"Frauen sollen nicht Autofahren"

Rosi Schnitzler und Britta Schiele sind Mutter und Tochter. Zumindest seit fast einem Jahr, denn seit dieser Zeit lebt Britta (40), die die Farbe Gleb liebt und zuvor fast ihr ganzes Leben in der Haslachmühle verbrachte, bei den Schnitzlers. "Betruetes Wohnen in der Familie" heißt das Experiment, das im Fall Schnitzler-Schiele alle Beteiligten glücklich macht.

Ein Porträt.
■ Die Blumen am Fenster sind gelb, die Läufer im Badezimmer sind gelb, die Fingernägel sind gelbgold lackiert, das Armbändchen ist gelb, der Fleecepulli sowieso. Am besten ist es, wenn morgens der gelbe Bus kommt. Britta Schiele, 40, hat eine ausgeprägte Vorliebe für die Farbe gelb mit in die Familie Schnitzler gebracht. Gelb steht für die Sonne. „Die Sonne gibt Leben und Kraft“, sagt Britta oft und ist am liebsten draußen in der Natur.

Seit März 2006 lebt sie im Haus von Rosi und Hermann Schnitzler in einem Teilort von Salem im schönsten Hinterland des Bodensees. Zuvor war sie praktisch ihr ganzes Leben lang in der Haslachmühle und im Rotachheim. „Betreutes Wohnen in der Familie“ heißt die Lebensform, die Britta am ehesten zu entsprechen scheint.

Wohnassistentin Claudia Apel arbeitet bei der Behindertenhilfe gGmbH der Zieglerschen Anstalten und kümmert sich um die Betreuten, die alleine oder als Paar oder eben in einer Familie wohnen. Sie zieht nach Brittas erstem Jahr bei Familie Schnitzler eine sehr positive Bilanz. Britta hat sich weiterentwickelt, ist ein richtiges Mitglied der Familie Schnitzler geworden. Die Verbindung zur Behindertenhilfe der Zieglerschen ist dennoch nicht gekappt worden. Britta arbeitet tagsüber in den Rotach-Werkstätten in Wilhelmsdorf, morgens wird sie in Salem vom Bus abgeholt (am liebsten vom gelben) und abends wieder gebracht. Waren am Anfang noch viele Fragen zu klären, so kommt Claudia Apel, die Assistentin, nun nur noch alle vierzehn Tage auf eine Tasse Kaffee bei Familie Schnitzler vorbei. Es läuft halt einfach ganz normal. „Einfach ganz normal“ hieß eine bundesweite Kampagne zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung 2003. Hier, am Esstisch der Familie Schnitzler in Salem haben sich die mit der Kampagne verbundenen Forderung nach Normalisierung der Lebenswelten von Menschen mit Behinderung offenbar erfüllt. Britta hat den
Wechsel der Lebenswelten, von der vollstationären Wohngruppe in die Familie, „hervorragend bewältigt“. Darin sind sich Claudia Apel und Rosi und Hermann Schnitzler absolut einig.

Dass sich Britta ausgesprochen wohl fühlt, merkt man nach wenigen Minuten, am Esstisch der Familie. Da haben sich drei gefunden. Eigentlich sind es noch mehr als drei. Die Schnitzlers haben zwei erwachsene Söhne, die mittlerweile aus dem Haus sind. Aber wenn sie kommen, ist Britta begeistert und immer mitten drin. „Sie mag es halt, wenn Leute da sind, sie ist ein richtiger Familienmensch“, sagt Rosi Schnitzler. Die Schnitzlers sind richtig stolz auf „ihre“ Britta, wenn sie erzählen. Und Britta lächelt hinter vorgehaltener Hand, als Rosi Schnitzler berichtet, wie sich Brittas Sprache innerhalb dieses Jahres entwickelt hat. Zuerst hat Britta immer zugehört, wenn ihre Geschwister am Telefon waren, jetzt telefoniert sie selbst. Jetzt mischt sich Britta ins Gespräch ein und erzählt lautstark von einem Telefongespräch, das sie geführt hat. Claudia Apel und die Schnitzlers verstehen alles, der Besucher wenig. „So ist das halt, wenn man sich aneinander gewöhnt, dann versteht man sich auch“, sagen sie.

Es ist ein Geben und ein Nehmen. Britta hat sich auf die Schnitzlers eingestellt, die Schnitzlers sich auf sie. Die drei nehmen einander ernst, mögen sich, gehen aufeinander ein, und sagen einander die Meinung. Britta macht es einem da ziemlich leicht. Sie hat sehr genaue Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Frauen sollen nicht Autofahren und Männer nicht in der Küche stehen und kochen. Und wenn es doch andersrum ist? Wenn sie mit Rosi Schnitzler zum Einkaufen fährt? Ist das dann in Ordnung. Britta schüttelt zuerst den Kopf und lacht dann laut – über sich selbst und ihre strenge Rollenverteilung. „S’geht schon“, sagt sie dann und legt schnell den Arm um Rosis Schulter.

Von Christof Schrade