Von Autos, Tastwürfeln und Primeln

Jung trifft Alt: Ein Bericht über den Alltag einer wahrlich nicht alltäglichen Partnerschaft zwischen Altenpflegeheim und Schule in den Gemeinden Schorndorf und Aldingen
■ „Was konnte man früher kaufen, was es heute nicht mehr gibt?“, „Welches Geld gab es früher?“, „Wie wurde die Stadtmauer in Schorndorf zerstört?“ – Heimatkunde einmal anders. Fast fünfzig Fragen hat sich die dritte Klasse der Künkelinschule in Schorndorf ausgedacht. Und nun sitzt der Besuch, der Antworten geben kann, mitten im Klassenzimmer. Eine Bewohnerin und ein Bewohner des benachbarten Altenpflegeheims Karlsstift stehen den neugierigen Schülern eine Schulstunde lang Rede und Antwort – und am Ende sind die Jungen und Mädchen ein Stückchen schlauer. Sie wissen nun, wie es in Schorndorf vor und nach dem Krieg aussah, dass die Autos größer waren und eine Waschmaschine lange als echter Luxus galt.

Momentaufnahme aus der Zusammenarbeit zwischen dem Schorndorfer Altenpflegeheim und der Grundschule, die nur einen Steinwurf vom Karlsstift entfernt ist. Sie zeigt beispielhaft, was im Fachjargon der Zieglerschen Altenhilfeeinrichtungen „Gemeinde- und Quartiersbezogene Angebote“ heißt. Gemeint ist damit die Vernetzung im Gemeinwesen, das heißt, die Gemeinde ins Haus zu holen und auch in der Gemeinde präsent zu sein. Das Motto „Leben wo man sich auskennt“ beschreibt diese Konzeption so griffig, das es mittlerweile zu einem geflügelten Wort geworden ist.

Diese Konzeption passt vor allem auf die kleineren Senioreneinrichtungen, auf Häuser, die mitten in kleinen Gemeinden liegen und dort die Versorgung mit Pflegeplätzen sicherstellen. So gesehen bildet das Karlsstift mit seinen 76 Plätzen eher eine Ausnahme. Dafür steht es in Schorndorf aber nicht „auf der grünen Wiese“ sondern seit nun schon über 130 Jahren am gleichen Platz, nahe beim Rathaus und bei der Stadtkirche. Zentraler geht’s fast nicht, die Kooperation mit der ebenso zentral gelegenen Künkelinschule wird schon lange praktiziert.

Aber nicht nur die Verwurzelung in der Gemeinde sorgt für solche Begegnungen zwischen den Generationen. Für die meisten Bewohnerinnen und Bewohner der mittlerweile knapp 20 Einrichtungen der Zieglerschen Altenhilfe gehörten und gehören Kinder zu ihrem Leben, seien es nun der eigene Nachwuchs, die Enkel, die Nichten und Neffen oder die Nachbarskinder. Heute bringen Kinder und Jugendliche Leben und Bewegung ins Pflegeheim und sind allein deshalb schon gern gesehene Gäste. Geschätzt wird auch die Unbefangenheit und Natürlichkeit im Umgang mit gebrechlichen oder demenziell erkrankten Menschen. Die Altersspanne der Besucher reicht dabei von den Kindergartenkindern, die den Alten Lieder singen und Tänze vorführen, bis zu den Teenagern, die mit ihrer Konfirmanden-Gruppe vorbeischauen oder beim Sozialpraktikum Einblicke in die Berufswelt bekommen.

Spannend wird es vor allem dann, wenn die ältere und die jüngere Generation miteinander ins Gespräch kommt, zum Beispiel beim gemeinsamen Mittagessen. Dabei werden Erfahrungen ausgetauscht, Fragen gestellt. Und Erinnerungen aus dem Gedächtnis hervorgekramt.

Das immer wieder verbindende Element dabei ist Spielen. „Spielen bringt alte und junge Menschen an einen Tisch“, meint Gundi Saile, Hausleiterin des Seniorenzentrums Im Brühl in Aldingen. Ganz bewusst haben sie und ihr Team die Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten gesucht – die engagierte Verbindung mit der neunten Klasse der örtlichen Hauptschule ist ein Ergebnis. „Ein so reger Austausch zwischen jungen und hochbetagten Menschen ist nicht selbstverständlich,“ weiß Gundi Saile. Umso mehr freut sie sich, wie gut die Treffen, ob im Seniorenzentrum oder in der Schule, klappen. Vergangene Weihnachten kamen die Senioren zur Weihnachtsfeier „ihrer“ Schüler. Kurz danach folgte der Gegenbesuch. Und die Schüler kamen nicht mit leeren Händen. Was sie mitbrachten, waren in einer Projektwoche selbst entworfene und gebastelte Spiele, die gleich gemeinsam ausprobiert wurden. Beim Tastwürfel geht es um das Erkennen von Gegenständen, bei der Fühlwand um Oberflächenstrukturen. Der Clou ist jedoch das Brettspiel „Rundgang durch Aldingen“. Start- und Ziel ist das Seniorenzentrum. Von hier aus wandern grauhaarige Spielfiguren durch die Gemeinde. Die Spieler passieren allseits bekannte Orte wie die Bäckerei, den Supermarkt oder die Drogerie. Bei allen Spielen müssen Aufgaben erfüllt werden, die die Bewohner spielerisch fordern und dazu beitragen, Kenntnisse und Fähigkeiten zu erhalten. Kein Zweifel: die Spielenachmittage in Aldingen sind ein großer Erfolg.

Zurück im Karlsstift. Heute kommen 21 Kinder einer ersten Klasse aus der Künkelinschule. Ina Bös, zuständig für den Bereich Soziales und Betreuung, nutzt die Gelegenheit, um auf spielerische Weise Gedächtnistraining einfließen zu lassen. Alle zwei Wochen, immer mittwochs, kommen die Sechs- bis Siebenjährigen pünktlich um 9.30 Uhr in den Aktivraum im Karlsstift. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind schon da und begrüßen die Erstklässler mit einem Lied oder einfach nur Applaus. Gemeinsam mit dem Klassenlehrer gestaltet Ina Bös den Unterricht. „Wichtig ist, dass die Kinder etwas lernen und die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Freude daran haben“, weiß Ina Bös. Spiele, wie das Üben der Namen der Kinder und der Bewohner oder Rechenspiele werden ebenso gern aufgenommen wie die „Schneeballschlacht“ im Winter – mit weißen Socken – oder eine Kegelrunde – im Sitzen.

So entstehen nicht selten ganz innige Beziehungen zwischen den Senioren und „ihren“ Kindern. Einer von den Jungs aus der ersten Klasse besucht ab und zu „seine“ Bewohnerin. Ganz Kavalier hat er ihr im Frühling Primeln geschenkt und gemeinsam haben sie die Blumen im Garten eingepflanzt. Ob sie wohl im nächsten Jahr wieder blühen? Die beiden werden es sehen.

Von Birgit Liede