Die tollen Typen der Buben-WG-5

24 Stunden im Internat des Hör-Sprtachzentrums Altshausen. Ein Selbstversuch von Rainer Kössl.
■ Beladen mit Sack und Pack komme ich morgens kurz vor Schulbeginn in der Buben-WG an, um für einen Tag Tisch und Bett dieser Gemeinschaft zu teilen. Karin Weichhold, Mama der Männerbande, verabschiedet Julius in den schulischen Alltag: „Zähne geputzt? Denk an den Zahnarzt. Fenster geschlossen? Wegen Fritz.” Fritz ist der Hausmeister und für Energiefragen zuständig.

Zum Mittagessen treffen sich alle 12 Jungens wieder um den großen Mittagstisch, zusammen mit Tobi, ihrem Erzieher (29 Jahre jung). „Tobi ist mein großer Bruder“, so der 14-jährige Felix. Zwanzig weiße Tulpen stehen auf dem Tisch, was mich Besucher zu der, wie sich herausstellen wird,  sehr unvorsichtigen Bemerkung veranlasst: „Typisch Männer- WG: Plastikblumen!”Aber von wegen Kunstblumen. Man reicht mir die Vase. Die Tulpen stehen in Wasser und sind echt. Tobi hat sie vom Gewächshaus seiner Oma mitgebracht. Alles hat, und das ist schon fast ein Fazit dieser 24 Stunden, alles hat Stil hier und Form. Ob es um die Art und Weise der gemeinsamen Mahlzeiten geht oder um die Erfüllung von Pflichten für die Gemeinschaft. Um den Umgang der Jungens miteinander oder um die Beziehung zu den beiden Erziehern der Gruppe.

Tolle Typen lerne ich hier kennen. Zum Beispiel Martin, altgedientes WG-Mitglied und Julius, Nesthäkchen der Gruppe. Julius hat ab und zu Heimweh, die ersten zwei Tage nach dem Wochenende zu Hause. Martin hat für ihn ein wenig die Rolle des großen Bruders übernommen. Er kennt sie schon, denn zu Hause hat er zwei kleine Schwestern. Genauso übrigens wie Julius. Letzterer hat für seine einjährige Schwester Lorena und die dreijährige Chlara im Altshausener Pennymarkt zwei Schmusetiere gekauft, jedes für einen Euro. „Hosenscheißer” nennt Martin seinen Schutzbefohlenen, ihn liebevoll anrempelnd, und Julius antwortet genauso spielerisch aggressiv: „Du Pfeife“.

Daniele ist der Individualist in der Gruppe. Originalton: „Ich will auch cool sein, aber auf meine Art.” Er sammelt Edel-Zigarren, raucht aber nicht. Ebenso Wunderkerzen. Er liebt Mangas (japanische Comics, die man von rechts nach links liest) und Wasabi (gelbes, japanisches  Meerettichpulver). Seine größte Marotte: Er stellt abends des öfteren den Wecker auf drei Uhr und versteckt ihn dann im Zimmer. Warum das Daniele: „Um, wenn man schläfrig aufwacht, richtig fit zu werden.” Morgens ist er einer der ersten, der aufsteht, und den Gang kehrt.

Die anderen tollen Typen mögen es mir verzeihen, wenn kein Platz mehr für sie bleibt, sie hätte ihn verdient: Volker, Felix („Hier ist es wie in einer großen Familie. Ich fühle mich wohl. Alles ist gut.“), Dominic, Philipp („Hier ist es voll o.k., ich bin richtig zufrieden.“), Ramon, Dominik („Wenn ich im Sommer hier weg muss, wird mir alles fehlen“).

Karin Weichhold und Tobi Buck sind sich einig darin, dass ihre Arbeit kein Job ist, sondern eine Kunst und Herzensangelegenheit. Tobi Buck: „Die Kindererziehung läuft mir locker raus“. Und: „Manchmal, wenn es den Kindern schlecht geht, bin ich ergriffen.“