Sahnetorte war nichts für mich

Wunschkind, Erstgeborene, Sonnenschein. Julia Jehle, von Geburt an schwerhörig, hatte eine schöne Kindheit. Sagt sie. Ihr Leben erzählt sie nie als Leidensgeschichte. Die 30-jährige wusste sich immer zu helfen und hilft heute anderen. Ausgerechnet an ihrer alten Schule, am Hör-Sprachzentrum in Altshausen.

Ein Porträt.
■ Vor 30 Jahren wurde sie geboren. Die kleine Julia, das erste Kind der Familie Jehle, ein Wunschkind. Gesund und munter, die Welt war in Ordnung – bis ihrer Mutter irgendwann auffiel, dass mit Julias Gehör etwas nicht stimmt. Sie suchte Rat. Sie fand Ärzte, die bei Julia eine geistige Retardierung diagnostizierten. Und erst der Frauenarzt von Julias Mutter war es, der sie ermutigte, mit der Tochter eine Hals-Nasen-Ohren-Klinik aufzusuchen. Als Julia drei war, hatte die Mutter den Beweis für ihr Gefühl. Die Diagnose war da: Ihre kleine Tochter ist auf beiden Ohren schwerhörig und benötigt Hörgeräte.

Zu diesem Zeitpunkt kamen Julia Jehle und ihre Eltern erstmals mit dem Hör-Sprachzentrum Altshausen in Kontakt. Schon damals machte das Hör-Sprachzentrum ambulante Angebote, schon damals kamen die Spezialisten mit der Hilfe zu den Betroffenen und nicht umgekehrt: Julia bekam bei Hausbesuchen intensive Hör- und Sprachförderung. Sie erinnert sich noch gut, wie sie mit Unterstützung eines Kassettenrekorders Memory gespielt hat und so neue Wörter lernen konnte.

Weitere Stationen ihres Weges waren der Schulkindergarten und die Grundschule der Schwerhörigenschule Altshausen, wie sie damals noch hieß. Trotz der frühen Trennung von der vertrauten Umgebung beschreibt Julia Jehle ihre Kindheit als schön. Zusammen mit ihren zwei kleineren Brüdern ist sie auf dem elterlichen Schlenkerhof bei Ravensburg aufgewachsen, in dem schon seit mehreren Generationen Fruchtsäfte hergestellt werden.

Im Alter von 10 Jahren musste Julia Jehle in ihrer bis dahin guten Hörentwicklung einen schweren Rückschlag hinnehmen. Innerhalb von sechs Wochen erlitt sie zwei Hörstürze. Plötzlich war die Verbindung zu ihrer hörenden Umgebung abgerissen. Nicht nur in dieser schweren Zeit hatte  sie stets Rückhalt durch ihre Familie. So half ihr zum Beispiel einer der Brüder, indem er die Kindersendungen im Fernsehen zu dolmetschen begann.

Sich einfach abzufinden – das war nie Sache von Julia Jehle. Sie lernte, wie es viele Gehörlose schon in früheren Jahren getan haben, das Lippenabsehen. So konnte sie weiterhin am Unterricht teilnehmen und in die Hauptschulstufe wechseln. Ihre lange Schulzeit in Altshausen beendete sie als Absolventin des ersten Realschuljahrganges, anschließend schnupperte sie nur für kurze Zeit im Berufsfeld der Konditorin: Sahnetorten und Pralinen herzustellen war dann doch nicht ihr Traumberuf. Sie wollte schon damals eher „etwas mit Menschen machen“ und interessierte sich für ein Studium im sozialen Bereich. Sie verließ wieder das vertraute Umfeld des Schlenkerhofes und besuchte zwei Jahre lang
eine Fachoberschule in München. In dieser Zeit unterzog sich Julia Jehle einer Cochlear Implantat (CI) Operation.

Bei diesem Eingriff wird ein Elektrodenträger in das Innenohr eingesetzt. Die Elektroden ersetzen die beschädigten Haarsinneszellen und stimulieren den Hörnerv direkt. Hinter dem Ohr sitzt ein Sprachprozessor, der den Sprachschall in Signale umwandelt und wieder an das Implantat sendet. Die ersten Erfahrungen mit dem „neuen Innenohr“ waren enttäuschend. Sie hatte gehofft, dass sie mit dem CI sofort gut hören würde. Statt klarer und verständlicher Sprache nahm sie jedoch die Stimmen in ihrer Umgebung wie „Morsezeichen“ wahr. Dutzende Besuche beim „Techniker“ waren notwendig, ehe der Sprachprozessor in vielen kleinen Schritten so programmiert war, dass Julia Jehle Sprache und Geräusche in einer für sie angenehmen Weise hören konnte.

Ganz zielstrebig ging dann das Leben von Julia Jehle weiter. Mit der Fachhochschulreife konnte sie an der FH Weingarten in ihrem Wunschbereich Sozialarbeit studieren. Sie beschreibt sich selbst als eine Exotin unter all ihren hörenden Kommilitonen. Aber auch im Studium wusste sie sich zu helfen. Mit einer „Mikroportanlage“, bei der die Dozenten das Mikrofon trugen und sie einen Empfänger, konnte sie den Vorlesungen gut folgen.

Julia Jehle erzählt ihr Leben nie als Leidensgeschichte. Sie ordnet es nicht der eigenen Schwerhörigkeit unter – sie stellt sich ihrem hörenden Lebensumfeld, auch wenn sie für den Erfolg hart arbeiten muss. Ihr Schwerbehindertenausweis, der ihr eine 100-prozentige Einschränkung bescheinigt, war nie „wirklich wichtig“.

Doch nach dem Studium stellte sich der berufliche Erfolg nicht so ein, wie Julia Jehle sich das gewünscht hatte. Sie schrieb unzählige Bewerbungen – ohne Erfolg. Bis eine dieser Bewerbungen auf dem Tisch von Karl Wollmann landete, der damals Fachlicher Geschäftsführer des Hör-Sprachzentrums war. Es schien zunächst, als werde auch aus dieser Anfrage nichts.

Doch dann erinnerte sich Wollmann an die Bewerberin und ehemalige Schülerin: Im Hör-Sprachzentrum Altshausen, ihrer eigenen ehemaligen Schule, entstand im Sommer 2006 etwas ganz Neues, möglich nur dank des Engagements der vielen Spenderinnen und Spender der Zieglerschen Anstalten: in den Sommerferien wurden Kinder zu kostenlosen Freizeiten eingeladen. Das Hör-Sprachzentrum Altshausen, dessen Gebäude von viel Grün umgeben sind, war der ideale Standort. Es kamen viele, viele Kinder aus der Region, deren Familien sich den „klassischen“ Sommerurlaub mit Hotel, Strand, Meer und zwei Kugeln Eis am Tag für die Kinder einfach nicht leisten konnten.

Karl Wollmann engagierte Julia Jehle als Projektleiterin für diese Ferienbetreuung. Sein Angebot kam sofort an. Genau hier, in der Organisation, im sozialen Bereich, sah und sieht Julia ihre Stärken. Sie übernimmt gerne Verantwortung, sie sieht sich selbst als Sozialmanagerin – und sie hat Erfolg. So sehr, dass die Ferienmaßnahme in Altshausen in diesem Jahr schon zum dritten Mal stattfinden wird. Und Julia Jehle ist wieder mit dabei. Natürlich.

Von Jens Walther