Der Flug des Phoenix

Tobias Baumann ist 19. 15 Jahre davon, seit seinem vierten Lebensjahr, verbrachte er in so genannten "Maßnahmen der Jugendhilfe". Eine Geschichte von echter Unterstützung und falschen Freunden. Von festem Rückhalt und ewigem Misstrauen. Und von der Kunst, den eigenen Weg nicht aus den Augen zu verlieren.

Ein Porträt.
■ Der jetzt 19-jährige Tobias Baumann ist noch bis Ende Juli im Betreuten Jugendwohnen im Martinshaus Kleintobel. Wenn er am 31. Juli zum ersten Mal vollkommen allein auf seinen zwei Beinen stehen wird, um loszufliegen, dann hat er 15 Jahre Jugendhilfe hinter sich. Nie straffällig geworden, nie Drogen, Alkohol nur in Ausnahmefällen, nie abgehauen oder durchgedreht, nicht einmal ein Raucher. Das kratzt gehörig am typischen Bild einer langjährigen Jugendhilfekarriere.

Dabei war es von Anfang an dramatisch schlimm. Schon kurz nach seiner Geburt erkrankte die Mutter schwer, der Vater war fast Tag und Nacht auf Arbeit. Bereits als Baby, mit drei Monaten, wurde der Junge von hilfsbereiten Nachbarn in seinem Heimatdorf im Landkreis Ravensburg versorgt. Später wurde der Platz in der Familie zu eng. Für den 3-jährigen musste eine andere Lösung gefunden werden. Tobias‘ ältere Brüder lebten inzwischen auf der Außenwohngruppe 3 des Martinshauses – und um wenigstens die Brüder nicht dauerhaft zu trennen, beschloss das Jugendamt, Tobias ebenfalls in der Außenwohngruppe 3 im Hotterloch bei Ravensburg unterzubringen. Eine mutige Entscheidung, da die Wohngruppe für 12- bis 17-Jährige gedacht war. Wie sich ein Vierjähriger in den durchaus auch rauen Gruppenalltag integrieren ließ war völlig offen.

Tobias ging in den Kindergarten, freundete sich mit der gleichaltrigen Tochter des Erzieherehepaares an und konnte bei den Mahlzeiten und Unternehmungen der Wohngruppe bei seinen Brüdern sein. Da die Wohngruppe Hotterloch neben einem Bauernhof und vor einem ausgedehnten Waldgebiet lag, war Tobias viel draußen. Natur pur, abenteuerliche Sandkastenhorizonte, erste sportliche Gehversuche. Einmal pro Monat und manchmal in den Ferien fuhren die Brüder ein paar Tage zu den Eltern. Schmerzhafte Abschiedsprozesse, wenn sie zurückmussten.

Ende März 1993 traf der damals fünfjährige Tobias zum ersten Mal auf Familie W., die mit eigenen und über das Martinshaus aufgenommenen Kindern  eine Erziehungsstelle in Unterankenreute bildete. Im August 1993 zog er dort ein. Elf Jahre sollte er schließlich bleiben – damals hätte das keiner für möglich gehalten. War er in den ersten Jahren der kleine „Bruder“ in der Familie wuchs er im Laufe der Zeit in die Rolle des großen „Bruders“, der Verantwortung für nachrückende „fremde“ Kinder übernahm und sehr stolz darauf war, dass er diese neue Rolle voll ausfüllen konnte. Seine eigenen Brüder waren inzwischen beide im Betreuten Jugendwohnen des Martinshauses Kleintobel, es gab wenig Kontakt.

Tobias war der beste Vorleser in der Grundschule, in der Dorfjugend wurde er respektiert und anerkannt, im örtlichen Verein spielte er vier Jahre Fußball und erkämpfte sich einen späten Stammplatz im Sturm. Es gab Highlights wie Ferien mit der Familie W. in Dänemark oder Ungarn, phantasievoll organisierte Weihnachtsfeiern oder Sommerzeltlager am Bodensee, wo Tobias einem Mädchen zum ersten Mal wirklich in die Augen schauen konnte. Und es gab die Schattenseiten – Stress mit anderen Jugendlichen in der Erziehungsstelle, ungerechtfertigte Verdächtigungen, falsche Freunde… Am schlimmsten war das Heimweh. Tobias fuhr weiterhin regelmäßig nach Hause. Er liebte seine Eltern. Er mochte auch seine „Pflegeeltern“. Sie blieben jedoch Erzieher, wurden nie Elternersatz. Jedes Mal, wenn er nach Unterankenreute zurück musste, schluckte er schwer, mit wachsendem Bewusstsein fühlte er sich zunehmend zerrissen. Mit dem nahenden Hauptschulabschluss wurde klar, dass Tobias ins Betreute Jugendwohnen des Martinshauses und somit in die erste eigene Wohnung wechseln würde.

Auch hier folgte er den Spuren seiner Brüder. Familie W. bereitete ihn sehr gewissenhaft auf den großen Verselbstständigungsschritt vor. Den Haushalt führen, das Geld sich selber einteilen, Bewerbungen schreiben, an einem Wochenende auch mal ganz allein im Haus sein. Tobias hatte vor dem Schritt ins Betreute Wohnen keine Angst, für ihn war es die Erfüllung eines langgehegten Traums: die erste eigene Bude, mehr  Selbstbestimmung, weniger Regeln.

Tobias musste aber auch lernen, dass viel Freiheit auch viel Selbstdisziplin erfordert. Seit September 2006 hat er eine Lehrstelle als Maler und Lackierer in einem Betrieb in Berg. Die Berufsschule klappt, das Betriebsklima ist gut. Aus dem verschmitzten, schüchternen „Büblein“ ist inzwischen ein reifer, junger Mann geworden, der sich seine Stärken wie Optimismus, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit bewahrt hat, der seine Eltern und seine Brüder wieder häufiger sieht und dabei spürt, wie ein innerer Riss auch wieder zusammenwachsen kann. Wenn auch langsam.

15 Jahre lang hat ihn das Jugendamt konstant, kreativ und unterstützend begleitet. Trotzdem blieb Tobias immer misstrauisch, und das darf man ihm nicht verdenken. In seinem Erleben war es schließlich das Jugendamt, das ihn aus dem geliebten Elternhaus herausgerissen hat. „Wenn die eigene Familie nicht präsent sein kann, ist es doppelt wichtig, seinen Weg nicht aus den Augen zu verlieren, um ihn zu kämpfen, sich genau anzuschauen, mit wem man sich abgibt“, meint er nachdenklich. „Du musst Dir immer einen Rückhalt schaffen, der auf Dich wartet, der für Dich da ist – gute Freunde, ein Haustier, ein lieber Mensch“, fügt er noch hinzu. Ihm scheint das gelungen zu sein.

Tobias ist nach wie vor eingefleischter VFB Stuttgart-Fan. 1992, als er in die Jugendhilfe kam, wurde der VFB Deutscher Meister. Bis 2007, das Jahr, in dem er ausscheidet, gelang ihm das nicht mehr. Jetzt hat es der VFB wieder geschafft…

Für den 31.07.2007 ist also die Starterlaubnis erteilt. Ins Licht wird er fliegen, und als ich Tobias noch frage, wie stark seine Flügel sind, antwortet er: „Stark. Ich wurde 15 Jahre lang darauf vorbereitet. Ich werde nicht abstürzen.“ Als Betreuer, der Teile seines Weges im Martinshaus Kleintobel mitbegleitet hat, glaube ich ihm das sofort. Wenn ich Ende Juli mit am Startplatz bin, wird sich auch eine Träne in die davonrauschenden Schwingen mischen.

Von Markus Fritsche