»Ich will ein ganz normales Leben«

Er macht selber Nudeln nach einem alten Familienrezept, ist Experte im Heckenschneiden, spielt Fussball, ist Mitglied einer Narrenzunft, spart, um eine Familie zu gründen, verdient sein Geld als Landschaftsgärtner und wohnt in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Antonio Nuzziello (24) lebt ein ganz normales Leben – das er sich Stück für Stück erarbeitet hat. Ein Porträt.
■ Antonio Nuzziello steht an einer großen Hecke. Er trägt einen Hörschutz, dicke Handschuhe und schwere Arbeitsschuhe. Auf Brusthöhe hält er eine Motorheckenschere. Neben ihm steht Rolf Baumann, der kaufmännische Vorstand der Zieglerschen, und hört interessiert zu. Ernst und konzentriert erklärt Antonio, worauf es beim Heckenschneiden ankommt. »Heckenschneiden ist meine Spezialität«, erklärt Antonio Nuzziello selbstbewusst.

Seit 2009 arbeitet der 24-Jährige bei Neuland, dem Integrationsbetrieb der Zieglerschen in der Garten- und Landschaftspflege. In diesen drei Jahren wurde er kontinuierlich von seinem Meister Günther Jordan an verschiedenen Maschinen geschult. Stolz, aber auch selbstkritisch blickt er zurück: »Am Anfang konnte ich noch nicht so gut mit der Heckenschere umgehen, aber jetzt kann ich selbstständig die meisten Heckenarten schneiden. Bei speziellen Fällen brauche ich manchmal die Hilfe von meinem Chef.« Was er nicht so gerne macht, ist Unkraut jäten: »Das kann der Lucas besser.« Lucas Preiser ist sein Kollege.

Antonio Nuzziello besuchte zunächst drei Jahre die Grundschule in Italien, seinem Heimatland. Danach ging er einige Jahre in Stuttgart auf die Schule. 1999 hat er in Wilhelmsdorf eine neue Heimat gefunden: zunächst im Hoffmannhaus, später in der Behindertenhilfe der Zieglerschen. Ab Oktober 2004 besuchte Antonio Nuzziello den Berufsbildungsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM), seit 2006 war er Mitarbeiter im Metallbereich. Die Arbeit hat Antonio Spaß gemacht, er hat viel gelernt und gute Rückmeldungen bekommen. Deshalb hat man in der Behindertenhilfe seine Wünsche für die Zukunft unterstützt: eigenständig wohnen und Geld verdienen. »Ich möchte ein ganz normales Leben.«

»Garten- und Landschaftspflege gefällt mir besser als der Metallbereich, weil ich den ganzen Tag draußen sein kann und mehr Geld verdiene.« Und dieses Geld braucht Antonio Nuzziello, um seine weiteren Zukunftspläne verwirklichen zu können: »Ich spare für einen Führerschein, für meine Hochzeit und um eine Familie zu gründen. Die Familie hat aber noch Zeit, vorher muss ich noch mehr sparen.« Da passt es, dass Antonios berufliche Karriere so gut läuft. 2011 hat er einen Lehrgang »Kettensäge« gemacht. Jetzt kann er tatkräftig beim Bäumefällen mit anpacken. Er weiß, dass die Maschine gefährlich ist und achtet selbstständig auf alle Sicherheitsmaßnahmen: »Man muss immer die Schnittschutzhose und den Helm aufhaben, wenn man mit der Kettensäge arbeitet.« Außerdem möchte er gerne seinen Beschäftigungsumfang erhöhen. Bis jetzt arbeitet er mit 80 Prozent. Sein Chef unterstützt diesen Wunsch, da sich Nuzziellos Geduld, Ausdauer und Motivation kontinuierlich gesteigert haben.

Auch privat läuft es derzeit bestens. Seit Ende 2010 wohnt er in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Zweimal pro Woche kommt ein Wohnassistent der Ambulanten Dienste der Behindertenhilfe zu ihm nach Hause. Dann sprechen sie über Geldverwaltung, Versicherungen oder den bevorstehenden Umzug in eine Zwei-Zimmer-Wohnung. »Ich kann Wäsche waschen, einkaufen, kochen und backen. Nur der Umgang mit Geld ist noch schwierig«, berichtet Antonio. Irgendwann will er auch das können.

Schon jetzt kann Antonio auch noch andere spannende Dinge, zum Beispiel Nudeln selber machen. Das hat er seiner italienischen Herkunft zu verdanken: »Ich hab ein Rezept von meiner Großmutter, das ist ein Familiengeheimnis, das gebe ich nicht weiter!« Von seinem Großvater hat er angeln und Fische ausnehmen gelernt.

In seiner Freizeit ist Antonio Nuzziello in der Narrenzunft Plätzler in Weingarten Mitglied und spielt leidenschaftlich Fußball. Mit leuchtenden Augen erzählt er von seinem Sport: »Als ich in Stuttgart gewohnt habe, habe ich beim VfB in der Jugendmannschaft gespielt.« Seit kurzem spielt er in der 3. Mannschaft des WRZ FG 2010, der Fußballgemeinschaft von Wilhelmsdorf, Riedhausen und Zußdorf. In Wilhelmsdorf kennt ihn fast jeder. Wenn er durch das Dorf läuft, wird er von allen Seiten gegrüßt, besonders von der jungen Damenwelt. Mit seinem südländischen Charme kommt er bei vielen Frauen gut an. Doch sein Herz gehört nur einer: seit vier Jahren ist Antonio Nuzziello in einer festen Beziehung, seit kurzem sogar verlobt. Wenn er von seiner Verlobten spricht, strahlen seine Augen, er lächelt und seine Stimme wird weich. Seinen »Schatz« lobt er in den höchsten Tönen: »Sie kann besser mit Geld umgehen und kennt sich gut aus mit Versicherungen und solchen Sachen.« Für dieses Jahr planen die beiden das erste Mal eine gemeinsame Urlaubsreise, im Frühling soll es nach Rom gehen. Antonio möchte seiner Freundin sein Heimatland zeigen.

Das Thema Inklusion, dass in den Medien so aufgeregt diskutiert wird, spielt für Antonio Nuzziello keine große Rolle. Auf die Frage, was er darunter versteht, sagt er: »Inklusion heißt, dass auch wenn die Menschen unterschiedlich sind, gehören sie irgendwie zusammen.« Und so ist es bei ihm im Berufsleben und privat.

Von Maike Bierwirth