Aber dass Kuscheln der Seele gut tut, das ist für mich so klar wie Hundespucke.

Natürlich geht’s nicht nur um Kuscheln. Mein ganzes Leben wird in die Unterrichtsstunden mit eingebaut – ob in Deutsch, Werken oder Rechnen. Sogar meine Schwangerschaft im vergangenen Jahr! Hund, war das der Knochen! Mit selbstgeschriebenen Texten, Fotos und Symbolbildern haben die Schüler in der Mühlezeitung veröffentlicht, was passieren kann, wenn eine Hundedame wie ich einen Freund hat. Und zuvor haben die in Mathe auch noch einen Läufigkeitsplan für mich errechnet, damit ja alles mit dem Nachwuchs klappt.

Sekunde – ich muss gerade mal über den Kistenrand schauen, dort draußen passiert wieder was. Hei, jetzt wird’s spannend! Nun kommt Teil drei der heutigen Unterrichtseinheit. Dazu muss ich noch kurz was bellen: Im Juni wird in Wilhelmsdorf ein großes Zirkuszelt aufgestellt, weil das Unified Volleyball-Turnier stattfindet. Welpe, Welpe, 500 Leute sollen angeblich in dieses Zelt passen. Und mein Sohn Rocco und ich mittendrin – wir dürfen eine Zirkusnummer aufführen! Dabei sollen uns die Jungs der Klasse O10 mit Gebärden- und Zeichensprache Befehle erteilen. Und genau diese Befehle haben die Schüler und Marc vorhin gesammelt. Im Kreis sind sie gesessen und jeder durfte etwas vorschlagen, so wie er konnte: mit Stimme, mit Gebärden, mit Körpersprache. Acht Befehle stehen nun an der Tafel, Marc hat die dort hin geschrieben.

Hundisch, ich hätte schwören können, dass wir jetzt alle in den Flur übersiedeln. Stattdessen setzt sich mein ganzes Rudel im Halbkreis um den PC herum. Was machen die denn? Ach so, Gebärdenfotos für die Zirkusbefehle heraussuchen. Klar, die brauchen wir, um nachher draußen auf dem Flur zu üben: Juhuuuhh, Bewegung! Aber acht Gebärdenfotos heraussuchen, das dauert. Wenn ich das als Hund richtig verstehe, geht’s dabei immer um knochigen Unterricht. Gähn, hoffentlich dauert das mit dem Suchen nicht zu lange. Da fällt mir ein, dass ich schon wieder Hunger habe. Schnupper, schnupper – nix Fressbares in Sicht – blöde Diät, wer hat so was bloß erfunden?! Besser ich lenke mich ab und blinzle mal auf den Monitor, vor dem alle sitzen: Oh, eine Blondine! – sie zeigt mit dem Zeigefinger nach unten. Soll das etwas der Befehl „Platz“ sein, den Rocco und ich nachher auf dem Flur ausführen sollen? Na Jungs, damit wir das wirklich machen, muss in der Praxis aber noch ein bisschen mehr rüberwachsen als diese Gebärde. Aber gut, warten wir mal ab. Marcs Zeigestock wandert gerade zum Buchstaben P des Fingeralphabets an der Wand über dem Monitor. Und einer meiner Schüler-Freunde tippt jetzt was in die Tastatur. Wetten, dass neben der Blondine in Kürze das Wort Platz steht?

Rüde, wird’s mir langweilig. Aber ich bin mir hundischprozentig sicher, dass es gleich raus auf den Flur geht. Freu mich voll drauf: Lehrerin spielen und mit den Schülern Befehle ausführen üben. Da passiert immer ganz schön viel an Kommunikation. Denn die Schüler müssen sich beim Befehle erteilen wirklich genau ausdrücken, damit ich sie verstehe und ihnen auch gehorchen kann. Und wenn wir dann fertig sind, dann folgt Vergnügen pur: Draußen in der Natur mit meinem Rocco und den Jungs zehn Minuten springen, tollen, toben und ganz Hund sein. Das wird super. Weil heute schneit es ohne Ende! Wuff!

Von Katharina Stohr.