»Äußern statt anklagen«

Im Alter von vier Jahren begann Inges Leben als Heimkind. 1962 war das, im damaligen ev. Waisenhausverein Siloah in Eglofstal. Heute arbeitet sie ihr Leben auf. Bedächtig sucht die zierliche 52-jährige nach Worten und gibt diese mit entschiedener Stimme preis. »Sie haben mir viel genommen – aber das Leben, meine Seele, meine Lebensfreude, das liegt in meiner Verantwortung. Das lasse ich mir von niemandem nehmen.« Und nach einer kleinen Pause nochmals: »Meine Seele konnte mir niemand nehmen.«
Das Porträt.
■ Die, die genommen haben? Vier Jahre alt war Inge G., als die Polizei im Jahr 1962 vor der elterlichen Haustür stand und sie und ihre drei Schwestern abholte. »Mein Vater war Alkoholiker und meine Mutter wurde als debil eingestuft. Wir Kinder sind offiziell wegen Verwahrlosung ins Heim gekommen.« Gewalt durch den Vater hat zudem in allen Facetten eine große Rolle gespielt. Dies sei allerdings nicht in den Akten gestanden, die sie jüngst eingesehen hat.

Die Akteneinsicht und Aufarbeitung ihrer Geschichte waren denn auch der Grund, weshalb ihr Weg zur Jugendhilfe der Zieglerschen geführt hatte. Denn sie und zwei ihrer Schwestern fanden bis 1964 in Eglofstal, im damaligen Kinderheim des Ev. Waisenhausvereins Siloah, eine neue Bleibe. »Ich erinnere mich an Schlafsäle, an Marmeladenbrot am Nachmittag und auch an Spaziergänge. Und dass ich mich sehr einsam gefühlt habe.« Sie erinnert sich auch, dass sie weiterhin Gewalt in jeglicher Form kennenlernte – bis sie 16 war.

Zu brodeln begannen die Erlebnisse in ihr erst Mitte der 80er Jahre. Damals deckte sie in ihrem Beruf als Erzieherin in einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen einen sexuellen Missbrauch bei einem fünfjährigen Mädchen auf. Das Mädchen kam danach ins Heim. »Da fing es an, dass es sich bei mir vermischt hatte. Ich wusste plötzlich nicht mehr: was kommt von ihr, was kommt von mir?«

Einen ähnlichen Verlauf wie der ihres Schützlings hat sie bei sich selbst kennengelernt. Ihr zurückblickend lebensrettender Trotz und starker Wille sowie ihr auffälliges Verhalten seien bei ihr im selben Alter als mögliche geistige Behinderung eingestuft worden. Doch statt der deswegen vorgesehenen Verlegung nach Mariaberg habe sie nach zwei Jahren Siloah in eine stationäre Jugendhilfeeinrichtung gewechselt. Von dieser aus besuchte sie sogar eine Realschule.

»Ich habe Anfang der 90er Jahre mit Therapien begonnen«, erzählt sie. Starke körperliche Erkrankungen folgten, so dass sie im Jahr 2009 in eine Traumaklinik zur Reha kam. »Seither arbeite ich offensiv und intensiv mit meiner eigenen Geschichte.« In Misskredit bringen will sie damit allerdings niemanden. »Ich möchte mich äußern. Ich möchte sagen: So war es.« Sie will auch niemanden bestrafen oder bestraft wissen. »Was ich für mich möchte, ist Heilung«, sagt sie.

Trauer und Wehmut kommen erst seit kurzem in Inge G. hoch: »Es ist dieses Gefühl von einem ganz großen Verlust – nie zu wissen: Wie fühlt sich eine behütete und liebevolle Kindheit an? Und zu wissen, dass dies nie wieder herzuholen ist.« Umso wichtiger ist es für sie, ihr Leben jetzt zu gestalten. Der Schritt zur Akteneinsicht gehörte dazu. Sie erhoffte sich dadurch Hintergründe und Daten, von denen sie noch nichts wusste und die als Mosaikstücke ihre Biografie vervollständigen sollten. Eine große Scheu war mit diesem Schritt verbunden. »Ich wollte dies schon ganz lange, aber ich habe mich nicht getraut.« Mit Herzklopfen hat sie dann die Telefon-Nummer der Jugendhilfe gewählt und anschließend das Kinder- und Jugenddorf Siloah in Isny besucht. Einige Zeit später hält sie einen Briefumschlag mit Kopien aus der Siloah-Zeit in ihren Händen. »Als ich ihn öffnete, dachte ich: Hier liegt ein Teil von meinem Leben, hier steht es drin.« Aber auch Ärger habe sie kurz dabei empfunden: »Warum liegt dieser Teil meines Lebens hier und weshalb ist er nicht bei mir? Das ist doch mein Leben!«

Durch den Inhalt der Akten hat sie vieles über ihre Familie erfahren – und auch über den Umgang der Behörden »mit Familien aus sozial schlechtem Milieu«, wie sie sagt. »Als ich diese Akten von mir las, da hatte ich zuerst ein Bild von mir mit einer Schublade, auf der drauf steht: ›assozial und da bleibst du jetzt drin.‹« Brutal findet sie das und nimmt es gleichzeitig als Aufforderung für uns alle wahr: »Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, mit welcher Verantwortung wir mit unseren Kindern umgehen – egal ob es eigene oder fremde sind.« Inge G. arbeitet mittlerweile als Heilpädagogin und ruft sich immer wieder ins Gedächtnis: »Das, was ich über diesen Menschen hier in diese Akte schreibe, steht da vielleicht noch in 50 Jahren.« Aber nicht nur in diesem Punkt sieht sie ihre Erlebnisse als Vorteil. »Weil ich diese Geschichte hatte, kann ich die Arbeit, die ich jetzt mache, richtig gut machen und ich glaube sogar besser, als mancher andere.«

Unterkriegen lassen? Das ist für Inge G. ein Fremdwort. Stattdessen schaut sie nach vorne. Versöhnt sein will sie – mit ihren Erlebnissen, mit sich selbst und mit anderen. »Das ist ein Prozess und ein Kreislauf«, sagt sie. Geholfen hat ihr schon immer der starke Überlebenswille, aber auch der Kontakt zu ihren Schwestern, die für sie immer Grund waren, weiterzumachen. Erst später, als Erwachsene, hat sie sich auf die Sinnsuche gemacht und dabei ihre eigene Spiritualität gefunden. »Wichtig ist zu wissen, dass alles einen Sinn hat«, sagt sie und findet rückblickend, dass ihr Leben immer besser wird. Und erwartungsvoll schaut sie auf ihre weitere Entwicklung: »Ich bin ganz gespannt darauf, wie ich gedacht bin. Das werde ich erfahren, wenn ich am Ziel meines Weges angekommen bin.«

Von Katharina Stohr