Auf Umwegen zum Traumberuf

Das erste Gespräch beendete sie sofort: „Ich kenn dich nicht, ich red nicht mit dir.“ Beim zweiten Mal freute sie sich: „Na du bist aber hartnäckig.“ Anne Kathrin Einsiedler scheint an anderen zu mögen, was sie selbst so besonders macht: Hartnäckigkeit. „Ich hab immer gewusst, was ich will“, sagt die 22-jährige. Und erfüllte sich ihren Traum vom Traumberuf als Pferdepflegerin.

Ein Porträt.
■ „Ich kenn dich nicht – deshalb will ich mich auch nicht mit dir unterhalten!“ – Diese Worte schmetterte mir Anne Kathrin Einsiedler beim ersten Treffen entgegen. Die Kollegen aus der Werkstatt für behinderte Menschen (wfbm) in Wilhelmsdorf hatten zwar gesagt, dass Anne Kathrin eine starke Persönlichkeit sei, aber dass sie das Gespräch beendete bevor es überhaupt richtig begonnen hatte … Mit dieser Reaktion war nicht zu rechnen. Die zweite Begegnung – knapp eine Woche später – war schon viel erfreulicher: „Du bist aber hartnäckig!“ lachte sie. Das Eis war gebrochen und sie nahm sich Zeit für ein Gespräch ...

Geboren wurde Anne Kathrin 1986 in Leutkirch. Gemeinsam mit ihren beiden älteren Brüdern und ihrer jüngeren Schwester verbrachte sie dort ihre Kindheit. Diese war nicht immer unbeschwert, denn bereits im Kleinkindalter stellten Ärzte bei ihr aufgrund eines Tumors eine Behinderung fest. Eine Behinderung, mit der sie aber mittlerweile sehr selbstbewusst umgeht: „Mir fallen zwar bestimmte Dinge schwerer als anderen, aber trotzdem habe ich immer gewusst was ich will.“

So wusste Anne Kathrin schon als Vierjährige, dass ihre Liebe zu Pferden, die sie während ihrer damaligen Reittherapie entdeckte, für sie mehr war als nur ein Hobby. „Tiere haben einfach so viel Freude am Leben und sie geben mir die Liebe zurück, die ich ihnen gebe“ sagt sie auch heute noch. Seit damals ist es ihr größtes Ziel mit Tieren zu arbeiten, am liebsten mit Pferden. Ein Traum vieler junger Mädchen – Anne Kathrin gehört zu den Wenigen, die ihn wahr gemacht haben.

Nachdem sie sechs Jahre die Don-Bosco-Schule, eine Förderschule in Leutkirch besuchte hatte, wechselte sie in das Körperbehindertenzentrum Oberschwaben (KBZO) in Weingarten. In ihrer Freizeit half sie zu dieser Zeit schon hin und wieder im Tierheim aus. Bald hörte sie zum ersten Mal von dem heilpädagogischen Reitangebot in der Haslachmühle: „Da wollte ich unbedingt hin und ein Praktikum machen.“ Ganz allein kümmerte sie sich darum und stellte den Kontakt zur Haslachmühle her. Dass dieses Praktikum genau das Richtige für sie sei, davon musste Anne Kathrin ihre Eltern erst überzeugen. Schließlich war die Haslachmühle für die damals 18-Jährige ein völlig fremder Ort.

Das war vor drei Jahren und das Schülerpraktikum war der Ausgangspunkt für eine ungewöhnliche Anfrage bei den Rotach-Werkstätten: Anne Kathrin, die jetzt von der Schule in den sogenannten Berufsbildungsbereich wechselte, wollte wissen, ob sie Pferdehelferin lernen könne. Die Rotach-Werkstätten zeigten sich flexibel: Anne Kathrin macht ihre Ausbildung auf dem Ponyhof der Familie Kesenheimer in der benachbarten Rotachmühle.

Im Januar 2007 zog sie nach Wilhelmsdorf. Hier wohnt sie seitdem im Rahmen des betreuten Wohnens bei einer Familie. Zweimal in der Woche arbeitet sie bei Familie Kesenheimer auf dem landwirtschaftlichen Betrieb, ihrem Praxisplatz im Rahmen des Berufsbildungsbereiches. Hier kümmert sie sich um Sahraz, ihr eigenes Pflegepferd. Ansonsten sind ihre Aufgaben auf dem Hof sehr unterschiedlich und vielfältig. „Ich  verteile Futter, mache die Gänge sauber, fülle das Kraftfutter auf, miste aus und mache eben das, was sonst alles dazu gehört.“ berichtet sie stolz von ihrer Arbeit. Den Rest der Woche verbringt sie im Berufsbildungsbereich der Rotach-Werkstätten. Dort absolviert sie den theoretischen Teil ihrer Ausbildung. Im Unterricht werden aktuelle Themen behandelt und. Anne Kathrin lernt Arbeitsmaterialien kennen. „Besonders interessiert mich Metall und Holz. Mit den Maschinen arbeite ich sehr gerne. Ich habe Sahraz sogar ein eigenes Namensschild gebaut.“

Derzeit lernt sie für die Prüfung zum „Basispass Pferdekunde“. Mit dem erfolgreichen Ablegen der Prüfung erwirbt sie grundlegende Kenntnisse über die Pferdehaltung und Fertigkeiten im Umgang mit Pferden. Das Lernen fällt ihr nicht immer leicht – aber sie weiß, dass sie schon viel geschafft hat: „Ich habe den anderen bisher immer gezeigt, was ich kann“. Sich selbst zu motivieren ist dennoch nicht immer einfach. Das weiß auch Anne Kathrin. Zum Glück gibt Harald, ihr Freund, ihr in diesen Momenten genug Ansporn.

Seit einigen Monaten hat Anne Kathrin auch häufiger Kontakt zu einer Mitarbeiterin des Integrationsfachdienstes. Das gemeinsame Ziel ist es, eine Vermittlung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. Ihre erste feste Stelle möchte Anne Kathrin natürlich auch auf einem Pferdehof.

Manchmal zieht sich auch eine zielstrebige, junge Frau wie Anne Kathrin zurück. Wenn ihr die Arbeit in der Werkstatt zu viel wird, Harald gerade nicht da ist und sie sich nicht aufs Lernen konzentrieren kann, besucht sie Sahraz, ihr Pflegepferd, auf der Weide. „Richtig Ruhe finde ich eben nur, wenn ich mit meinen Tieren zusammen bin“.

Von Martina Heidinger