"Mir hat's geholfen. Auf jeden Fall."

Von Schulschwänzern und Beinahe-Schualabbrechern zu erfolgreichen Realschulabssolventen und selbstbewussten jungen Männern. Die Geschichte von Alexander und Dominik, die im Martinshaus ihre letzte Chance genutzt haben.

Ein Doppelporträt.
■ Alexander (18) und Dominik (17) haben es geschafft! Sie haben ihr Realschulzeugnis in der Tasche. Sie können stolz sein auf einen Notendurchschnitt von 1,6 bzw. 1,8. Sie haben etwas geschafft, woran vor drei Jahren, als sie beide im Martinshaus eingezogen sind, fast niemand – und sie selbst am allerwenigsten – geglaubt hat. Und sie haben sich zu richtig selbstbewussten jungen Männern entwickelt.

Für Dominik war das Martinshaus die letzte Chance. Die letzte Chance, doch noch zu einem Realschulabschluss zu kommen. Bereits dreimal war er von der Schule geflogen. Mit den Noten ging es ab der fünften Klasse nur noch bergab. Die achte Klasse hat er mit einem Notendurchschnitt von 4,8 nicht bestanden. Eigentlich auch kein Wunder. Er hatte einfach keinen Bock auf Schule. Mit den Lehrern gab es nur Stress, die meisten konnten ihn eh nicht leiden, weil er nur den Unterricht störte, die Mitarbeit verweigerte, die Schule schwänzte. Und zu Hause kam er auch nicht klar. Ständig gab es Zoff mit seiner Mutter wegen der Schule. Dominik war kaum zu Hause, entglitt der Mutter mehr und mehr. Aus dieser Abwärtsspirale kamen sie beide nicht mehr alleine raus. Dominik musste von zu Hause weg – und er brauchte professionelle Hilfe. Diese erhielt er zuerst in einer Fachklinik und durch die richtigen Medikamente. Von dort aus wurde die stationäre Unterbringung in einer Schule für Erziehungshilfe mit dem Bildungsgang Realschule in die Wege geleitet. So also kam er ins Martinshaus nach Kleintobel. Seine letzte Chance.

Alexander (links im Bild) erzählt ähnliches. Auch bei ihm ging es in der Schule ständig nur bergab. Richtig Lust hatte er eigentlich nur auf Mathe. Alles andere hat ihn nicht besonders interessiert. Und autoritäre Lehrer konnte er sowieso nicht leiden, das hat er ihnen auch schon mal gesagt. Mit den Hausaufgaben hat er meistens gewartet, bis seine Mutter abends vor der Arbeit nach Hause kam. Manchmal saßen die beiden dann bis spät in der Nacht an einem Referat, das er am nächsten Morgen dann völlig übermüdet vortragen musste. So landete auch er in der achten Klasse bei einem Notendurchschnitt von 4,7. „Meine Mutter war am Ende“, sagt Alexander heute. Erst kam der Umzug der Mutter mit ihren zwei Kindern nach Stuttgart. Dann flog Alexander bereits nach nur einem halben Jahr von der Schule. Ihm blieb eigentlich nur noch die Hauptschule. Doch durch einen guten Tipp und die Hilfe des Jugendamts zog auch er schließlich im Martinshaus ein.

Dominik und Alexander wiederholten als erstes die achte Klasse. Sie wurden beide auf derselben Gruppe untergebracht. Und sie haben beide die Chance, die ihnen hier geboten wurde, genutzt. Die ersten paar Monate waren „schon hart“, sagen sie heute. Für alle Beteiligten natürlich. Langsam, sehr langsam tasteten sie sich an die neue Situation und ihr neues Leben heran, testeten die Grenzen aus. Es brauchte Zeit, bis sie die strengen Regeln auf der Innenwohngruppe 2 akzeptieren konnten: Zum Beispiel die Pflicht, einmal wöchentlich etwas zu unternehmen, kein Alkohol auf der Gruppe, strenge Raucherregeln usw. Doch irgendwann, nachdem die Test- und Rebellionsphase vorbei war, haben sie genau diese Regeln und diese Klarheit als „angenehm empfunden“. Die Erzieher „kennen alle Tricks und lassen sich nicht beschummeln“, haben sie schnell begriffen. Und dann die Vorteile gesehen. Zum Beispiel, dass es auf der Gruppe keine Gewalt und keine Diebstähle gab. Dominik und Alexander haben sich genau auf dieser Gruppe sehr wohl gefühlt. Alexander nennt es sogar sein „viertes Zuhause“. Das vierte, weil es gleich nach seinen Großeltern, seiner Mutter und seiner großen Schwester kommt. Im Nachhinein empfinden sie beide – Dominik genauso wie Alexander – das erste, das härteste Jahr als das beste.

Als eines der schönsten Erlebnisse bezeichnen beide den Abschlussball ihres Tanzkurses. Aber auch die vielen Freizeiten und Gruppenaktivitäten fanden sie cool, daran werden sie sich noch lange erinnern. Die schlechten Erlebnisse haben sie beide aus ihrer Erinnerung gestrichen. Die Schulzeit in Kleintobel haben sie nicht nur einfach abgesessen, sondern sie haben sich engagiert. In ihrer Zeit als Schulsprecher haben sie einiges bewirkt: neue Netze, einen Beamer für SMV und Schule, Pausenbälle, einen PC für das SMV-Zimmer um die Protokolle schreiben zu können, einen SMV-Ausflug nach Rust …Und sie haben noch einige gute Verbesserungsvorschläge auf Lager, um das Leben in Kleintobel attraktiver machen zu können.

Auch das Verhältnis zu ihren Müttern hat sich bei beiden verbessert. Der ehemals ständige Streitpunkt Schule ist entfallen, der Abstand tut gut. Die beiden haben bewiesen, dass sie etwas erreichen können, wenn sie nur wollen. Dass sie es schaffen, ihre Träume und Ziele zu verwirklichen.

Alexander hat sich schon weitere Ziele gesteckt. Im Herbst beginnt er seine Ausbildung zum Koch in einem Sterne-Restaurant in Stuttgart. Wie es genau weitergeht, möchte er aber noch nicht verraten. Er will die Dinge erst mal auf sich zukommen lassen. Auch mit seiner Familienplanung hat er es noch überhaupt nicht eilig. „Kinder sind lästig, wollen nur essen und trinken und kosten Geld“, meint er. Aber bevor es losgeht mit der Ausbildung, macht er erst noch seinen Führerschein. Dominik nutzt seinen guten Schulabschluss und geht weiter zur Schule. Er wechselt in eine andere Jugendhilfeeinrichtung und möchte dort sein Abitur machen.

Dem Martinshaus selbst werden sie wohl keine Tränen nachweinen. Obwohl – vor allem die Erzieher auf ihrer Wohngruppe und, wer weiß, vielleicht sogar den ein oder anderen Lehrer werden sie schon etwas vermissen. Und mit ein paar Personen, mit denen sie besonders gut klargekommen sind, möchten sie auch weiterhin Kontakt halten. Für beide waren es trotz allem drei schöne Jahre. Und Alexander ist fest überzeugt: „Mir hat’s geholfen. Auf jeden Fall.“

Von Birgit Russ