Ein Pionier der Gebärdensprache

Pionier der Gebärdensprache, Lehrer aus Leidenschaft. beliebter Kollege, kompetenter Experte, engagierter Mitbürger. Über Ernst Blickle, der vor 80 Jahren auf der Schwäbischen Alb zur Welt kam und schnell wusste, dass er Lehrer werden will, gibt es viel Gutes zu berichten. Doch nicht alles im Leben des langjährigen Schulleiters der Heimsonderschule Haslachmühle war erlaubt …
Das Porträt.
■ Die Nachrichten bei Phoenix. Das Vaterunser oder der Psalm vom Guten Hirten in modernen Gottesdienstformen. In Welt und Kirche hat die Kommunikation über visuelle Zeichen oder Gebärden Einzug gehalten und ist in vielen Bereichen längst akzeptiert und sogar zur Selbstverständlichkeit geworden. Doch das war nicht immer so. »Es gab Zeiten, in denen die Gebärdensprache offiziell sogar verboten war«, sagt einer, der es wissen muss. Ernst Blickle kann mit Fug und Recht als ein Pionier und Wegbereiter der Gebärdensprache für Menschen mit Hör-Sprach- und zusätzlicher geistiger Behinderung bezeichnet werden. Im Gegensatz zur »Deutschen Gebärdensprache«, die eine völlig eigene Sprache mit feiner Grammatik, sehr feinen Handbewegungen, Mimik und Gestik ist, setzt sich diese Sprache aus Einzelgebärden zusammen und wird durch die Lautsprache unterstützt. Am 17. Januar durfte der ehemalige langjährige Schulleiter der Heimsonderschule Haslachmühle seinen 80. Geburtstag feiern und auf eine Zeit zurückblicken, die in vielerlei Hinsicht prägend war.

Der Entschluss, Lehrer zu werden, reifte früh in dem jungen Mann, der auf der rauen Alb in Winterlingen in einer kleinbäuerlichen Familie zusammen mit drei Brüdern groß geworden war. Nach der Mittleren Reife in Albstadt-Ebingen folgte der Besuch des Aufbaugymnasiums in Bad Saulgau und Nagold und schließlich das Studium zum – wie es seinerzeit hieß – »Volksschullehrer« in Weingarten. Schon damals fühlte sich Ernst Blickle dem sozialen Aspekt seines Berufs verpflichtet – Kontakte nach Weißenau, Liebenau und zur Gehörlosenschule in Wilhelmsdorf ergaben sich schnell. »Im Zweiten Weltkrieg durften in der Gehörlosenschule nur noch ›bildungsfähige Gehörlose‹ aufgenommen werden, keine geistig behinderten, sogenannte Pfleglinge«, berichtet Blickle aus einem düsteren Kapitel der deutschen Geschichte. Dass der damalige Hausvater Hermann sich gegen die »Entsorgung von behinderten Menschen« gewehrt und keine Berichte weitergegeben hat, auch daran erinnert sich Ernst Blickle.

Die Antipathie gegen die Gebärdensprache war auch in Fachkreisen lange Zeit weit verbreitet, weil man glaubte, sie behindere das Erlernen der für gehörlose Kinder nur schwer wahrnehmbaren Lautsprache. Verbote waren die Regel, auch drastische Strafen in einigen Schulen keine Seltenheit. Kindern wurde beigebracht, sich für den Gebrauch von Gebärden zu schämen. Traurige Tatsachen, mit denen sich der Pädagoge Blickle nicht abfinden wollte. Doch dazu musste zunächst ein schwieriger Weg beschritten werden. Ein Zusatzstudium der Gehörlosen-, Schwerhörigen- und Sprachheilpädagogik in Heidelberg war für den jungen Lehrer unerlässlich. Weitere berufliche Stationen folgten. Im Dezember 1966 übernahm der inzwischen verheiratete Familienvater schließlich die Schulleitung der Heimsonderschule Haslachmühle. »Zusammen mit meiner lieben Kollegin Heidi Ziegler, die als Sonderschullehrerin ausgebildet war, durfte ich die Schule aufbauen. Wir haben uns ausgezeichnet ergänzt«, sagt der Jubilar dankbar. Zwei Lehrer und 16 Schüler – der bescheidene Anfang war gemacht. Als Ernst Blickle 1994 in den Ruhestand verabschiedet wurde, hatte er 45 Kollegen und 156 Schüler um sich – was für eine Entwicklung!

»Natürlich haben wir anfangs auch versucht, den mehrfach behinderten Gehörlosen einen Minimalwortschatz beizubringen«, erzählt Ernst Blickle. »Viele Artikulationsversuche endeten aber in restloser Überforderung.« Schon Ende der 60er Jahre hatte man festgestellt, dass sich das Kommunikationsvermögen der Schüler mit Hilfe von Gebärden eindeutig schneller entwickelte. Ein Meilenstein war 1971 die Herausgabe des ersten Gebärdenbuchs »Wenn man mit Händen und Füßen reden muss« – was offiziell immer noch verboten war. »600 Gebärden mit Synonymen – vervielfältigt wurde mit einer Handkurbel«, weiß Ernst Blickle noch ganz genau. »Die Gesten wurden drei Jahre lang gesammelt und damals noch von Hand gezeichnet.« Dass die Umstellung auf Gebärdensprache wichtig und auch richtig war, zeigte sich schnell. »Das war wie eine Initialzündung. Andere Schulen haben uns das Buch regelrecht aus den Händen gerissen.« Auch in anderen Einrichtungen sind weitere Bücher entstanden. 1991 kam schließlich »Schau doch meine Hände an« auf den Markt, das mittlerweile weit verbreitete Standardwerk des Bundesverbandes evangelischer Behindertenhilfe in Zusammenarbeit mit den Zieglerschen.

Ernst Blickle hat stets den Kontakt zu allen Klassen und das kollegiale Verhältnis zu allen Lehrern gesucht. Er war Fachschulrat und hat dennoch unzählige Krankheitsvertretungen selbst übernommen. Auch vor notwendigen Neubauprojekten hat er sich nicht gescheut. Aktiv ist er auch im Ruhestand geblieben, etwa als Vorsitzender des Betreuungsvereins. Bis zum 75. Lebensjahr hat er mehr als 100 Gebärdenkurse gehalten, unter anderem für neue Mitarbeiter und Eltern an der Heimsonderschule Haslachmühle, für Heilerziehungspfleger in der Ausbildung, aber auch an Schulen und an der Berufsakademie in Villingen-Schwenningen. »In kleinen Schritten weitergehen und alle Tage das tun, was notwendig ist.« Ein Satz, der für Ernst Blickle auch mit 80 Jahren noch seine Gültigkeit hat.

Von Brigitte Geiselhart