Einer, den man nicht gern gehen lässt

Befragt man Schüler des Hör-Sprachzentrums Altshausen, wie »der Herr Neuburger« so sei, erhält man unerwartete Antworten: »Hilfsbereit«, »immer cool«, »nett«. Unerwartet sind die Antworten deshalb, weil Albert Neuburger zu einer bei Kinern eher unbeliebten Spezies gehört: Hausmeister. Nach 18 Jahren hat er nun den Traktor in die Garage gestellt und seinen dritten Lebensabschnitt begonnen.

Ein Porträt.
■ „Nett“ finden sie ihn. „Nett“. Wer sich in der spracharmen Schülersprache ein wenig auskennt, der weiß: „Nett“ ist das Beste, was Kinder über einen Menschen sagen können. „Nett“ ist Spitze. Ein Adjektiv mit mehr gefühlter liebevoller Aussage kennen sie nicht. „Nett“ heißt so viel wie: Der mag uns Kinder. Vor dem braucht man keine Angst zu haben. Der hat ein gutes Herz.

18 Jahre lang hatte Albert Neuburger die Oberhoheit über den Altshausener Schulpark: 6.000 Quadratmeter Grünfläche, unzählige Büsche und Sträucher, mindestens 2.000 Quadratmeter Wege und Plätze, viel technisches Gerät. Und manch engen Wegbegleiter wie zum Beispiel Christian, Schüler der Hauptschule des Hör-Sprachzentrums Altshausen: „Seit sieben Jahren bin ich an der Schule und seit sieben Jahren helfe ich ihm.“ Im  Sommer nun hat Albert Neuburger seinen wohlverdienten Ruhestand begonnen – und den Traktor in die Garage gestellt.

Ja, der Traktor. Oft genug wurden Albert Neuburger Schüler, die des Unterrichts müßig waren, zu „erzieherischen Maßnahmen“ ans Herz gelegt, besser gesagt zu Arbeitsmaßnahmen ins Gelände abgeordnet. Auf der Schüler-Hitliste seiner von ihm zu vergebenden Arbeiten stand Traktor mitfahren natürlich ganz oben. Weniger beliebt waren Kompost umsetzen oder Schächte ausräumen. Dennoch: „Ich habe ihnen schon manchmal gedroht, dass ich sie melden müsse, wenn sie denn gar nicht mochten. Aber ich hab’s nie getan.“

Seinem im August 1945 gerade vom Krieg heimgekehrten Vater wurde der kleine Albert als der ersehnte Hoferbe geschenkt. Das Glück des Vaters scheint sich auf seinen Sohn übertragen zu haben: „Ich hatte eine glückliche Kindheit, obwohl die kleine Landwirtschaft meiner Eltern die  sechsköpfige Familie nur mehr recht als schlecht ernähren konnte.“ Keiner wird auch den erwachsenen Albert Neuburger während seiner Arbeit auf dem Schulgelände je mit schlechter Laune angetroffen haben. Er machte immer den Eindruck, in sich zu ruhen und es überhaupt nicht nötig zu haben, sich aufzublasen. „Mehr sein als scheinen“ ist das Prädikat seines Lebens.

Von Schicksalsschlägen ist er nicht verschont geblieben. Sein gut 30-jähriger Sohn Thomas, der in Friedrichshafen Beruf und Heimat gefunden hatte, besuchte an seinem Geburtstag seine Eltern in Ebersbach. Weil er im Laufe des Tages einige Glas Sekt getrunken hatte, wollte er im eigenen Auto nicht mehr heimfahren. Ein Freund aus Friedrichshafen bot sich an, ihn heimzubringen. Dabei ist es passiert: Der Fahrer schaffte wegen überhöhter Geschwindigkeit die Kurve nicht mehr, das Auto schleuderte gegen einen Baum. Thomas Neuburger war sofort tot. Dem Fahrer passierte überhaupt nichts. Die Schuldfrage stand außer Zweifel. Dennoch Albert Neuburger: „Wir haben sofort nach dem Unfall Kontakt mit dem jungen Fahrer gesucht. Auch mit seinen Eltern. Wir telefonieren heute noch öfters miteinander. Meine Frau und ich tragen ihm, auch in unseren Herzen, nichts nach. An der Strafe, die das Gericht zur Bewährung ausgesetzt hat, hat er genug zu tragen. Für uns kam es auch nicht in Frage als Nebenkläger aufzutreten.“

Wenn man Albert Neuburger im Altshausener Gelände begegnete, hatte man immer den Eindruck, dass er seine eigene Welt bewegt. Nie wird man gesehen haben, dass er nicht arbeitete. Das aber in einer großen Ruhe, Gelassenheit und Gleichmäßigkeit. Völlig stressfrei. Man fühlte sich bei ihm an Beppo Straßenkehrer aus Michael Endes Momo erinnert: „Er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wusste, es war eine sehr notwendige Arbeit. Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich.“

Der Altshausener Hausmeister konnte das Leben aber durchaus auch genießen. Eine seiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die Dinnete seiner Mutter mit echten Grieben aus eigener Schlachtung. Einmal in der Woche war auf dem Ebersbacher Hof Backtag. In der großen Pause durfte der Erstklässler Albert mit einigen seiner Freunde kurz heimgehen und die köstliche schwäbische Mahlzeit in Empfang nehmen. Er betreibt heute nur noch eine kleine Landwirtschaft, zieht aber immer noch Sauen groß: „Da weiß man, was man veschpert.“

Seit sechs Jahren frönen er und seine Frau einer besonderen Leidenschaft: Die Kastelruther Spatzen. Jedes Jahr Anfang Oktober nimmt er Urlaub und fährt für ein verlängertes Wochenende nach Südtirol. Freitagabend ein Konzert, Samstagabend ein Konzert und am Sonntagmorgen Frühschoppen mit den Spatzen. Albert Neuburgers Lieblingslied aus Südtirol: „Ich würd es wieder tun.“

Ja, Albert Neuburger kann auf zwei Drittel eines geglückten Lebens zurückblicken. Die Schulgemeinschaft verliert mit ihm einen ganz Großen, der alles andere als groß sein wollte. Einen, den man nicht gern gehen lässt. Nur einen freut es, dass Albert Neuburger nun in den Ruhestand geht: Lukas, seinen vierjährigen Enkel, der den Opa einfach nur anhimmelt. Wie sollte es bei einem netten Menschen auch anders sein…

Von Rainer Kössl