Eine Kirche, die Hungrige satt macht und Arme schätzt

Die Zieglerschen Anstalten und das Diakonische Werk des evangelischen Kirchenbezirks Ravensburg veranstalten im nächsten Jahr erstmals in Ravensburg eine Vesperkirche - eine Idee zieht Kreise.
■ Ravensburg bekommt eine Vesperkirche. Vom 20. Januar bis 8. Februar nächsten Jahres wird die evangelische Stadtkirche am Marienplatz sieben Tage in der Woche, also auch am Sonntag, für alle Menschen geöffnet sein. Ein Ziel ist es, die Hungrigen satt zu machen. Ohne Eingangskontrolle und ohne Nachweis der Bedürftigkeit kann dort jede und jeder für 1,50 Euro ein warmes Essen bekommen, und zwar in der Kirche selbst. Außerdem sind Menschen vor Ort, die nicht nur Essen ausgeben, sondern auch in weiteren Notlagen beraten.

Getragen wird die Initiative vom Diakonischen Werk des evangelischen Kirchenbezirks Ravensburg und von den Zieglerschen Anstalten. Doch vor allem zählen die Initiatoren auf Menschen, die sich ehrenamtlich für die Vesperkirche engagieren wollen. Schon jetzt, knapp ein Jahr vor dem geplanten Start und noch vor jeder Veröffentlichung, wollen zahlreiche Bürgerinnen und Bürger mitmachen, evangelische genauso wie katholische Christen, berichtet Pfarrerin Andrea Holm, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Ravensburg. Sie ist sicher, dass der Betrieb aufrecht erhalten werden kann.

Auch Ludger Baum, der für die Zieglerschen Anstalten die Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk koordiniert, beobachtet: „Die Basis, die die Vesperkirche trägt, verbreitet sich ständig.“ Die katholische Gesamtkirchengemeinde ist mit im Boot, mit Haupt- und Ehrenamtlichen. Die Küchen der Zieglerschen Anstalten planen bereits den Speiseplan und die komplette Logistik. Die ökumenische Sozialstation bietet während der Vesperkirche gleich ein „Gesundheits-Komplett-Paket“ an und richtet eine Ambulanz in der Vesperkirche ein. Ärzte, Pflegefachkräfte, Krankenschwestern werden vor Ort sein. Die Caritas ist mit Suchtberatern in der Kirche, Sozialberatung gibt’s von den Fachleuten von Diakonie und Caritas. Auch die ersten Promis sind auf den Zug aufgesprungen. So wird der Publizist Wolfgang Frommlet, selbst ehrenamtlich im Kirchengemeinderat der evangelischen Stadtkirchengemeinde tätig, im November Pfarrer Martin Friz in seine Live-Talkshow „Angesagt“ im Kulturzentrum „Linse“ im benachbarten Weingarten empfangen. Martin Friz ist der „Vater“ der ersten Vesperkirche in Stuttgart, hat diese 13 Jahre lang verantwortet, hat landesweit für die Idee getrommelt und alle anderen Vesperkirchengründer, darunter auch die Ravensburger, aus seinem reichen Erfahrungsschatz beraten.

Aber braucht Ravensburg überhaupt eine Vesperkirche? Gibt’s hier Armut und Menschen, die nicht satt werden oder sich kein warmes Essen leisten können? In einer Region mit der niedrigsten Arbeitslosenrate in Deutschland, mit annähernder Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel in vielen Branchen? Rolf Baumann, Kaufmännischer Vorstand der Zieglerschen Anstalten betont, dass es diese Armut sehr wohl gibt, offen und versteckt. Nicht umsonst werde in den politischen Gremien darüber diskutiert, dass es in Ravensburg kostenloses Mittagessen an den Schulen geben solle. Kirche und Diakonie seien mit täglich wachsender Armut konfrontiert. Baumann: „Die Vesperkirche macht nicht nur satt. Sie bringt uns auch in Kontakt mit Menschen, die ihre Armut lieber verbergen und deswegen Beratungs- und Hilfsangebote nicht wahrnehmen“.

Auch der Ravensburger evangelische Dekan Dr. Jochen Tolk erwartet, dass die Vesperkirche nicht nur wegen des Essens aufgesucht wird: „Als Jesus die Mühseligen und Beladenen zu sich rief, ging es ihm nicht nur um materielle Not, sondern um Zuwendung, Wertschätzung und Gemeinschaft“.

Nicht nur ehrenamtliche Helferinnen und Helfer braucht eine Vesperkirche, sondern natürlich auch Spenden. Sachspenden, damit ein Mittagessen gekocht werden kann, und Geldspenden natürlich. Unternehmen und Einzelpersonen braucht die Vesperkirche, die die nötigen Mittel bereitstellen. Deshalb wollen die Initiatoren in den nächsten Monaten mit einer breit angelegten Kampagne um Unterstützer und Geld werben.

Die Geschichte der Vesperkirche begann 1995 in der Leonhardskirche in Stuttgart. Mittlerweile gibt es im Gebiet der württembergischen evangelischen Landeskirche 13 solcher Angebote, Ravensburg wird das 14. sein. Pfarrerin Holm: „Wir haben viele Vesperkirchen und deren Verantwortliche besucht und mit ihnen gesprochen. Wir können von deren großer Erfahrung profitieren und von Anfang an erprobte Angebote machen. Aber in jeder Stadt ist die Situation ein bisschen anders. Deswegen werden wir uns auf die einstellen, die kommen, und auf deren Bedürfnisse“. Weitere Informationen bei Pfarrerin Andrea Holm, Diakonisches Werk Ravensburg, Telefon (07 51) 295904-10 und bei Ludger Baum, Zieglersche Anstalten, Telefon (07 51) 295904-16.

Von Christof Schrade