Ein ganz und gar ungewöhnlicher Künstler

Er ist hör- und sprachlos, hat auch sonst einige Handicaps und musste aufgrund seiner Behinderung im Laufe seines Lebens vieles erleben. Die zielgerschen sind seit seinem neunten Lebensjahr seine Heimat geworden. Am 20. August konnte Karl Gindele seinen 70. Geburtstag feiern. Die Malerei bleibt seine Liebe und Leidenschaft.
Ein Porträt.
■ Karl Gindele zu begegnen heißt, sich zu öffnen und auf das Gegenüber einzulassen in einer Weise, wie man es nicht erwartet hat. Man trifft auf einen Mann, der aufgrund seiner geistigen Behinderung im Laufe seines Lebens Vieles erleben musste. Einen Mann, der mit sich im Reinen ist und seinen Weg gefunden hat. Malen, das ist für ihn mehr als Talent und Leidenschaft. Malen und Karl Gindele – das ist eins, das gehört zusammen. Nicht umsonst erfuhren seine Werke unzählige überregionale Anerkennungen, wie etwa den mehrfachen »Bundes-Kunstpreis für Menschen mit einer Behinderung«.

Wenn sich jeden zweiten Samstag die Malwerkstatt der Behindertenhilfe für ihn und andere öffnet, wenn er sein Malwerkzeug in die Hand nimmt, dann ist Feiertag. Ein Feiertag, an dem fleißig gearbeitet und der Kreativität freien Lauf gelassen wird. Papier, Leinwand oder Holztafel, Acryl, Kreide, Kohle, Graphit oder Bleistift – vieles ist möglich. In jedem Fall entstehen Bilder, die ihre sinnliche Wirkung auf den Betrachter nicht verfehlen.

Am 20. August konnte Karl Gindele seinen 70. Geburtstag feiern. Er ist hör- und sprachlos und hat auch sonst einige Handicaps. Aber er ist eine Persönlichkeit. Die Zieglerschen sind seit seinem neunten Lebensjahr seine Heimat geworden. Heute lebt er mit neun anderen Senioren in einer gemeinsamen Wohngruppe. Amadeo Fehrer ist nicht nur seine Bezugsperson, sondern auch Freund und Kumpel. Wenn Amadeo sagt, dass es Zeit wäre für eine Rasur oder für frische Klamotten, dann klappt das – wenn die gleiche Aufforderung von Frauen kommt, eher nicht. »Karl ist im positiven Sinn ein durchaus eigensinniger Mensch, der auch mal stur sein kann. Wenn ihm etwas nicht passt, dann regt er sich so richtig auf«, erzählt der Betreuer. »Insofern unterscheidet er sich von vielen anderen Künstlern eigentlich recht wenig.« Wenn ihn etwas interessiert, dann ist er hellwach. Kunstausstellungen besucht er zum Beispiel ausgesprochen gern. Und weil bei solchen Anlässen die Menschen in der Regel »feiner« als im Alltag angezogen sind, hat sich also auch Karl Gindele einen Anzug und einen Schlips besorgt. Nebensächlichkeiten? Gewiss nicht. Eher ein weiteres Indiz dafür, welchen immensen Stellenwert die Malerei für ihn hat.

Karls emotionale Regungen sind minimalistisch. Was nicht heißt, dass er bei urkomischen Situationen nicht mal laut und herzlich loslachen kann. Früher teilte er sein Zimmer mit seinem besten Freund Helmut. Jetzt hat er seine eigenen vier Wände. An seiner Freundschaft mit seinem »Blutsbruder« hat das freilich nichts geändert. Für Schildmützen, die ordentlich an der Wand seines Bettes hängen, hat er ein Faible. Auch leere Rollen von Toilettenpapier werden gesammelt – Akkuratesse und Ordnung sind in jedem Fall angesagt. Eine Leibund Magenspeise gibt’s eigentlich nicht. Aber das Frühstück, das wird zum morgendlichen Ritual. Karl Gindele liebt Honig – egal, wenn’s da hinterher immer was aufzuwischen gilt. Auch wenn es feinmotorische Probleme gibt, Karl legt Wert darauf, alles wieder selbst sauber zu machen. Für seinen Fleiß und seine Zuverlässigkeit war er auch bekannt, als er noch zur Arbeit in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Wilhelmsdorf ging. »Technisches Verständnis ist ganz klar bei ihm vorhanden«, weiß Amadeo Fehrer, der mit Karl einen großen Lego-Bagger, den er zu Weihnachten bekommen hat, zusammengebaut hat. Lange Spaziergänge sind nicht so sein Ding. Menschen, den Verkehr und die Autos zu beobachten schon. Vor allem Rettungswagen haben es ihm angetan. Auch wenn er es nicht zu artikulieren oder zu gestikulieren vermag – zum Kreuz hat er eine besondere Affinität. In seinen Bildern taucht es immer wieder unvermutet auf. So hat er während einer Freizeit in einem schlossähnlichen Gebäude das hohe Eingangstor gemalt. Den Rest des Schlosses nicht. Dafür aber ein Kreuz und eine Figur. Warum? Diese Frage kann er nicht beantworten. Warum auch. Künstler sind eben Künstler. Und dennoch erklärt Karl Gindele. Mit seinen Augen, seiner Mimik, seinem Blick.

Es ist wieder Samstag geworden. Der Tag war wie immer heiß ersehnt. Der Weg zur Malwerkstatt wird zielstrebig in Angriff genommen. Abkürzen kommt trotzdem nicht in Frage. Die Straßen nur an sicheren Stellen überschreiten, die Fußgängerampel nutzen – vorbildliches Verhalten, trotz des Dranges, endlich wieder zu malen. Ordentlich die Jacke aufhängen, den eigenen Malerkoffer mit allen Utensilien in die Hand nehmen, akkurat am eigenen Platz auspacken. Farben, Pinsel, Tuch, Wasser – alles, was man so braucht – bereitlegen. Karls Augen strahlen, als Silke Leopold den Schlüssel bringt.

Gibt es etwas Schöneres, als sich eine Leinwand und damit auch das Malformat aussuchen zu dürfen? Große Flächen sollen es sein, so Karls Entscheidung für heute. Tremor und motorische Defizite sind kein Hinderungsgrund, alles routiniert im Griff zu haben. Kann es sein, dass Karl Gindele eine gewisse Aufmerksamkeit genießt? Später, beim künstlerischen Schaffen, nimmt er das Drumherum nicht mehr wirklich wahr. Das Bild entsteht. Das kann dauern, manchmal viele Stunden. So lange eben, bis der Künstler zufrieden ist. Dann noch ein paar abschließende Striche – und gut. Gut auch, dass der übernächste Samstag gar nicht mehr so weit entfernt ist.

Von Brigitte Geiselhart