Hasengott und Weihnachtsgeschichte

Nach eine guten Stunde voller Begegnungen mit Denis Conrad steht fest: Schnell nach Hause flitzen, alte Abi-Deutsch-Unterlagen entstauben und mal wieder in die verschiedenen Epochen schnuppern. Warum? Denis Conrad liebt Literatur und Autoren aller Art - und ihm gefällt Georg Büchner aus der literarischen Epoche Vormärz.

Ein Porträt.
■ Denis zieht seine Hand vor den Oberkörper, bewegt sie schnell hin und her und gebärdet somit das Wort »gut«. So drückt er aus, dass er Georg Büchner mag. Denn Denis kann nicht sprechen, ist gehörlos und sitzt im Rollstuhl. Zusammen mit sechs anderen Männern und vier Frauen wohnt er in der Wohngruppe 07 im Haus Zinze alt der Behindertenhilfe der Zieglerschen.

Doch lange bevor der 33-Jährige sich intensiv mit verschiedensten Schriftstellern beschäftigte, begann er auf ganz eigene Art Comics zu zeichnen. Zum Beispiel die Weihnachtsgeschichte, die in diesem Heft auf Seite 22/23 zu finden ist. »Vermutlich eine Ableitung zu den Mickey Mouse- und Asterix und Obelix-Heften, die wir ihm als kleines Kind gegeben haben«, sagt Mutter Susanne Conrad-Louis. Schon früh hielt Denis einen Stift in der Hand, um über gemalte Bilder mit seiner Familie zu kommunizieren. Dabei fand er recht schnell zu seinem eigenen Mal- und Zeichen-Stil.

Lesen und Schreiben hat er später in einer Schule in Markgröningen gelernt, bevor er mit 16 in die Heimsonderschule Haslachmühle wechselte. Von da an war es nicht mehr weit, die Kunst des Zeichnens und Schreibens zu verbinden. Wie die Ergebnisse aussehen können, präsentiert er mit strahlendem Gesicht beim Besuch auf der Wohngruppe. Mit dem E-Rolli düst er in sein Zimmer, stapelt zig Plastikhefter auf seinen Schoß, steckt diverse Zeitschriften in einen blauen Rucksack und rollt zurück in die Wohnküche, um ein Werk nach dem anderen aufzuschlagen und mit Gebärden zu erklären. Betreuerin Susanne Schack übersetzt. Mit der Zeit breitet sich ein künstlerischer Reichtum auf dem Esstisch aus. So hat Denis Heinrich Heines Gedicht »Himmel grau und wochentäglich« kurzerhand in »Neuer Frühling« umgetauft und das computerbeschriebene Blatt mit in Kuli gezeichneten Blumen und einem schreibenden Dichter illustriert. Oder das Kinder- und Jugendbuch »Wernher Flügel – Im Namen der Mimose. Ein Hasenkönig 2010«, für das er Text, Illustration und sogar Layout-Vorstellungen entworfen hat. Überhaupt: Die Hasen, die scheinen es ihm angetan zu haben. Ob das Text-Bild-Werk »Hasenprinz Leopold und Hasenprinzessin Lara« oder der Schriftzug »Hasenkönig Conradius XII (1682-1734)« mit gemaltem Hasenkopf an der Wand in seinem Zimmer: »Hasen gehören zu den Motiven, die er am längsten malt«, sagt seine Mutter.

In Denis‘ Leben hoppeln aber auch zwei echte Hasen herum: Anne Fussel und Miko. Beide wohnen im Hasenstall hinterm Haus Zinze. Bei Wind und Wetter fährt Denis täglich alleine in seinem Rolli mit dem Aufzug vom dritten Stock in den Hof hinunter und steckt den Langohren Grünzeug in den Käfig. Selbstständig zu sein, trotz Mehrfachbehinderung, ist für Denis überhaupt kein Thema. Tagsüber arbeitet er in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung, er duscht und badet selbst, kauft alleine ein und besucht sehr oft die Gemeindebücherei. Dort findet er dann den Stoff, aus dem seine Werke entstehen.

»Oft schreibt er am Computer eine Geschichte aus seiner Hasenwelt oder ändert eine Geschichte eines Schriftstellers ab. Und danach malt er innerhalb weniger Minuten ein Bild dazu«, sagt die Mutter. Das tiefe Interesse für die Literatur mag im Zusammenhang mit »runden Geburtstagen« von großen Schriftstellern entstanden sein, wie seine Mutter ebenfalls erklärt. »Denis darf sich jedes Jahr eine sechstägige Städtereise heraussuchen und schlägt ein Thema vor«, sagt sie. Herausgekommen sind dabei bislang Reisen nach Dresden mit Schwerpunkt Erich Kästner, die Gebrüder Grimm in Kassel, Goethe in Frankfurt, Schiller in Weimar oder Victor Hugo in Paris – und das immer in Jubiläumsjahren der Schriftsteller.

Zwei Jahre lang war Denis Redakteur der Mühlezeitung der Heimsonderschule Haslachmühle. In dieser Zeit sind seine beiden Weihnachtsgeschichten entstanden. Bei einer Frage zum Bild wartet er nicht mehr auf die Gebärdenübersetzung, sondern schnappt sich ein leeres Blatt und schreibt zuerst »Gabriel« und danach »Erzengel« darauf. Ab diesem Zeitpunkt nimmt er den Zettel mit Interviewfragen zu sich, liest ihn selbst durch und schreibt die Antworten dazu.

Denis scheint zu wissen, was er will. Seine Mutter weist ihm liebevoll eine gewisse Art von »Bauernschläue« zu. »Früher hat sich Denis immer gewünscht, dass er Autor, Maler und Zeichner wird«, sagt Daniel Fabian, Leiter der Mühlezeitungs-Redaktion rückblickend. Als Mitautor und Gestalter wirkt Denis jetzt im Schaufenster, einer internen Zeitschrift der Behindertenhilfe mit. Und die geschichteten Werke voller Buchstaben und Zeichnungen aus seinem Zimmer – die sprechen für sich.

Mit funkelnden Augen schenkt Denis zum Abschied eines seiner Werke her: »Denis‘ Dichtertag des tragödischen Werkes«, steht da als Überschrift auf einem DINA4-Blatt, bevor im Fließtext die Erläuterung folgt: »Denis: Ich schreibt eine dramatische Tragödie Steinreich, nach einem Dramenfragment Woyzeck von Georg Büchner.« Selbiger hätte im Jahr 2013 seinen 200. Geburtstag. Wer weiß, wohin die Städtereise der Familie Conrad-Louis im Jahr 2013 geht?

Von Katharina Stohr