»I hab se gsehn und hab se mögn«

Es war Liebe auf den ersten Blick,damals an Silvester 1953, als Alois Kempf seine Ilse beim Tanzen kennenlernte. Bald zog er von München zu ihr ins Illertal. Im Mai 1955 heirateten sie und versprachen sich gegenseitig »sich zu lieben und zu ehren«. Und sich die Treue zu halten, bis der Tod sie scheide.

Ein Doppelporträt.
Szenenwechsel. Die schwer von der Demenz gezeichnete Ilse Kempf wird von Marianne Schneider, Heimleiterin im Seniorenzentrum Erolzheim, im Rollstuhl zum Aufzug geschoben. Die offene Kabine muss Frau Kempf wie eine bedrohliche Höhle erscheinen. Sie sendet alle ihr möglichen Signale von Angst aus, klopft verkrampft auf die Lehnen ihres Rollstuhls, gibt unartikulierte Laute von sich. Bis ihr Mann zu ihr tritt, sanft ihre Hand in die seine nimmt und sie in den Aufzug schiebt. Die Angst vor dem Unbekannten ist verschwunden.

Im Mai 2005 durften sie noch ihre Goldene Hochzeit feiern. Drei Kinder sind aus der Ehe hervorgegangen. Ihre Ehe sei glücklich gewesen, bekennt Alois Kempf auf Nachfrage ohne das geringste Zögern. Viel hätten sie gemeinsam unternommen, vor allem zu Fuß auf den nahen Höhenwegen im Kleinwalsertal und im Winter auf den Langlaufloipen im Tannheimer Tal.

Die ersten Anzeichen der Krankheit nahm Alois Kempf noch nicht so recht ernst: Seine Frau wurde vergesslicher, erzählte dieselbe Geschichten immer wieder und wollte nicht mehr alleine sein. Als sie ihn aber immer öfters bat, ihr bei der Hausarbeit zu helfen, ihr, die vorher die Küche als ihr alleiniges Reich betrachtet hatte, da begann er sich Sorgen zu machen. Die Sorgen haben ihn nicht mehr verlassen.

Endgültig die Augen geöffnet wurden ihm bei einem gemeinsamen Kuraufenthalt in Bad Füssing. Regelmäßig zweimal im Jahr suchten sie in der dortigen Therme Erholung. Plötzlich aber begann Ilse Kempf, die früher eine begeisterte Sauniererin war, sich ihrer Nacktheit zu schämen. Flehentlich bat sie ihren Mann: »Ich möchte heim, ich möchte heim … zu meiner Mama«.

Seither muss der Mann, der von seiner Frau sagt, dass er sie heute noch genauso liebe wie am Anfang ihrer Beziehung, seither muss er zuschauen, wie sie abbaut. Wie die früheren Sprach- und Bewusstseinswege ihrer Beziehung verebben. Nur noch die Berührungen nimmt Ilse Kempf wahr und kann sie auch erwidern. Alois Kempf: »Meine Frau ist nicht mehr so, wie sie war. Ich habe keine Frau mehr. Ich bin allein.«

Ilse Kempf wird in das Besucherzimmer geschoben. Man sieht der 78-Jährigen ihr Alter nicht an. Sie macht den Eindruck einer energischen, starken Frau, der es ein Leben lang fern gelegen hat, sich gehenzulassen. Aber jetzt kommt sie wie von fern und nimmt die Anwesenden nur mit Mühe wahr. »Was ist, Mutti?« fragt ihr Mann und gibt ihr die Hand. »Wer bin ich?« Heute hat er Glück. Sie weiß seinen Namen: »Alois«. Was immer dies auch im Augenblick für sie bedeuten mag. Früher konnte sie noch sagen: »Es wäre schon gut, wenn der Alois auch mal kommen würde«. In seiner Anwesenheit. Auf die Frage nach ihren Kindern weiß sie nur zu sagen: »Interessiert mich nicht«. Dafür nennt sie eine ihrer Schwestern oft Ingrid. So heißt ihre älteste Tochter.

Aber sie kann sich auch freuen und dem Ausdruck geben, vor allem wenn es um Ereignisse geht, die ganz weit zurückliegen. Da war zum Beispiel die Sache mit ihrem Hochzeitskleid, die Alois Kempf mit Vergnügen erzählt. Die junge Braut musste am Morgen des Hochzeitstages bei der Anprobe ihres weißen Hochzeitskleides mit Schrecken feststellen, dass dieses bei entsprechendem Stand der Sonne durchsichtig war. Zum Glück ließ sich in aller Eile ein Petticoat auftreiben, so dass das Paar beruhigt zum Alter treten konnte. Das ansonsten ernste Gesicht der Demenzkranken heitert sich während dieser Erzählung auf. Sie will etwas sagen, aber es gelingen ihr nur unzusammenhängende Silben.

Wie oft er seine Frau besuche? »Wenn es geht zweimal pro Woche, meistens aber nur am Sonntag«, gibt Alois Kempf fast entschuldigend zur Antwort. Denn: »Ich muss immer einen Abstand haben.« Solange er den direkten Kontakt zu seiner Frau habe, gehe es ihm relativ gut. Sei er aber wieder draußen, überfalle ihn regelmäßig eine heftige innere Unruhe, fast ein Vibrieren seines Körpers, das ihn regelrecht krank mache. Die Antwort auf die Frage, was ihn denn so verunsichere, fällt ihm unendlich schwer (»Frau Schneider, helfen Sie mir doch«). Dass er seine so geliebte Frau ins Heim abgeschoben habe? Frau Schneider beruhigt ihn: Die Pflege seiner demenzkranken Frau habe ihn an den Rand seiner Kräfte gebracht. Dass er so alleine sei? »Ich hätte sie so gerne bei mir. Oft lange ich in unserem Ehebett hinüber zu ihr. Und niemand ist da.«

Am schlimmsten aber sei der Abschied. »Papa, bleib da«, bettelt sie wieder und wieder, wenn sie spürt, dass es ernst wird. »Da muss ich mich fast davonschleichen. Ich muss sie, im Verbund mit einer Schwester, die sie ablenkt, regelrecht bescheißen. Das macht mich fertig. Das kann ich mir und ihr nicht jeden Tag antun.«

Alois Kempf weiß, dass seine Frau im Seniorenzentrum der Zieglerschen in allerbesten Händen ist. Dennoch leidet er. Der wöchentliche Besuch bei seiner Frau sei wie ein Gastspiel, wie ein Theater. Er finde die Frau, die seine Frau gewesen ist, eigentlich nicht mehr. Sie habe sich verabschiedet, in ihre Vergangenheit, in eine Welt, die sie nicht mehr mit ihm teile. Eines aber steht für Alois Kempf außer Frage: Er will auch dieser fremden Frau die Treue halten. »Ich möchte mit ihr die Zeit leben, die uns noch gegeben ist. So gut ich kann.«

Von Rainer Kössl