Zurückgeben, was ich erfahren habe

Engagiert aus Dankbarkeit: Hans Ocker, Erfolg im Beruf, Riesenverantwortung, hielt dem Druck nicht mehr Stand. Ist "in die Trinkerei" reingekommen, lag mit 40 "am Boden" und kam dann in die Suchtklinik auf dem Ringgenhof. Hans Ocker fand ins Leben zurück und seither ist kein Tag vergangen, an dem er dafür nicht dankbar war. Das war der Anlass für ein außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement.

Ein Porträt.
Natürlich war Hans Ocker dabei. Wie immer seit 40 Jahren saß er am Tag vor unserem Gespräch auf der Haupttribüne des Daimler-Stadions in Stuttgart, als sich der VfB mit zwei späten Treffern zu einem schmeichelhaften Sieg gegen den dominierenden HSV rettete. „Wie immer“ stimmt nicht ganz. Hans Ocker hat zwar seit 40 Jahren eine Dauerkarte, aber ein paar Heimspiele seines VfB hat er verpasst. Damals, als sich sein Leben in sechs Monaten geändert hat. Damals, als er auf dem Ringgenhof war.

Sein VfB und er waren auf Talfahrt. Der VfB war 1975 aus der Bundesliga abgestiegen. Es konnte nur noch aufwärts gehen. Für Hans Ocker auch. Und es ging aufwärts. 1977, als er auf dem Ringgenhof war, stieg der VfB unter Trainer Jürgen Sundermann wieder in die Bundesliga auf. Er ist seither nie wieder abgestiegen. Hans Ocker fand ins Leben zurück und hat seit dem 4. Mai 1977 nie wieder einen Schluck Alkohol getrunken und auch nicht mehr geraucht. Der 4. Mai war sein erster Therapietag auf dem Ringgenhof.

Aber in den 70er Jahren, da „lag er am Boden“. Anfang 40 war er und kurz davor, alles wegzuwerfen, was er sich erarbeitet und geschenkt bekommen hatte in seinem Leben. Industriekaufmann hatte der gebürtige Bonländer gelernt und war in jungen Jahren schnell aufgestiegen. Mit 29 Jahren stand er kurz vor der Prokura bei seiner großen Baufirma. Viel Arbeit, riesige Verantwortung, genug Geld, ein eigener Dienstwagen: diese Karriere war in dem kleinen Filderdorf, aus dem Hans Ocker stammt, nicht alltäglich. Doch da ist er eben auch „ganz stark in die Trinkerei reingekommen“: Er hat Druck gekriegt von seiner  Firma. Und den Job hingeschmissen. Er hat Druck gekriegt von seiner Frau und beinahe die Scheidung riskiert. Wie dominant der Alkohol für ihn war, beschreibt er so: „Wenn am Sonntagmorgen mein Haus gebrannt hätte, wäre ich erst zum Frühschoppen gegangen und hätte dann die Feuerwehr gerufen“.

Doch auf dem Ringgenhof fand die Kehrtwende statt. Gleich zu Anfang wollte er die Therapie abbrechen. Nicht wegen der Entzugserscheinungen. Sondern weil die Schuldgefühle vor allem gegenüber seiner Frau und seiner Tochter so stark waren. Hans Ocker fing an zu beten. Er, der nicht gerade zu den aktiven Christen gehört hatte, „bekam Antwort“. „Die Schuldgefühle blieben noch lange, aber ich konnte sie besser ertragen. Ich wusste, jetzt ist Jesus am Werk“. Hans Ocker hat seither nicht mehr aufgehört zu beten und zu danken. Und er hat nicht mehr aufgehört, das zurückzugeben, was er erfahren hat seit seiner Zeit im Ringgenhof. Das ist der Ausgangspunkt für sein ungewöhnliches, jahrzehntelanges, ehrenamtliches Engagement.

Der Glaube, davon ist Hans Ocker heute noch überzeugt, hat ihm geholfen, vom Alkohol wegzukommen. Die Therapie hat ihm geholfen – und andere Menschen waren auch nicht unbeteiligt. Seine Frau Maria zuerst. Sie ging mit ihm zusammen in eine Selbsthilfegruppe der Freundeskreise. Sie ging weiter in die Selbsthilfegruppe als ihr Mann im Ringgenhof war. Sie ließ sich zur ehrenamtlichen Suchtkrankenhelferin ausbilden. Sie hat
sein ehrenamtliches Engagement immer mitgetragen. Der Kampf gegen die Sucht war eine gemeinsame Lebensaufgabe.

Anfangs war Hans Ockers Engagement etwas stürmisch, wie er einräumt. Er kam als neuer Mensch mit neuen Zielen und Aufgaben vom Ringgenhof zurück: „Ich wollte ganz Bonlanden trockenlegen. Ich wollte, dass keiner mehr trinkt“. Er hat jedem gesagt, egal, ob der es hören wollte oder nicht, welche Veränderung mit ihm vorgegangen war. Er ging sofort zum Pfarrer, um das Abendmahl mit Traubensaft durchzusetzen: „Sonst hätte man auf die Leute, die zum Traubensaft-Abendmahl gehen, mit dem Finger gezeigt: Aha, das sind die Alkoholiker.“ Hans Ocker orientierte sich beruflich neu, hielt mit seiner Sucht nie hinterm Berg und begann ein zweites, wieder erfolgreiches, aber suchtfreies Berufsleben.

1982 gründete er in seinem Heimatort eine Freundeskreis-Gruppe, die er auch leitete, sieben Jahre lang. Ocker machte Hausbesuche und half mit seiner Frau, wo er nur konnte. Vermittelte Leidensgenossen in den Ringgenhof und den Höchsten. „Viele sind damals trocken geworden“, freut er sich noch heute. Es war eine sehr aufwändige Arbeit. 1989 kam der Anruf, ob er nicht in den Vorstand des Förderkreises der Fachkrankenhäuser kommen wolle. Er musste seine Selbsthilfegruppe zuhause abgeben. Er stand ja noch voll im Berufsleben. Bis zum Frühjahr 2006, also 17 Jahre lang, war er Kassierer und Vorstandsmitglied im Förderkreis.

Dieser Förderkreis ist keine Selbsthilfegruppe, der „Förderkeis“ ist eine einmalige Institution. Ehemalige Patientinnen und Patienten von Höchsten und Ringgenhof bitten bei anderen Ehemaligen um Unterstützung und Spenden. So erfolgreich, dass sie zwei Kirchen gebaut haben, die Kapelle auf dem Höchsten und die „Kirche am Weg“. Millionen von Mark und Euro hat dieser Förderkreis den Fachkrankenhäusern zukommen lassen. Hans Ocker, korrekter und ideenreicher Verwalter, hat die Riesen-Summen souverän bewegt und das Vorgehen professionalisiert. Hat Finanzbuchhaltung, Spendenverwaltungs- und Adress-EDV zuhause aufgebaut. Hat den einst hermetischen Zirkel ehemaliger Patienten zu den Zieglerschen Anstalten geöffnet, Kontakt zum Vorstand gefunden.

Doch mit 73 und nach einer überstandenen Krebserkrankung dachte auch ein Hans Ocker ans Aufhören. Es war ja auch viel: In einem Jahr fuhr er 17 Mal nach Wilhelmsdorf, jedes Mal weit über 200 Kilometer. Gut 25.000 Kilometer mögen es bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit insgesamt gewesen sein. Geblieben ist Hans Ocker als Lebenserfahrung vor allem eines: die Dankbarkeit. Er hat gelernt, jeden Abend für den vergangenen Tag zu danken. Und er ist noch einen Schritt weiter gegangen: jeden Morgen dankt er für den Tag, der vor ihm liegt.

Von Christof Schrade