»Sie zu haben ist ein Geschenk!«

Sie ist die Frau fürs Backen, Klavierspielen, Trost spenden, für Finanzen und Feste. Und sie ist 2. Vorsitzende im Förderverein des Gemeindepflegehauses Härten Kusterdingen e.V. Ingrid Werner, 47, vereint gleich mehrere Ehrenämter in einer Person. Darüber hinaus arbeitet sie nebenberuflich als Pflegefachkraft.
Ein Porträt.
Ingrid Werner sitzt im Gemeindepflegehaus Härten in Kusterdingen, in der großen Cafeteria. Gerade sind einige Bewohner vom Kaffee-Tisch aufgestanden und gegangen. Einen der Tische hatte Ingrid Werner zuvor noch frisch eingedeckt. Weißes Geschirr mit breiten Rändern in Orange, passende Servietten, Wassergläser. Es wirkt, als sei sie hier zu Hause, als sei die Cafeteria ihr Wohnzimmer.

»Den Kuchen habe ich heute morgen spontan gebacken und mitgebracht«, sagt sie und schmunzelt. Schließlich schmecke selbst gebackener Kuchen am besten. Die Bewohnerinnen und Bewohner im Gemeindepflegehaus Härten danken es ihr. Ihre kleinen Apfelbrote und die Florentiner, die sie in »Eigenregie« und in »Fließbandarbeit« für den Weihnachtsmarkt in Kusterdingen bäckt, sind in der Gemeinde heiß begehrt. Weitere 40 große Apfelbrote werden von einem festen Stamm von Ehrenamtlichen beigesteuert. Ingrid Werner unterstützt aber auch dies, indem sie Aluschalen, Verpackungsmaterial und das Rezept in mehrfacher Ausfertigung im Gemeindepflegehaus frei zugänglich deponiert. »Ich arbeite viel im Hintergrund«, umschreibt sie diese Tätigkeiten. Zur »Hintergrundarbeit« gehört für sie auch ihre Arbeit als 2. Vorsitzende des Fördervereins des Gemeindepflegehauses Härten Kusterdingen e.V.

Die gelernte Altenpflegerin ist ein Multitalent. Gerade macht sie am Diakonischen Institut in Reutlingen eine Ausbildung zur Fachwirtin für Organisation und Führung im Sozialwesen. Ihre Facharbeit schreibt sie zum Thema Ehrenamt. Für die Zukunft denkt sie über eine Schulung in Palliative Care nach, einem ganzheitlichen Ansatz zur Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase. Der Hospizgruppe Kusterdingen gehört sie bereits seit zehn Jahren an und ist Ansprechpartnerin für alle, die deren Dienste in Anspruch nehmen oder Mitglied werden wollen. Aber  es ist nicht so leicht, Neue für eine Mitarbeit zu motivieren. Die Aufrufe in den Gemeindeblättern hätten kaum Resonanz. »Man muss die Menschen persönlich ansprechen, das ist eigentlich der einzige Weg.« Obwohl die Hospizgruppe die ganze Gemeinde betreut, führen die meisten Begleitungen sie doch wieder ins Gemeindepflegehaus. »Die Struktur hier ist vielleicht doch noch zu dörflich«, die Menschen täten sich schwer, Hilfe von außen in die privaten Räume zu lassen.

»Stören wir?« Zwei Senioren und der Bürgermeister von Kusterdingen, Dr. Jürgen Soltau, betreten die Cafeteria. Er kommt zum Geburtstagsbesuch. »Nein, gar nicht«, entgegnet Ingrid Werner, begrüßt den Bürgermeister und die beiden Senioren, scherzt kurz mit ihnen und nimmt ihre Erzählung wieder auf. 1990 ist sie mit ihrem Mann nach Kusterdingen gezogen. Bereits 1993 tritt sie dem neu gegründeten Förderverein bei. Ihr Engagement im Gemeindepflegehaus Härten beginnt im Jahr 2000. Da bot sie Gedächtnistraining an. Im Jahr 2002 sucht der Förderverein einen neuen Vorstand. »Das wär doch was für dich – mach das doch«, wird sie direkt angesprochen. Und da hat sie es gemacht. Seitdem ist sie alle acht Wochen auf Vorstandssitzung und entscheidet mit über Finanzielles, plant die jährliche Dankeschön-Aktion für Ehrenamtliche, das Jahresfest im September, den Weihnachtsmarkt und immer wieder spielt sie auch Klavier bei den Andachten samstags. »Manchmal ist es leichter, selbst zu spielen, als jemanden zu organisieren«, erzählt sie. Ein Angebot, dass ihr besonders wichtig ist, sind die »Clowns im Dienst« aus Tübingen, die seit fünf Jahren zweimal im Monat ins Gemeindepflegehaus Härten kommen.

Dieses Angebot hat sie aus der Taufe gehoben. »Die Clowns habe ich erstmal zusammen mit einer Bekannten aus dem erweiterten Vorstandskreis angeschaut, um sicherzugehen.« Danach hat sie den damaligen Hausleiter überzeugt und schließlich den Förderverein. Die Finanzierung ist mittlerweile angesichts schwindender Mitgliedszahlen nicht so einfach. Im Moment hat der Förderverein 156 Mitglieder, die 20 bis 60 Euro Jahresbeitrag zahlen. Doch jedes Jahr werden es weniger. Viele Mitglieder seien über 80 Jahre alt, »man kann fast sagen, die Mitglieder sterben aus« und Neue kämen kaum nach, erklärt sie. Eine Mitglieder-Werbe-Aktion habe sie schon »aktuell im Kopf«. Sie würde sich wünschen, dass jeder Angehörige in den Förderverein eintritt.

Ihr ist wichtig, dass alle zufrieden sind. Wenn es Verbesserungsvorschläge gibt, trägt sie zu einer schnellen Umsetzung bei. Die Clowns zum Beispiel besprechen sich mittlerweile vor ihrem Einsatz mit den Pflegekräften. »Dadurch können sie die Bewohner noch besser da abholen, wo diese stehen.« Das ist Hausleiterin Christine Wagels sehr wichtig. »Frau Werner ist ein Geschenk. Sie ist flexibel, schnell greifbar und wenn wir uns was wünschen, ermutigt sie uns, einen Antrag beim Förderverein zu stellen«, sagt Christine Wagels. »Und wenn es mal schnell gehen muss, dann sorgt Frau Werner auch dafür.« Wie zum Beispiel bei dem Geschirr mit orangefarbenem Rand für die Cafeteria. Das ist nicht irgendein Geschirr, sondern speziell für Senioren und demenziell erkrankte Menschen geeignet. Durch die Farben hebt es sich von der Tischdecke ab, gibt Struktur und die Farbe wirkt stimulierend, vermittelt gute Laune. So, dass man sich wohlfühlt, wie zu Hause eben.

Von Nicola Philipp