»Die Vesperkirche ist in der Gesellschaft angekommen«

Ludger Baum, »Vesperkirchenbeauftragter« der Zieglerschen, über die Finanzierung der Vesperkirche ausschließlich durch Spenden: »Wo wir anklopfen, ist uns Unterstützung sicher«
■ Ludger Baum, Fachdienstleiter in der Behindertenhilfe, ist seit Beginn der Vesperkirche in Ravensburg vor vier Jahren unser »Vesperkirchenbeauftragter«. Er war täglich vor Ort, er hat im Vorfeld eine Unzahl von Dingen organisiert. Die Vesperkirche ist ein rein spendenfinanziertes Projekt. Wir haben ihn gefragt, welche besonderen Herausforderungen darin für ihn und die Vesperkirche liegen.

Woher kommen die Spenden für die Vesperkirche?

Wir haben für die jetzt zu Ende gegangene Vesperkirche 2012 in Weingarten bei Ravensburg gut 60.000 Euro an Spenden bekommen. Das ist eine enorme Summe! Rund 37.000 Euro konnten wir durch gezielte Maßnahmen, wie persönliche Spendenbriefe oder Beileger in Zeitungen »einwerben«; wie man neudeutsch sagt. Und fast 24.000 Euro kamen sozusagen spontan. Klein- und Großspenden während der Vesperkirchenzeit waren dabei. Leute, die es sich leisten können, zahlten 1,50 Euro fürs Essen und warfen so manchen Schein ins daneben stehende Spendenkässchen. Eine Firma übergab während der Vesperkirchenzeit einen Scheck über 2.500 Euro. Das ist kaum kalkulierbar. Umso dankbarer sind wir dafür.

Verursacht das großen Aufwand, um Spenden zu bitten?

Ja, der Aufwand ist groß. Vor allem im Vorfeld. Es müssen sehr viele Dinge geplant und abgestimmt werden. Wen schreiben wir an? Wen sprechen wir persönlich an? Was sind unsere Botschaften? Wann ist die beste Zeit, um Spenden zu bitten? Mit welchen Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit begleiten wir unsere Spendenbitten? All das muss geplant werden. Auch wenn die Vesperkirche Ravensburg und Weingarten mittlerweile eine wirklich sehr bekannte Sache ist, müssen wir doch jedes Jahr neu im immerwährenden Strom der Nachrichten unsere Sache wieder bekannt machen. Das macht ganz schön viel Arbeit.

Und wie ist die Reaktion, wenn Sie um Spenden bitten?

Die Reaktion ist einfach überwältigend! Es gibt ja nicht nur Geldspenden! Da kommt der Baubetriebshof der Stadt Weingarten, demontiert die Kirchenbänke, lagert sie ein, und montiert sie später wieder, sorgt für Starkstromanschluss und macht noch viele andere Dinge. Und das alles für ein Dankeschön! Unsere Friseurinnen und unser Arzt spenden ihre Zeit und ihre Professionalität. Ehrenamtliche, die noch im Beruf stehen, nutzen ihre Mittagspause, ihre eigene kostbare, freie Zeit, um bei uns mitzuarbeiten. Es gibt noch viele, viele andere schöne Beispiele. Kurz gesagt sind wir in der glücklichen Situation, dass wir, wenn wir an Türen klopfen und bitten, sofort die Frage hören: »Was braucht Ihr?«

Die Zieglerschen waren ja von Anfang an Kooperationspartner der Vesperkirche und haben viel investiert an Zeit und Geld. Aber bringt dieses Engagement den Zieglerschen auch was?

Man darf das nicht so sehen, dass wir dadurch versuchen würden, die Belegung unserer Einrichtungen zu steigern. Das wäre lächerlich. Aber natürlich »bringt« uns die Vesperkirche ungeheuer viel: Die Kirchengemeinde vor Ort und ihre begeisterten Ehrenamtlichen lernen Diakonie von einer ganz neuen und sympathischen Seite kennen. Weingarten erlebt evangelisch-diakonische Aktivitäten und begeistert damit viele katholische Mitchristen, die sich ebenfalls als Ehrenamtliche engagieren.

Wennn ich für die Vesperkirche spende, wie kann ich dann wissen, ob meine Spende wirklich ankommt?

Kaum irgendwo besser als in der Vesperkirche können Sie es selbst erfahren. Wenn Sie Ihren Kuchen reintragen, den Sie am Vormittag gebacken haben, ist der nach fünf Minuten weg und Sie sehen strahlende Gesichter.

Wir leben doch in einem reichen Land. Brauchen wir hier wirklich Spenden?

Man kann auch als Geldspender spüren und erfahren, wie sinnvoll es ist, für dieses Projekt zu spenden. Beim Essen am Tisch lernt man direkt Menschen kennen, die wochenlang im Winter an der Heizung sparen müssen und sich kein warmes Essen leisten könnten. Und man stellt betroffen fest, dass diese Leute nur zwei Straßen weiter wohnen, dass es die eigenen Nachbarn sind. Viele von denen, denen es gut geht, erfahren in der Vesperkirche zum ersten Mal wirklich und ganz praktisch, wie ungleich die finanziellen Mittel in unserem Land verteilt sind. Die Ungleichverteilung trifft sich sozusagen am Mittagstisch. Das vergessen die Menschen nicht so schnell wieder.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Christof Schrade.