»Wer solche Dunkelheit erlebt hat wie ich...«

Stefan Geiger, Seelsorger am Martinshaus Kleintobel, bat in der Osterwoche um Spenden für Peter*. Sein Spendenaufruf hat viele Menschen bewegt und Fragen aufgeworfen. Wir haben nachgefragt.
Herr Geiger, Sie haben in einem Spendenbrief um Hilfe für Peter gebeten, einen Jungen aus dem Martinshaus Kleintobel. Er hat als Jugendlicher gezündelt und sitzt deshalb auf einem Schuldenberg von rund 180.000 Euro, die er sein Leben lang nicht abtragen kann. Die Geschichte hat unsere Spenderinnen und Spender außerordentlich bewegt. Aber es kamen auch viele Fragen wie: Stimmt das eigentlich alles? Gibt es den Peter wirklich?

Ja, das bin ich auch oft gefragt worden. Ich hab sehr viele Anrufe zu dem Brief erhalten, etliche auch über meine private Nummer. Häufig waren Zweifel und Misstrauen an meinem Spendenaufruf zu spüren. Sätze wie »Sie wollen doch damit nur auf die Tränendrüse drücken« oder »Das kann doch alles gar nicht sein« oder »Was soll denn ein Träger davon haben, dass er nur einer Person hilft« waren häufig zu hören. Ich sage Ihnen, was ich jedem Anrufer gesagt habe: Peter gibt es und seine Geschichte ist wahr! Und ich versichere Ihnen, dass jeder gespendete Euro tatsächlich dem Jungen zugute kommt.

Wie viele Spenden sind denn eingegangen?

Wir haben bis heute 53.227,05 Euro erhalten – unglaublich. Viele Menschen haben einfach so gespendet. Bei den Anrufern habe ich meistens erlebt, dass sie nach der anfänglichen Skepsis wirklich überzeugt waren. »Das ist ja Diakonie pur!«, gehörte zu den meistgeäußerten Aussagen. Ein Jurist aus München, erschüttert über das Ganze, hat 3.000 Euro gegeben, ein Ehepaar aus der Schweiz 1.000 Euro. Die Tochter von Freunden von uns, Jahrgang 86, war so betroffen, dass sie uns 1.000 Euro zukommen ließ. Und dann immer wieder kleine, wertvolle Spenden wie die einer alten Dame, die mir schrieb »Ich bin über 80 Jahre und lebe von meiner Rente … in Ihrem Falle möchte ich helfen, weil mich das Schicksal von Peter sehr berührt … Sie erhalten einmalig 100 Euro.« Zwei Monate später hat sie dann noch einmal 200 Euro gespendet mit den Worten: »Es ist ein langer und steiniger Weg, den der junge Mann bewältigen muß. Es ist sicher Gottes besondere Fürsorge, dass Sie ihm Freund und Helfer geworden sind.«

53.200 Euro sind eine sehr beeindruckende Summe. Doch die Schulden von Peter beliefen sich auf 180.000 Euro. Kann man mit dem Geld überhaupt helfen? Was passiert damit?

Unser Ziel war es ja, einen Eigenanteil für Peter zusammenzubekommen und dann mit seinen Gläubigern zu verhandeln. Das haben wir dank der vielen Spenden geschafft. Mitte September gab es bei einer Stiftung, die sich um solche Fälle kümmert, einen ersten Sondierungstermin. Hier haben wir erfahren, dass mit 70.000 Euro Eigenkapital Peter wahrscheinlich nach 3 bis 5 Jahren schuldenfrei wäre. Jetzt fehlen uns also nur noch 17.000 Euro …

Hat Peter eigentlich die ganze Hilfsaktion mitbekommen?

Natürlich. Wir sind darüber immer wieder im Gespräch. Er kann es eigentlich gar nicht fassen, dass Menschen einen wildfremden Menschen wie ihn, der einen großen Fehler begangen hat, so unterstützen. Kürzlich hat er mir gesagt: »Ich beginne ab und zu davon zu träumen, wieder neu anfangen zu können, frei zu sein, mein Leben zu führen. Ich beginne zu träumen, mal heiraten und Kinder haben zu dürfen. Wer solche Dunkelheit erlebt hat wie ich, der freut sich an jedem kleinen Lichtstrahl.« Das wiederum bewegt mich selbst. Es ist berührend, erleben zu dürfen, wie ein junger Mensch wieder anfängt, sich am Leben zu freuen und die Zeiten tiefster Zweifel und depressiver Episoden weniger werden.

Herr Geiger, noch eine persönliche Frage: Warum setzen Sie sich eigentlich so sehr für den Jungen ein? Und vor allem: Woher nehmen Sie neben Ihrer Arbeit als Therapeut und Seelsorger und vielen anderen Aufgaben die Kraft dazu?

Nun, das eine ist, dass mein Glaube nicht nur mich trägt, sondern auch die Hoffnung und Zuversicht gibt für andere Menschen. Ich habe Peter als einen Schüler erlebt, der tief belastet und verzweifelt lebte, und das hat mich zutiefst motiviert, dem nachzugehen und ihm zu helfen. Ich kann ihn bestens verstehen, wenn er sagt, dass er sich nach tiefster Dunkelheit an jedem Lichtstrahl erfreut. Ich habe selbst tiefste Täler in meinem Leben durchlebt und dankbar erleben dürfen, dass es wieder Licht wurde. Das hat mein Leben und mich geprägt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Petra Hennicke

*Name zum Schutz des Betroffenen geändert. Foto ist Symbolfoto und zeigt nicht die reale Person.