Hier hab ich meine Berufung gefunden

Eigentlich wollte sie Hebamme werden, jetzt macht sie etwas ganz anderes. Astrid Fietkau, 28, ist Krankenschwester und arbeitet als Pflegefachkraft und Wohnbereichsleitung im Henriettenstift in Kirchheim - im Wohnbereich der schwer- und schwerstkranken Senioren. Statt Säuglinge in ihren ersten Lebensstunden zu begleiten, begleitet sie nun Senioren in ihrer letzten Lebensphase. Ein Porträt.
■ An einem schönen Herbstnachmittag pflegte Astrid Fietkau den Mund einer schwerkranken Bewohnerin, um ihr das Atmen zu erleichtern. Die Sonne schien ins Zimmer. Es war sehr ruhig. »Dann merkte ich auf einmal, dass sich der Zustand der Bewohnerin deutlich verschlechterte. Die Dame war sehr gläubig, also habe ich angefangen, das Vaterunser zu beten und sie hat ihre Lippen mitbewegt. Als wir beim Amen waren, ist sie verstorben. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht.« Astrid Fietkau erzählt mit ruhiger Stimme und ernstem Gesicht. Als sie weiterspricht leuchten ihre Augen: »Was gibt es Schöneres, als einem Menschen den letzten Wunsch zu erfüllen, damit er mit einem Lächeln gehen kann?« Dann wieder sehr ernst und ruhig: »Ich habe ihr das Fenster geöffnet, damit die Seele hinaus kann – das ist mir sehr  wichtig«.

Der Tod gehört zu ihrem Alltag. »Dass Menschen sterben ist für uns etwas Normales, aber ja, ich nehme viel mit heim«. So bittet sie auch schon mal die Kollegin der Nachtschicht, sie per SMS zu benachrichtigen, falls ein Bewohner nachts verstirbt. »Menschen zu begleiten, das ist das Schönste für mich in meinem Beruf.« Seit Beginn ihres  Dienstes im April 2008 hat sie 15 Bewohner in der letzten Lebensphase begleitet. Astrid Fietkau kann alle Namen der  Verstorbenen mit Todestagen aufsagen. In einem Erinnerungsbuch wird der Toten mit Bildern und Einträgen von Verwaltung, Pflegeteam und Angehörigen gedacht.

Astrid Fietkau beschloss im Alter von 15 Jahren im Bereich Krankenpflege zu arbeiten. Zu dieser Zeit lag ihr Opa mit zwei anderen Schwerstkranken im Zimmer. Sie besuchte ihn und beobachtete die Krankenpfleger, die souverän und sehr liebevoll mit den Patienten umgingen. »Ich habe die Pflegekräfte bewundert«, erzählt sie. Mit 17 Jahren macht sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Herz-Chirugie in Ulm. Gleich im Anschluss daran arbeitet sie dort im Nachtdienst mit. Schließlich tritt sie in Bad Urach ihre Ausbildung zur Krankenschwester an. Nach ihrem Abschluss
arbeitet sie im Allgäu, kündigt aber nach ein paar Monaten. »Der Praktikant hatte dort mehr zu sagen als eine ausgebildete Kraft – das war unmöglich«. Sie sucht eine neue Stelle und findet eine in Kirchheim, zunächst in einem anderen Pflegezentrum. Im April 2008 fängt sie im Henriettenstift an. »Das Team hier ist klasse. Wir arbeiten gut zusammen und wenn auf dem Palliativ-Wohnbereich eine Bewohnerin spätabends Lust auf Harzer Käse hat, dann flitzt sogar die Hauswirtschaftsleitung los und besorgt den Käse. Das ist toll.«

Diese individuelle Pflege ist gerade auf dem Palliativ-Wohnbereich sehr wichtig. Die Bewohner leiden oft an Übelkeit, zum Beispiel weil sie an Krebs erkrankt sind. Essen und Trinken ist für sie kein Genuss mehr, sondern einfach nur notwendig, manchmal eine Qual. Wenn dann jemand Lust auf ein bestimmtes Lebensmittel hat, versuchen die Pflegekräfte, diesen Wunsch zu erfüllen. Auch Wein und Bier gibt es. »Warum soll ein Zuckerkranker in seinen letzten Tagen nicht mit einem Gläschen Alkohol gegen seine Diät verstoßen. Lieber nimmt er dann abends eine höhere Dosis Insulin in Kauf«. Von dem Konzept der individuellen Pflege ist Astrid Fietkau überzeugt. Die Pflege der schwerkranken Bewohner ist sehr zeitintensiv. »Da geht locker mal ne Stunde rum, nur fürs Zuhören«. Im April hat das Henriettenstift mit dem Schwerpunkt der Palliativen Pflege begonnen. Am Anfang versuchten drei Pflegekräfte pro Schicht auf die individuellen Bedürfnisse der schwerkranken Bewohner einzugehen. »Das war zu wenig. Wir haben darum gebeten, dass das Personal aufgestockt wird, haben viel argumentiert und erklärt« berichtet Astrid Fietkau. Jetzt arbeiten vier Pflegekräfte in der Frühschicht und es ist leichter geworden, den eigenen Anspruch an die Qualität der Pflege zu erfüllen. Und es gibt immer wieder neue Herausforderungen. Zum Beispiel die erste Bewohnerin, die mit einem Gerät teilbeatmet wird.

Astrid Fietkau wechselt die Sauerstoffflasche am Beatmungsgerät. Es zischt wie verrückt, als ein kleiner Teil Sauerstoff entweicht. »Am Anfang erschrickt man sich fürchterlich. Überhaupt hatten wir alle ganz schön Bammel«, erzählt sie. Es gilt, die Anzeige des Geräts richtig abzulesen. Kanülen korrekt zu tauschen. Verschleimungen im Rachen abzusaugen. Astrid Fietkau hat die neue Nachtwache eingewiesen und die Rufbereitschaft für die Nacht übernommen. »Ich bin in dieser Woche extra in Kirchheim geblieben, um im Notfall schnell da zu sein«. Zwei Mal wurde sie angerufen, ein Mal konnte sie die Situation am Telefon lösen, ein Mal ist sie hingefahren. »Es handelt sich ja nur um eine Teilbeatmung, darum ist das alles halb so wild«, spielt sie die Verantwortung, die sie trägt, herunter. In aller Ruhe unterhält sie sich mit der Bewohnerin, der das Sprechen sehr schwer fällt. Überprüft die Anzeige des Geräts. Streicht der Bewohnerin vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Wenn ich noch mal wählen könnte, ich
würde wieder Pflegefachkraft werden. Ich habe hier meine Berufung gefunden.«

Von Nicola Philipp